Weltfrauentag: Musikbranche hinkt bei der Gleichberechtigung hinterher

Weltfrauentag: Musikbranche hinkt bei der Gleichberechtigung hinterher
"Frauen sind immer noch in allen Top-Jobs der Musikindustrie unterrepräsentiert", bemängelt Amy Macdonald. © Roger Deckker, SpotOn

Kritik von Amy Macdonald und Co.

Am Weltfrauentag, der traditionell am 8. März gefeiert wird, soll auf Gleichberechtigung und die Emanzipation der Frau aufmerksam gemacht werden. Doch wie weit ist die Musikbranche bei diesem Thema? Die britische Sängerin Amy Macdonald (33, "The Human Demands"), Suzie Kerstgens (49) von der Band Klee ("Wenn der Himmel auf die Erde fällt") und Loi (18), Finalistin bei "The Voice Kids" 2017, stellen der Musikbranche im Gespräch mit der Nachrichtenagentur spot on news kein gutes Zeugnis aus. "Die Branche hinkt noch völlig hinterher", mahnt etwa Macdonald.

Inwiefern sind Frauen auch heute noch benachteiligt in der Musikbranche?

Loi: Ein Blick in die Charts oder das Line-up von Festivals reicht eigentlich aus, um zu sehen, dass es hier einfach immer noch ein großes Ungleichgewicht gibt. Ich glaube schon, dass es auch innerhalb der Musikindustrie noch viele Vorurteile gegenüber Frauen gibt, wenn vielleicht auch unterbewusst! Nach dem Motto: Die sind zu schwach und zu emotional für das Musikbusiness. Aber ich glaube, es ändert sich gerade echt viel. Und ich werde versuchen, da meinen Beitrag zu leisten.

Amy Macdonald: An Frauen werden immer noch viel höhere Maßstäbe gesetzt als an Männer. Frauen werden ständig für ihr Aussehen kritisiert und manchmal fühlt es sich so an, als müsse man als Frau besonders hart arbeiten, um an den gleichen Platz zu kommen wie unsere männlichen Kollegen. Frauen werden ständig lächerliche Fragen über ihren Körper und ihre Schwangerschaft gestellt und sie werden jeden Tag beurteilt. Mir wurde von bestimmten Radiosendern gesagt, dass "wir eigentlich keine weiblichen Künstler spielen" und ich solle das einfach akzeptieren! Es ist noch ein langer Weg bis zur Gleichberechtigung in der Musikindustrie.

Suzie Kerstgens: Der Gender Gap ist immer noch spürbar in der Musikbranche, die sich selbst als progressive Branche darstellt, aber leider ultrakonservativ funktioniert. Da ist die Popmusik ein Spiegel unserer Gesellschaft. Im Rundfunk dominiert weiterhin ein Missverhältnis von 70:30, was den Einsatz männlicher im Verhältnis zu weiblicher Musik betrifft. Ähnlich verhält es sich bei Festival-Bookings. Da haben wir Frauen lediglich den "Exoten-Bonus".

Das Musikbusiness ist ein Buddy-Business, in dem sexistische Normen unbewusst und unverarbeitet aufgenommen und weitergegeben werden. Rollenstereotypen gelten nach wie vor. Da hat sich seit Beginn der Musikgeschichte nicht viel geändert. Frauen dürfen Musik machen, wenn sie dabei schön aussehen. Solange sich Frauen während einer großen Samstagabend-TV-Show immer noch auf überdimensionale, blümchengeschmückte Schaukeln setzen lassen, um ihren Song zu performen, lässt sich dieses Klischee auch schwerlich aufbrechen.

Haben Sie schon einmal Nachteile erlebt, weil Sie eine Frau sind? Wie sind Sie damit umgegangen?

Loi: Ich stehe ja gerade noch am Anfang und gehe meine ersten Schritte in der Branche. So richtig ist mir da jetzt noch nichts aufgefallen, aber es gab schon auch die Situation, in der man sich einfach nicht richtig ernst genommen fühlt und die Leute nicht richtig zugehört haben, weil sie sich schon eine Meinung über einen gebildet hatten. Gerade, wenn sich zum Beispiel Major A&Rs (Artists and Repertoire, redaktioneller Teil einer Plattenfirma; Anm. d. Red.) ein Urteil über dich bilden, ohne dich zu kennen. Da denkt man sich dann schon: Würde die Person auch so über mich urteilen, wenn ich ein Typ wäre, oder an was liegt das jetzt? Ich hoffe, das ist eher die Ausnahme und ich mache persönlich nicht noch mehr Erfahrungen in die Richtung, aber selbst, wenn... Ich glaube, ich bin ganz gut vorbereitet, denn ich weiß ganz genau, was ich will!

Macdonald: Ich habe es erlebt und ich erlebe es leider immer noch und es fühlt sich immer noch so an, als ob wir wenig tun können. Es muss sich auf jeder einzelnen Ebene der Branche etwas ändern, und ich habe bisher noch keine sinnvolle Veränderung gesehen.

Kerstgens: Ich stoße immer wieder an Grenzen, die oft subtil und offensichtlich übergriffig sind. Dazu gehört die Herabsetzung einer von mir formulierten Kritik als "hysterische Befindlichkeit" sowie das Nicht-Gehört-Werden in einer männerdominierten Debatte und die launigen "Ausziehen, Ausziehen"-Zwischenrufe des vorrangig männlichen Publikums auf einem Festival, denen man mit Ignoranz begegnet. Oder man reagiert damit, diese Menschen aus der Anonymität herauszuholen und sie auf die Bühne zu bitten, um im Wettbewerb eine Flasche Bier zu exen. Sich also quasi mit ihnen gemein macht, um zu beweisen, dass man "ein ganzer Kerl" ist. Ich habe mich oft männlicher, trinkfester und kumpelhafter gegeben als ich wollte, um davon abzulenken, dass ich ja eigentlich eine Frau bin.

Wie hat sich die Rolle der Frau in der Musikbranche über die Jahre verändert?

Loi: Ich war ja nicht dabei, aber ich schätze, früher war es bestimmt NOCH deutlich männerdominierter. Viele Frauen werden gerade viel sicherer und selbstbewusster und trauen sich einfach generell mehr zu. Auch gibt es immer mehr weibliche, unabhängige und erfolgreiche Vorbilder, an denen man sich orientieren kann und die auch für mich eine große Inspiration sind. Auch ist es heute viel einfacher, eigene Musik zu veröffentlichen. Man ist nicht so abhängig von wenigen - meistens männlichen - Entscheidern. Auch ohne ein großes Musiklabel kommt man heute ja zum Beispiel schon ziemlich weit.

Macdonald: Ich glaube nicht, dass sie sich verändert hat. Frauen sind immer noch in allen Top-Jobs der Musikindustrie unterrepräsentiert. Es gibt nur sehr wenige Frauen, die in hochkarätigen Positionen in der Musikbranche arbeiten. Es gibt nur sehr wenige Frauen, die in der Musikproduktion arbeiten, und es ist immer noch ziemlich ungewöhnlich, eine weibliche Crew auf Tour zu haben.

Kerstgens: Viele Frauen waren clever genug statt des Fernsehers die sogenannte Besetzungscouch aus den Hotelzimmern zu schmeißen. Wir haben den Konkurrenzgedanken hinter uns gelassen und featuren uns gegenseitig. Es gibt die Keychange-Bewegung und Vereine wie MusicWomen in vielen Bundesländern, die zum Umdenken anregen und Synergien schaffen. Die GEMA hat nach dem Skandal 2018 ihre traditionellen Strukturen verändert und die Jury des Musikautorenpreises, die zu 100 Prozent männlich war, in eine 50:50-Situation überführt. Es gibt in der Musikbranche mehr und mehr selbstbewusste Künstlerinnen, die Haltung zeigen und Vorbild sind. Mehr Frauen auf der Bühne führen zu mehr Frauen auf der Bühne.

Was muss noch getan werden, damit Frauen gleichgestellt sind?

Loi: Vielleicht wäre es ein Anfang, wenn sich Labels und Co. um so etwas wie Gleichstellung im Artist-Roster oder in Live-Line-ups bemühen und dass auch Radiosender und alle, die Musik verbreiten, mehr darauf achten. Dann kommt die Gerechtigkeit in den Charts etc. von ganz allein. Insgesamt finde ich wichtig, dass sich Menschen ohne Vorurteile zuhören und jeder gesehen wird.

Macdonald: Es ist noch sehr viel Arbeit nötig, bevor wir überhaupt von Gleichberechtigung sprechen können. Die Branche hinkt noch völlig hinterher. Frauen sind immer noch auf allen Ebenen ziemlich unterrepräsentiert. Vom Management bis zu A&R und sogar auf den großen Bühnen. Es ist sehr ungewöhnlich, weibliche Künstler als Headliner auf Festivals zu sehen. Ich habe das Gefühl, dass wir so viel Zeit damit verbracht haben, darüber zu reden, aber absolut keine Zeit, etwas zu unternehmen.

Kerstgens: Es ist unbequem, alte, liebgewonnene Denkmuster und Gewohnheiten aufzugeben. Aber auch wir selbst müssen lernen, alte Strukturen aufzubrechen. Wir Frauen müssen Allianzen bilden, damit wir uns vom Patriarchat in der Musikbranche unabhängig machen. Wir müssen die Angst vor Ablehnung und Restriktionen ablegen. Eigene Netzwerke zu bilden, die uns auffangen, kann dabei enorm hilfreich sein. Die unsichtbaren Privilegien der Männer im Musikbusiness müssen durch die Sichtbarkeit von Frauen aufgehoben werden.

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