'Wonder Woman': Gal Gadot überzeugt als längst überfällige Superheldin

"Wonder Woman": Im Schützengraben gibt es keine Amazonen
Mit Gal Gadot wurde ohne Zweifel die perfekte Darstellerin für die Superheldin "Wonder Woman" gefunden © Warner Bros. Entertainment Inc., SpotOn
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Eine lange überfällige Heldin

Das Schwert gezückt, das Lasso am knappen Rock befestigt und den Schild geschultert: Es ist ein wundersamer Anblick, den die Soldaten an der Front des Ersten Weltkriegs zu sehen bekommen. Ist da eben tatsächlich eine bildhübsche und übermenschliche Amazone in den Schützengraben gestiegen? Die filmische Ehe des grausamen Gaskriegs mit Popkultur- und Popcorn-Kino im Stile aktueller Comic-Adaptionen hätte sehr schnell sehr bedenklich werden können. Stattdessen entpuppt sich "Wonder Woman" tatsächlich als Meilenstein - einer, der im Jahr 2017 eigentlich keiner mehr sein dürfte.

Zu Großem geboren

Schon von klein auf zeichnete sich ab, dass das Mädchen Diana (Gal Gadot, 32) etwas Besonderes ist. Immerhin wurde sie von ihrer Mutter, der Amazonenkönigin Hippolyta, aus Ton erschaffen und bekam von Zeus höchstpersönlich Leben eingehaucht. Auf einer verborgenen Insel fernab der patriarchalischen Zivilisation und nur unter ihresgleichen wächst Diana in der Folge zur ultimativen Kriegerin heran. Eine Kämpferin, die ihre unvorstellbaren Fähigkeiten früher zum Einsatz bringen muss, als es vor allem ihrer Mutter lieb ist.

Denn der amerikanische Spion Steve Trevor (Chris Pine) stürzt mir nichts dir nichts mit seinem Flugzeug auf der Insel ab, just als Diana das volle Potenzial ihrer Kräfte entdeckt. Im Schlepptau hat er eine ganze Armee an deutschen Soldaten, die ihm nach dem Leben trachten. Nachdem die Amazonen kurzen Prozess mit den Eindringlingen gemacht haben, eröffnet ihnen Steve, dass überall um sie herum gerade der Krieg aller Kriege wüte, der schon Abermillionen unschuldige Menschenleben kostete. Diana, die der festen Überzeugung ist, dass nur der Kriegsgott Ares für dieses Leid verantwortlich sein kann, entschließt sich, ihr sicheres Heim erstmals hinter sich zu lassen und Steve an die Front zu folgen.

Jetzt schon ein Fanliebling

In ihrer naiven und weltfremden (selten passte dieser Ausdruck besser) Art erinnert Diana alias "Wonder Woman" an eine Mischung aus "Thor" und Lilu (Milla Jovovich) aus "Das fünfte Element". Nicht nur Kindermund tut Wahrheit kund, auch Amazonenmund ist dazu höchst unterhaltsam in der Lage: "Was ist denn das", fragt sie zu Beginn, als der nackte Steve Trevor vor ihr steht. Doch gemeint ist nicht etwa sein bestes Stück, sondern die Armbanduhr, die neben seinen Klamotten liegt. Der Gedanke, dass ihr eine selbstauferlegte Fessel wie die geregelte Zeit befehlen soll, wann sie etwas Bestimmtes zu tun habe, wirkt absurd auf Diana. Tausendfach potenziert gilt das erst recht für die Überlegung, dass ein Mann diese Macht über sie habe.

In der Folgezeit liefern sich Diana und Steve charmante Wortgefechte auf Augenhöhe, die nicht selten an die klassischen Screwball-Komödien wie "Es geschah in einer Nacht" aus den 1930er Jahren erinnern. Nur, dass es bei "Wonder Woman" eher "Es geschah in einem Weltkrieg" heißen müsste. Den filmischen Zweifrontenkrieg, einerseits für solch unbefangene Einlagen zu sorgen, andererseits die Schrecken des Krieges ungeschönt darzustellen, dieser schwierige Spagat ist Regisseurin Patty Jenkins überraschend gut gelungen. Zwar nicht so bedingungslos, wie es der schier unendliche Hype zu "Wonder Woman" im Vorfeld des deutschen Kinostarts andeutete. Aber immer noch verdammt gut.

Sind wir es überhaupt wert?

Doch ebenfalls wie Lilu muss sich auch Diana im Laufe des Films die Frage stellen, ob es die kriegstreibende Menschheit überhaupt wert ist, gerettet zu werden. Sie betritt zwar als alles überstrahlende Amazone den Schützengraben. Davor gefeit, von dem Leid des erbarmungslosen Stellungskriegs zermürbt zu werden, ist aber auch sie nicht. Von ihrem unschuldigen Optimismus, den Ersten Weltkrieg im Alleingang zu beenden, ist spätestens dann nichts mehr übrig, als ein ganzes Dorf voller Zivilisten einem Giftgasangriff anheimfällt.

Gal Gadot geht in dieser anspruchsvollen Rolle voll auf. Vermag, die Augen der Zuschauer aus Rührung oder vor Lachen glänzen zu lassen. Ungeachtet ihrer schwer von der Hand zu weisenden, physischen Attraktivität verkörpert Gadot vor allem eine Heldin, die mit ihren Werten, ihren Überzeugungen und ihrer Selbstständigkeit überzeugt. In den 1940er Jahren wurde "Wonder Woman" erschaffen, als William Moulton Marston erkennen musste, dass der Comic-Boom nicht eine einzige weibliche Superheldin hervorgebracht hat. Dass eine ähnliche Erkenntnis erst im Jahr 2017 in einem gelungenen Film mit einer weiblichen Superheldin (von einer weiblichen Regisseurin) mündet und daher als Meilenstein gefeiert werden muss, ist eigentlich ein Jammer.

Emanzipation kennt keine Seiten

Schön ist auch, dass "Wonder Womans" emanzipatorische Bedeutung nicht dadurch versucht wird zu erzeugen, indem die Männerwelt als durchgehend roh und/oder unfähig dargestellt wird. Wir blicken hier strengen Blickes in Richtung des weiblichen "Ghostbuster"-Reboots... Auch Steve Trevor und der Rest des Himmelfahrtskommandos leisten ihren wichtigen Beitrag, ohne der Hauptfigur die Show zu stehlen. Und auf der Gegenseite ist der deutsche General Ludendorff (Danny Huston) ebenso übertrieben diabolisch dargestellt, wie die Chemikerin Dr. Maru (Elena Anaya) - völlig gleichberechtigt in ihrer Unmenschlichkeit sind die Bösewichte in "Wonder Woman". Wobei hinter ihrer Kriegslust ja ohnehin Ares steckt - oder etwa doch nicht?

Im Action-Westen nichts Neues?

So sehr Regisseurin Jenkins mit der Symbolkraft von "Wonder Woman" neue Wege beschreitet, so sehr verlässt sie sich bei den Action-Sequenzen auf Altbewährtes. Natürlich konnte sie hier das Backpfeifen-Rad nicht neu erfinden, viele der immer wieder einsetzenden Zeitlupen im Kampf muten aber doch wie eine visuelle Altlast aus der Zack-Snyder-Ära an - minus den Blutfontänen eines "300". Ausgerechnet der große Endkampf des Films lässt dabei jede Innovation vermissen und mündet in einem sichtbaren Computereffekt-Klumpatsch, der "Batman v Superman" damals den Todesstoß verpasste. Mit der Ausnahme, dass bei "Wonder Woman" der ganze Rest zu überzeugen weiß.

Fazit:

Es ist kein Leichtes, eine übertriebene Superheldin wie "Wonder Woman" einerseits lustig-charmant, andererseits kriegsgebeutelt darzustellen. Regisseurin Patty Jenkins ist dieser Spagat nicht nur gelungen, sie hat mit ihrem Film ein längst überfälliges Statement im Comicfilm-Universum gesetzt. Eines, das Marvel den Kinogängern bislang noch schuldig geblieben ist. Auch wenn "Wonder Woman" meist auf bewährten Action-Einheitsbrei setzt, die positive Stimmung, mit der der Film Frauen wie Männer in die Nacht entlässt, bleibt: Von solchen Superheldinnen wollen wir mehr sehen.

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