"The Father" brachte Anthony Hopkins seinen zweiten Oscar - Kinostart: 26.8.2021

Anthony Hopkins spielt Anthony in "The Father"
Anthony Hopkins in "The Father" © ADAM HINTON

Anthony Hopkins wird bei den Oscars 2021 der älteste Preisträger eines Schauspielpreises

von Mireilla Zirpins

Es ist eher ungewöhnlich, dass Hollywood-Stars wie Anthony Hopkins in einem Regiedebüt mitspielen. Aber Stopp! Auch wenn „The Father“ Florian Zellers Film-Erstling ist – und was für einer! – ist er der Regisseur kein Unbekannter. Der 41-Jährige schrieb bislang vor allem Romane und Theaterstücke. Eins dieser Stücke war „The Father“, das der französische Star-Autor nun selbst verfilmt hat – und gleich mit Hollywood-Traumbesetzung. Anthony Hopkins (83), absolut verdient oscar-gekrönt als bester Hauptdarsteller, ist als Rentner Anthony eine Wucht – minimalistisch und doch nuanciert und auf den Punkt in jeder Geste, in jeder Falte seines Gesichts.

"The Father" - was für ein Regiedebüt!

Die Rolle des verwirrten Rentners brachte dem Ausnahme-Mimen Hopkins tatsächlich seinen zweiten Oscar ein. Weil er schon einen Goldjungen hatte (1992 für „Das Schweigen der Lämmer“), galt er vielen nicht als Favorit. Denn schon der Golden Globe war posthum an den früh verstorbenen Chadwick Boseman gegangen. Aber es kam anders: Die meisten Stimmen der Academy-Mitglieder entfielen auf Anthony Hopkins. Damit ist der charismatische Mime der älteste Star, der je einen Schauspiel-Oscar bekommen hat. Denn Christopher Plummer († 05.02.2021) war zwar 88, als er 2018 zum letzten Mal für einen Oscar nominiert wurde. Gewonnen hat er ihn aber nicht, nur 2012 bei seiner zweiten Nominierung. Aber da war Christopher Plummer „erst“ 82.

Oscars 2021: Darum geht's in "The Father"

Anthony Hopkis als Picasso
Anthony Hopkins als Picasso © picture alliance

Und die Auszeichnung ist absolut verdient: Anthony Hopkins (83) spielt im sechsfach oscarnominierten Drama „The Father” einfach sensationell. Er bekommt Besuch von seiner Tochter Anne (Olivia Colman, ebenfalls völlig zu Recht nominiert als beste Nebendarstellerin), die ihm eröffnet, dass sie der Liebe willen nach Paris geht. Doch bei ihrem nächsten Besuch will sie davon nichts mehr wissen. Und wer ist der Typ in Anthonys Wohnzimmer, der behauptet, dort zu wohnen und seit zehn Jahren mit seiner Tochter zusammen zu sein?

Als Zuschauer sehen wir gefühlt immer wieder die gleichen drei, vier Szenen zwischen Küche, Flur und Schlafzimmer eines großbürgerlichen Altbau-Appartements in London, und doch sind sie jedes Mal wieder anders. Und auch die Wohnung scheint sich zu verändern. Am Ende sind wir selbst nicht mehr sicher, was wir da eben noch gesehen habe. Großes Schauspielerkino, ein virtuoses, verstörendes Spiel mit unseren Sehgewohnheiten und Erwartungen, das uns da abholt, wo wir in der Pandemie gerade stehen: Öfter als uns lieb ist in den eigenen vier Wänden, schon durchs Mobile Office.

Seit 45 Jahren trockener Alkoholiker

Vom Feuilleton wurde Zellers Erstling mit Lob überschüttet, von den Academy-Mitgliedern mit insgesamt sechs Nominierungen bedacht (Bester Film, Schnitt, adaptiertes Drehbuch, Ausstattung, beste männliche Haupt- und weibliche Nebenrolle). Olivia Colman hat schon 2019 einen Oscar erhalten – für ihre Hauptrolle in „The Favourite“ und ging leer aus – Gewinnerin der Herzen war die koreanische Schauspielerin Youn Yuh-jung. Es war seine sechste Nominierung.

Anthony Hopkins galt bei den Oscar-Tipps in der Hauptdarsteller-Kategorie als „close second“, als knapper Zweiter nach Chadwick Boseman, der posthum für seine Hauptrolle in „Ma Rainey’s Black Bottom“ schon den Golden Globe verliehen bekam. Anthony Hopkins nahm den Preis nicht persönlich entgegen und sorgte damit gleich für Spekulationen im Netz.

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Fun Fact: Es ist kein Zufall, dass seine Figur Anthony heißt. Sie teilt auch mit dem Schauspieler das Geburtsdatum: 31. Dezember 1937. Da wurde er im walisischen Margam geboren, wurde von Laurence Olivier in London am Theater engagiert und zog in den 1960ern in die USA. Doch mit seinen ersten Filmerfolgen wie „Ein Löwe im Winter“, „Das Mörderschiff“ oder der TV-Serie „Krieg und Frieden“ kamen auch die Schattenseiten des Ruhms. Er trank sich fast zu Tode – bis zu seinem persönlichen „Weckruf“, wie er es in einem bewegenden Twitter-Video nennt, das er zwei Tage vor seinem 83. Geburtstag, am 29. Dezember 2020 kurz vor dem Jahreswechsel in der Pandemie postete. Er feiert darin, dass er 45 Jahre trockener Alkoholiker ist – „auf den Tag“. Und gibt seinen Fans und Mitmenschen eine weise Botschaft mit auf den Weg: „Heute ist das Morgen, über das du dir gestern einen Kopf gemacht hast.“

Anthony Hopkins: seit den 1960ern erfolgreich im Filmbiz

Sir Anthony Hopkins, den seine Freunde Tony nennen, hat uns in seiner Karriere nicht nur mit Charakteren wie Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“, „Hannibal“ und „Roter Drache“ einen Schauer den Rücken hinunterlaufen lassen, sondern verzauberte uns auch in einfühlsamen James-Ivory-Filmen wie „Was vom Tage übrig blieb“ oder „Wiedersehen in Howard’s End“ – oder unvergessen an der Seite von Brad Pitt in „Rendezvous mit Joe Black“. Der Ausnahme-Mime ist extrem wandlungsfähig und spielt gern mal historische Persönlichkeiten – ob als Picasso in „Mein Mann Picasso“, als Titelfigur in „Hitchcock“, als Nixon im gleichnamigen Film oder zuletzt als Kardinal Ratzinger/Ex-Papst Benedict in „Die zwei Päpste“.

Not-so-Fun-Fact: Im wahren Leben hat Anthony Hopkins seit fast 30 Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner einzigen Tochter Abigail (53). Doch über dieses Thema spricht der Mime, der in dritter Ehe seit 2003 mit Schauspielkollegin Stella Hopkins, geb. Arroyave verheiratet ist, nicht. In deren Regiegebüt „Elyse“ hat er 2020 übrigens auch die Hauptrolle gespielt. Manche sahen auch in der Vater-Tochter-Beziehung eine Parallele zum Film, der jedoch nur geschickt mit dem Verschwimmen von Realität und Phantasie spielt. Denn genauso wie wir mit dem Film-Anthony nicht immer genau wissen, was nun stimmt von dem, was er wahrnimmt, sollen uns scheinbare Gemeinsamkeiten von Anthony Hopkins und seiner Filmfigur ebenso bewusst auf eine falsche Fährte locken und die Grenze zwischen Realität und Fiktion aufweichen. Doppelbödig und vielschichtig – und deshalb umso gelungener! Für’s Drehbuch gab’s übrigens auch einen Oscar.