Schlagkräftiges Quintett auf High Heels

"The 355" Filmkritik: Fünf Ladys sagen James Bond den Kampf an - Kinostart: 6.1.2022

Penélope Cruz, Jessica Chastain, Lupita Nyong'o und Diane Kruger (v.l.) in "The 355"
Vier Engel nur für sich selbst: Penélope Cruz, Jessica Chastain, Lupita Nyong'o und Diane Kruger (v.l.) in "The 355" © Leonine

Von Mireilla Zirpins

007 soll, so will es James Bonds wahre Chefin Barbara Broccoli, nach dem Abgang von Daniel Craig weiter männlich bleiben. Wie’s aussehen könnte, wenn weibliche Agentinnen das Kampfbein schwingen, hat Simon Kinberg ausprobiert mit prominenter Besetzung: Pénelope Cruz, Diane Kruger, Lupita Nyong’o, Bingbing Fan und Jessica Chastain. Und was sollen wir sagen: Die Ladys machen das alle prima, sind aber im nicht im richtigen Film gelandet, wenn sie 007 wirklich ersetzen wollen.

Diese Haudraufladys machen 007 Konkurrenz
01:50 Min

Diese Haudraufladys machen 007 Konkurrenz

Agentinnen-Film mit Top-Besetzung

Jessica Chastain zeigt in "The 355": Action geht auch in solchen Klamotten
Jessica Chastain zeigt: Action geht auch in solchen Klamotten - "The 355" © Leonine

Im Prinzip ist das ja alles gut gemeint von Simon Kinberg („X-Men: Dark Phoenix“) in seinem zweiten Spielfilm. So fährt in „The 355“ die Kamera nicht wie sonst so oft in Filmen übers Dekolletee der Schauspielerinnen, sondern auf den Schritt von Sebastian Stan. Der soll als Top-Agent Nick zusammen mit seiner CIA-Kollegin Mace (Jessica Chastain) vom kolumbianischen Geheimdienstaussteiger Luis (Édgar Ramírez) einen Datenträger erwerben, der nicht weniger als die digitale Weltherrschaft verspricht. Wir wollen aber nicht darüber schon meckern, schließlich kommt man mit viel schlichteren Ausgangssituationen seit Jahrzehnten im Testosteron-Kino durch.

Die Actionszenen in "The 355" gehören ganz und gar den Frauen

Diane Kruger: Uneitel und überzeugend in "The 355"
Diane Kruger: Uneitel und überzeugend in "The 355" © Leonine

Umso mehr freuen wir uns, dass bei der Stippvisite in der Stadt der Liebe die Actionszene ganz den Frauen gehört. Diane Kruger darf auf dem Motorrad durch ein Café und eine Pariser Passage brettern und mit dem heißen Geschoss die Metrotreppe herunterpurzeln, Jessica Chastain im Sommerkleidchen immer dicht auf ihren Fersen. Die beiden Herren werden hier schön zu Eye-Candy degradiert und müssen sich zu Fuß mit Fäusten kloppen. Um zu zeigen, dass Frauen es tatsächlich mindestens genauso gut können wie Männer, wären inspirierter arrangierte Kampfeinlagen schön gewesen.

Zu Jessica Chastain, deren Idee das Ganze war, und Diane Kruger, die hier als BND-Sprengstoffexpertin Marie einmal mehr beweisen darf, dass sie fließend dreisprachig ist, stoßen noch Lupita Nyong’o als IT-Crack Khadijah vom MI6 und Penélope Cruz als Psychologin, die im Auftrag der Kolumbianer unterwegs war und gar nicht kämpfen will, sondern einfach nur zurück zu ihren zwei Kindern. Da kullern dann auch reichlich die Tränen. Für zarte Nerven ist das Ganze ohnehin nicht, vor allem weil ja auch Kinder im Spiel sind. Altersempfehlung: ab 16. Als eiskalter Engel intrigiert Lin Mi Cheng (Bingbing Fan) im Hintergrund. Sehr unterschiedliche Backstories und Familienstände bekommen die Damen hier, da hätten wir gern noch mehr von erzählt bekommen. Aber der Focus liegt hier deutlich mehr auf der Action. Wer auf den Rest keinen Bock hat, könnte sich freuen.

Fünf richtig gute Schauspielerinnen machen, dass man ihnen gern zusieht

Das hätte vielleicht noch ein bisschen sorgfältiger und mit mehr Humor inszeniert sein können. Aber ach. Über weite Strecken macht er Spaß, der Bourne/Bond-Verschnitt mit schlagkräftigen Damen – Lupita Nyong’o ist übrigens mit 38 die jüngste im Bunde. Vor allem, weil sie allesamt richtig gute Schauspielerinnen sind. Man sieht sie fast lieber in Alltagsklamotten agieren als in ihrem einzigen Einsatz im Charlie’s-Angels-Style in Abendgarderobe.

Und gerade deswegen kauft man ihnen manche überflüssige Dialogzeile trotzdem ab. Bevor man länger über den Plot nachdenken kann, macht es ja schon wieder „Rumms“ irgendwo zwischen Paris, Marrakesch und Shanghai. „Am Ende ist James Bond immer allein“, nimmt Khadijah unsere Überlegungen vorweg, was er wohl an diesen Schauplätzen angestellt hätte. Und das ist das Schöne an diesem Film: Er feiert das Teamwork – nachdem die Damen erst mal ordentlich gegeneinander ausgeteilt haben. Das guckt sich zum Jahresbeginn nett weg. Und wir wünschen uns, dass sich ein Team mit dieser Schlagkraft mal um Corona kümmern würde.