'The Killing Of A Sacred Deer' in der Filmkritik: Bitterböser Schocker mit Nicole Kidman und Colin Farrell

The Killing Of A Sacred Deer - Kinotrailer
The Killing Of A Sacred Deer - Kinotrailer 00:01:44
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4,5 von 5 Sternen

Nicole Kidman und Colin Farrell sorgen für Gänsehaut in dem wohl bösesten Film des Jahres – einem Familiendrama, das uns mit seiner eiskalten Provokation extrem verstört zurücklässt.

Von Mireilla Zirpins

Colin Farrell und Barry Keoghan in 'The Killing Of A Sacred Deer'
Colin Farrell und Barry Keoghan in 'The Killing Of A Sacred Deer' © Alamode Film

Schon die erste Einstellung zeigt uns, dass wir uns hier auf alles gefasst machen müssen: Eine Operation am offenen Herzen, schonungslos gefilmt in Nahaufnahme, unterlegt von einem religiösen Choral. Und als der Chirurg und der Anästhesist am Ende ihre Kittel abstreifen, landen die Organteile mit der OP-Kleidung im Mülleimer. Der perfekte Auftakt für einen herzlosen Film, der Ihnen tagelang nicht aus dem Kopf gehen wird – versprochen!

Steven Murphy hat oberflächlich alles, was sich ein Mann wünschen kann: Seine hübsche und erfolgreiche Frau Anna (Nicole Kidman) ist Chefärztin und bedient ganz nebenbei noch seine schrägen sexuellen Vorlieben, und ihre beiden Kinder sind äußerst wohlgeraten, wie die Murphys immer gern betonen. “Wir haben alle schöne Haare“, fasst Anna das Familienidyll zusammen. Doch der schöne Schein trügt. Elterliche Härte und Leistungsorientierung dominieren das familiäre Zusammenleben.

Zynischer und makaber: Diese Bilder gehen nur schwer wieder aus dem Kopf

Stevens monotones Leben gerät aus den Fugen, als sein kleiner Sohn plötzlich schwer erkrankt. Was hat der rätselhafte Teenager Martin (Barry Keoghan), dem Steven bei heimlichen Treffen unangemessen teure Geschenke macht, damit zu tun? Schnell wird klar, dass Steven in eine schlimme Geschichte verwickelt ist. Dass es um Vergeltung geht – Auge um Auge und Zahn um Zahn. Und auf einmal ist Stevens ganze Familie in Gefahr.

Doch alle Figuren in diesem zutiefst verstörenden Psycho-Thriller verhalten sich so derartig nicht-erwartungsgemäß, dass die gewohnten Muster filmischen Erzählens außer Kraft gesetzt werden. Colin Farrell legt seinen Steven mit Bauchansatz und ohne Körperspannung bewusst so an, dass das männlichste an ihm sein buschiger Bart ist. Und eine unterkühltere Mutterfigur als die der großartig aufspielenden Nicole Kidman hat man selten gesehen. Sie selbst empfand den Part als den seltsamsten ihres Lebens - völlig zu Recht. Die emotionale Kälte der Figuren toppt glatt noch die körperlichen Grausamkeiten. Und mit denen geizt Lanthimos keinesfalls.

Dass man vergeblich nach einer Identifikationsfigur sucht, ist am Ende glatt ein Vorteil. Anders als mit einer gesunden Distanz könnte man die schockierenden Ereignisse wohl kaum verarbeiten. Es ist so schon schwer genug, die Bilder wieder aus dem Kopf zu bekommen. Wer Michael Hanekes 'Funny Games' zu böse fand oder nicht damit umgehen kann, wenn ein Film Fragen offen lässt, bleibt besser weg. Wer aber eine bitterböse Satire auf die Allmachtsphantasien der bürgerlichen Klasse unserer Zeit zu schätzen weiß, wird hier mit einem elegant komponierten und fotografierten Thriller belohnt, der einen noch lange beschäftigt.