„Yesterday“: Wie wäre eine Welt ohne die Beatles?

"Yesterday": Charmante Abrechnung mit der Pop-Maschinerie
Ed Sheeran (r.) spielt sich in "Yesterday" selbst und mit sich dabei nicht zu ernst © © Jonathan Prime/Universal Pictures, SpotOn

Neuer Film von Danny Boyle

"Ein Leben ohne Mops ist möglich - aber sinnlos", sinnierte einst Komik-Legende Loriot. Ähnlich sieht es Danny Boyle in seinem neuen Film bezüglich besonders musikalischer Käfer. Wie wäre eine Welt ohne die berühmteste Band aller Zeiten, The Beatles? Ab dem 11. Juli geht er in "Yesterday" dieser Frage einfallsreich und charmant auf den Grund - und das trotz der weit hergeholten Story bis zur letzten Sekunde.

Sturz auf den Pilzkopf

Jack Malik (Himesh Patel) ist ein talentierter Musiker. Leider scheint das außer seiner besten Freundin/Managerin Ellie (Lily James, "Baby Driver") niemand zu realisieren und so tingelt er stetig desillusionierter durch Fußgängerzonen und Pubs. Als er die Chance bekommt, bei einem Festival aufzutreten, dort jedoch nur auf einer abgelegenen Mini-Bühne vor drei Kindern und ebenso vielen seiner Kumpel spielt, ist sein Entschluss gefallen: Sehr zum Schrecken von Ellie will er die Gitarre und damit seine Musiker-Ambitionen an den Nagel hängen. Doch es kommt alles anderes.

Als er eines Nachts mit dem Fahrrad unterwegs ist, wird die ganze Welt Zeuge eines plötzlichen, mysteriösen Stromausfalls. Jacks Pechsträhne hält an und just als der Blackout die kleine britische Hafenstadt Lowestoft erreicht, in der er wohnt, wird er von einem Bus erfasst. Während er bei dem Vorfall nur zwei Zähne verliert, geht der gesamten Weltbevölkerung aber etwas viel Wichtigeres abhanden - die Erinnerung an die Beatles und all ihrer Hits! Glaubt Jack zunächst noch an einen bösen Scherz seiner Freunde, als keiner von ihnen den Song "Yesterday" kennen will, merkt er nach einer kurzen Google-Recherche schnell, dass außer ihm tatsächlich niemand mehr John, Paul, George und Ringo kennt. Seine Chance, mit den Hits der Beatles eine Weltkarriere zu starten...

Aller Anfang ist schwer

Anhand der Inhaltsbeschreibung wird bereits überdeutlich, dass gerade zu Beginn vom Zuschauer verlangt wird, sich auf die hanebüchene Prämisse des Films einzulassen - ohne sich zu viele der offensichtlichen Fragen zu stellen. Zwar wirkt die Handlung von "Yesterday" ähnlich konstruiert wie jene von Ricky Gervais' Film "Lügen macht erfinderisch", in der außer Hauptfigur Mark (Gervais) niemand in der Lage ist, Unwahrheiten zu erzählen. Einen großen Unterschied gibt es aber.

Im Gegensatz zu besagter Komödie von 2009 schaffen es Boyle und Drehbuchschreiber Richard Curtis mit "Yesterday", die Idee über zwei Stunden lang zu tragen und ins Ziel zu retten. Was selbstredend auch mit ihrem musikalischen Taschenspielertrick zusammenhängt, eine Handlung ersonnen zu haben, die es ermöglicht, wirklich alle Hits der Beatles zu verwursten. Hobby-Pilzköpfen ist das aber herzlich egal und so können sie sich ein ums andere Mal auf einen ikonischen Song freuen, den sich Songwriter-Genie Jack mal eben "ausgedacht" hat. Zumal damit auch eine interessante Frage behandelt, die die heutige Popindustrie kritisch beäugt:

Überdeutliche Aussage

Würde es die heutige Musikindustrie überhaupt noch zulassen, dass die Beatles jenen Nimbus erreichen, der sie bis heute auszeichnet? Früh muss Jack nach seinem Durchbruch herausfinden, dass eine Karriere im Musik-Business heutzutage mit Dutzenden Image-Beratern, Stylisten, Werbedeals und Scheinwelten daherkommt. Es interessiert sich doch kein Schwein für eine Platte mit dem kryptischen Namen "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" - sind auch viel zu viele Zeichen für Twitter. Und satt "Hey Jude" wäre der Songtitel "Hey Dude" doch viel besser!

In Person von Jacks neuer Managerin Mandi (Kate McKinnon) fällt die Kritik am heutigen Reißbrett-Ruhm besonders deutlich, geradezu karikaturesk aus. Die sieht bei ihrem neuesten Geldesel natürlich nur die Dollarzeichen und würde ihre eigene Großmutter für einen Masala Chai Latte verhökern. Etwas weniger auf die Zwölf hätte es auch getan, wobei es jedoch ein interessantes Licht auf einen Superstar der Moderne wirft: Ed Sheeran.

Charmant und selbstironisch

Der spielt sich in "Yesterday" vielleicht nicht Oscar-verdächtig, aber ausgesprochen charmant und selbstironisch. Wie Jack wird auch er von Raffzahn Mandi gemanagt, als Handy-Klingelton hat er einen Hit von sich. Wenig latent scheint sich mit "Yesterday" auch Sheeran eine längst vergangene Zeit herbeizusehen, in der ein Musiker einfach nur ein Musiker sein konnte - und keine Marke, der von tausenden Richtungen die beste Marketing-Strategie souffliert wird.

Apropos charmant: das lässt sich über den gesamten Film sagen. Das liegt an der vielleicht witzigsten Google-Recherche aller Zeiten und an der Tatsache, dass sich mit Ausnahme besagter Mandi die Haupt- und Nebenfiguren allesamt nichts Böses wollen. Speziell die liebenswerten Figuren von Himesh Patel und Lily James haben eine tolle Chemie miteinander und wachsen einem ans Herz. Da sind auch Genre-gängige Klischees wie das stete "einander knapp verpassen" oder "in letzter Sekunde gestört werden" gerne zu verschmerzen.

Fazit:

Die Musik der Fab-Four läuft zuhause noch immer auf Dauerrotation? Dann rein in die Chelsea-Boots, den Pilzkopf gestutzt und ab ins Kino. Für Fans der Beatles ist "Yesterday" ein Pflichttermin, für alle anderen immerhin eine charmante Romantic-Comedy mit sagenhafter Musik. Wer sich auf die übersinnliche Handlung des Streifens einlässt, kann sich über zwei Stunden Feel-Good-Unterhaltung freuen. Doch verlässt der Zuschauer nach "Yesterday" das Kino nicht nur mit einem guten Gefühl, sondern mit mindestens einem halben Dutzend Ohrwürmer: "Ob-la-di, ob-la-da, life goes on, bra, La-la, how the life goes on!"

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