Hollywood Blog by Jessica Mazur

Überflutung nach Unwetter: Wie die Nachbarschaft in der Not nur noch enger zusammensteht

Nach Überflutung: So sieht es in den Wohnungen aus
Unsere Kollegin versucht Ordnung in die verwüstete Wohnung zu bringen © rtl.de, RTL, Nina Pal Singh

Mit dem Wasser kam auch die Hilfsbereitschaft

von Nina Pal Singh

Die Flutkatastrophe kam für viele Menschen überraschend, denn so viele Wassermassen gab es zuvor selten. Doch diese schwere Zeit zeigt auch besonderen Zusammenhalt.

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15:00 Uhr

Wir sitzen endlich mal wieder zusammen am Kaffeetisch in meinem Elternhaus. Es gibt die Lieblingstorte meines Papas: Schwarzwälderkirsch. Er hat heute Geburtstag.

Während wir schlemmen, regnet es die ganze Zeit – aber es ist doch nur Regen. Ja, die Wetter-App hat eine Unwetterwarnung gemeldet wegen Dauerregens.

Aber das steht da gefühlt seit fünf Tagen. Es ist doch nur Regen. Wir sind vergnügt, ahnen nicht, dass das hier ein denkwürdiger Geburtstag werden wird – im negativen Sinne.

18:45 Uhr

Gerade haben die Nachrichten begonnen. Die Rede ist von Überflutungen. Wir sehen Sturzbäche im Fernsehen. Es klingelt. Mein Partner steht vor der Tür und guckt schief:

„Äääähhh… Da läuft Wasser in den Keller. Habt ihr das gesehen?“ Ich lache: „Wasser? Ne. Hier gab es noch nie Hochwasser. Dahinten ist doch nur ein kleiner Bach.“

Und noch während ich das sage, wende ich meinen Blick zum Kellerfenster und sehe es: Wasser presst sich an die Fensterscheibe. Viel Wasser.

18:46 Uhr

Ich stürme in den Keller. Ja! Es quetscht sich durch die Fensterritzen. Das Wasser kommt zu uns rein. Es geht schnell. Sehr schnell. Die Lappen und die Tücher, die die Geburtstagsgesellschaft jetzt eilig überall in die Ecken stopft, reichen nicht. Wir brauchen Bettlaken. Wir rennen und wuseln durchs Haus. Der Geburtstag ist vergessen.

Das Wasser bildet schon richtige Pfützen auf dem Boden. Wir kämpfen, glauben an einen Sieg. Ach, wie naiv wir doch sind. Aber, wer will es uns verdenken – es ist unser erster Kampf gegen die Gewalt des Wassers.

19:15 Uhr

Uns wird klar: Wir brauchen Verstärkung – also rufen wir die Feuerwehr. Sie sagen, sie kommen so schnell sie können. Wir sind ein bisschen verzweifelt. Was macht man bloß in dieser Situation? Das Wasser bahnt sich weiter seinen Weg. Es geht mir bis zu den Knöcheln. Wir retten wichtige Unterlagen.

Dann raus. Wir versuchen Staudämme im Garten zu bauen. Mit Sand aus der Sandkiste meines dreijährigen Sohnes. Aufhalten – irgendwie aufhalten. Und noch glauben wir an unseren Erfolg und ahnen nicht, dass wir die Lage verkennen.

Während wir im Garten rumkriechen, steht plötzlich die Nachbarin vor der Tür: „Kann ich Euch helfen?“ Wir wissen es doch auch nicht. Wir sind überfordert. Sie begreift. „Das THW ist am Bach. Mein Mann kommt gleich, der organisiert was.“

Das Wasser vor dem Kellerfenster staut sich.
Und auf einmal steht das Wasser vor dem Fenster und sammelt sich. Bereit hereinzuplatzen. © Quelle: Privat

20:00 Uhr

Der Kellerpegel ist jetzt im Kniebereich. Wir retten alte Dias. „Der Computer kann stehen bleiben. So hoch kommt das Wasser nicht,“ sagt jemand und es klingt logisch.

20:05 Uhr

Der Mann der Nachbarin, nennen wir ihn Sven, steht vor unserer Tür. Mit einer Pumpe. Wir gucken verwirrt-verwundert. Hektisch wird ein Gartenschlauch gesucht.

Einer muss in den Keller, einer muss ein Fenster aufmachen – für die Pumpe. Ich gehe. Das Wasser reicht mir bis zur Hüfte.Ich wate durch die schmutzige Brühe. Es ist schwierig bis zum Fenster vorzudringen. Geschafft. Jetzt muss ich vorsätzlich unsere eigenen Sachen unter Wasser setzen.

Was muss, das muss. Fenster auf – und … ein kleiner Wasserfall, der mich verzagen lässt. Alles was unter dem Fenster war, ist Schrott. Aber jetzt kann die Pumpe angeschlossen werden.

Menschen, die ich nicht kenne, nicht einmal gesehen habe, kommen einfach so aus dem Nichts um zu helfen. Auch die Feuerwehr steht immer mal wieder in unserem Garten, sieht nach uns.

21:08 Uhr

Die Pumpe gibt ihr Bestes, aber sie kommt nicht gegen die Wassermassen an. Strom haben wir schon seit einer Weile nicht mehr. Wir sind die einzigen in unmittelbarer Nachbarschaft ohne Strom.

Ein anderer Nachbar, der selbst den Keller voll Wasser hat, kommt zu uns. Er gibt uns eine Pumpe ab und dann – nach kurzer Zeit – wundern wir uns über mittlerweile vier Pumpen von Menschen, die wir noch nie getroffen haben und von Menschen, die ganz normale Nachbarn sind, aber in dieser Situation dann doch viel mehr.

22:12 Uhr

Es regnet nicht mehr und eine merkwürdig schöne Stimmung macht sich breit: Aus dem freundlichen „Guten Tag“, das wir uns normalerweise zuwerfen, ist ein richtiger Zusammenhalt geworden. Wir helfen einander. So richtig.

Jemand hat Pizza bestellt. Wir sitzen draußen auf der Treppe und versuchen einen kurzen Moment lang die Lage zur Seite zu schieben. Alle greifen zu. Auch die fleißigen Feuerwehrleute.

23:56 Uhr

Die Feuerwehr teilt uns mit, dass sie immer noch versuchen, den Bach unter Kontrolle zu bekommen. Sie haben überall Sandsäcke aufgestellt.

Es ist schwierig. Grundwasser drückt sich jetzt hoch. Es kommt wieder mehr Wasser. Wir nehmen es gelassen. Wir haben begriffen, dass wir den Kampf verloren haben.

03:16 Uhr

Die Feuerwehr pumpt jetzt unseren Keller so gut es geht leer. Wir versuchen das Wasser rauszukriegen, hantieren unbeholfen mit Eimern rum, sind entsetzlich müde.

04:58 Uhr

Wir machen eine kurze Pause. Es geht nicht anders. Wir haben verstanden, dass irgendwie alles noch einmal gut gegangen ist. Es sind nur Gegenstände, die wir verloren haben.

06:22 Uhr

Die provisorischen Schlafstätten haben nicht für Erholung gesorgt. Die Kinder schlafen noch. Die Erwachsenen sind hellwach. Immer noch ohne Strom. Wir wuseln.

Und plötzlich: Kaffeegeruch. Die Nachbarn.

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