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"Reerdigung" macht aus Leichen feinste Erde

Hamburger Grünen-Chefin will nach Tod kompostiert werden: "Wäre schön, wenn aus mir Wildobst entsteht"

Grünen-Politikerin will nach Tod kompostiert werden
05:19 Min

Grünen-Politikerin will nach Tod kompostiert werden

40 Tage im Hightech-Komposter, dann ist aus einer Leiche auf natürlichem Wege feinster Humus geworden – eine nachhaltige und auch klimaschonende Beerdigungsform, die derzeit in Mölln (Schleswig-Holstein) erprobt wird. Denn im Vergleich zur Feuerbestattung spare die „Reerdigung“ bei jedem Toten eine Tonne CO2 ein. Zudem könne so die Problematik sogenannter Wachsleichen vermieden werden. Wie genau der Mechanismus funktioniert erklärt „Meine Erde“-Gründe Pablo Metz im Video.

Aus Erde des Toten entsteht neues Leben

Die neue Bestattungsform „Reerdigung“ wird derzeit in Mölln im Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg erprobt. Seit Mitte Februar liegt nach Angaben des Berliner Unternehmens Circulum Vitae GmbH erstmals in Europa eine Tote in einem sogenannten Kokon, einem sargähnlichen Behälter. Mikroorganismen und „moderne grüne Technologie“ verwandeln den Leichnam in Humus. In den USA werde diese Bestattungsform schon seit einem Jahr angeboten.

Die Kompostierungszeit betrage 40 Tage, erklärt Kirchensprecher Michael Birgden. Dann werden die Überreste aus dem Kokon entnommen und in ein nur 30 Zentimeter tiefes Grab gelegt. Darüber kommt eine Schicht Friedhofserde. Nun können die Hinterbliebenen einen Baum oder einen Rosenstock pflanzen, auch Maulwürfe und Regenwürmer dürfen im Grab aktiv werden.

Eine neuartige Beerdigungsvariante, die sich Hamburgs Grünen-Chefin Jenny Jasberg (38) auch in der Hansestadt vorstellen kann. „In Deutschland finden rund 80 Prozent der Beerdigungen durch energieintensive Feuerbestattung mit Erdgas statt. Die Reerdigung ist eine pietätvolle, ökologisch-klimaschonende, aber auch kostengünstigere Form der Bestattung“, sagte sie der „Bild.“ Auch für sich selbst sei eine Reerdigung denkbar: „Es wäre schön, wenn dann aus mir Wildobst oder Flieder entstehen würde.“

Jennifer Jasberg, Chefin der Grünen in Hamburg, möchte nach ihrem Tod kompostiert werden.
Jennifer Jasberg, Chefin der Grünen in Hamburg, möchte nach ihrem Tod kompostiert werden. © dpa

Nur Knochen und künstliche Gelenke bleiben zurück

„Auch das Ende des Lebens zahlt auf den ökologischen Fußabdruck jedes Menschen mit ein“, erklärt die Nordkirche. Im Vergleich zur Feuerbestattung spare die Reerdigung bei jedem Toten eine Tonne CO2 ein. Der Leichnam werde auf Heu, Stroh und Blumen gebettet, dann übernehmen die Mikroorganismen die Kompostierung bei einer Temperatur von etwa 70 Grad, die auf natürliche Weise entstehe.

Es handele sich nicht um eine Aquamation, Resomation oder alkalische Hydrolyse, erklärt Pablo Metz, der die Circulum Vitae GmbH mitgegründet hat. Diese Begriffe bezeichnen ein Verfahren, bei dem der Tote durch eine Lauge und Wärmezufuhr zersetzt wird. Der Ende vergangenen Jahres gestorbene südafrikanische Bischof Desmond Tutu soll sich vor seinem Tod für diese Bestattungsform entschieden haben.

Bei der Reerdigung vollziehe sich die Transformation hingegen ohne den Zusatz von Chemie. Lediglich künstliche Körperteile wie Hüftgelenke blieben zurück. Die Knochen müssten wie bei der Einäscherung im Krematorium anschließend noch verfeinert werden, wie Metz das Zermahlen der Gebeine nennt. Wichtig sei, dass man die Transformation im Kokon messen und auch steuern könne, indem man Feuchtigkeit zugebe.

"Alternative für alle, bei denen Bestattung im Sarg oder Feuerbestattung Unbehagen auslösen"

Noch steht in Mölln nur ein Kokon in der Friedhofskapelle. Sollte das Pilotprojekt weitergeführt werden, werde sein Unternehmen „Alvarien“ bauen, sagt Metz. Das ist das lateinische Wort für Bienenstock. Er möchte sich damit an den Begriff Kolumbarium (Taubenschlag) für Urnenbegräbnisstätten anlehnen.

Der in Mölln geborene Grünen-Politiker Konstantin von Notz habe das Berliner Unternehmen mit dem Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg und der Gemeinde in Verbindung gebracht, sagt der Friedhofsbeauftragte des Kirchenkreises, Bernd Jacob. Die Gemeinde in der Eulenspiegel-Stadt sei sehr aufgeschlossen. Die dortige Kapelle habe sich als Ort angeboten. „Die Idee der Reerdigung hat uns sofort eingeleuchtet. Sie ist eine gute Alternative für alle, bei denen eine Bestattung im Sarg oder eine Feuerbestattung Unbehagen auslösen“, sagt die Möllner Pastorin Hilke Lage.

Ob sich die ältere Dame, deren Körper derzeit im Kokon liegt, noch vor ihrem Tod für diese Bestattungsform entschieden hätte, kann Jacob nicht sagen. Ihre Angehörigen hätten erst beim Bestatter von der neuen Möglichkeit erfahren und spontan gesagt: „Das ist genau das, was unsere Mutter will.“ Nach der Reerdigung werde die Tote während der üblichen Liegezeit von 25 Jahren ihre Ruhe auf dem Friedhof haben.

Reerdigung kostet so viel wie eine Feuerbestattung

Metz versichert, er habe vor dem Pilotprojekt mit vielen Seiten gesprochen, mit Kirchen, dem Ethikrat und dem von Heiner Garg (FDP) geführten Gesundheitsministerium in Kiel. Man sei zu dem Ergebnis gekommen, dass das Bestattungsgesetz Schleswig-Holsteins die Reerdigung erlaube.

Das Hauptargument ist für Metz der Umweltaspekt. Er habe das Unternehmen mitgegründet, um etwas gegen die Klimakrise zu machen. 80 Prozent der Toten in Schleswig-Holstein ließen sich verbrennen. Die meisten allerdings nur, weil den Angehörigen die Erdbestattung zu teuer sei, sagt der gelernte Betriebswirt. Eine Reerdigung kostet dagegen nur so viel wie eine durchschnittliche Feuerbestattung. Circulum Vitae wirbt mit „Nachhaltigkeit zum fairen Preis“.

Wachsleichen werden auf vielen Friedhöfen zum Problem

„Die Erdbestattung hat auch viele Nachteile, es dauert viel länger und funktioniert oft nicht“, gibt Metz zu bedenken. Das gelte gerade für die feuchten Böden Norddeutschlands, wo es manchmal Wachsleichen gebe. Ein Phänomen, zu denen auch Antibiotika, die zu Lebzeiten eingenommen worden sind, synthetische Kleidung, moderne undurchlässige Särge, übermäßiges Gießen und Versiegelung der Grabstätte durch Bodenplatten beitragen können. Wachsleichen können zur psychischen Belastung für Friedhofsmitarbeiter werden, wenn Gräber nach der Ruhezeit wieder freigegeben werden. Zudem können Bakterien ins Grundwasser gelangen.

"Das Problem mit den sogenannten Wachsleichen nimmt zu. Es gibt kaum noch einen Friedhof in Deutschland, der nicht zumindest mit Teilflächen davon betroffen ist", sagte der Bonner Biorechtsexperte Tade Spranger dem Nachrichtenportal „T-Online“. "Das Problem sind vor allem zu feuchte und lehmige Böden. Sie konservieren Leichen so, dass noch nach Jahren die Gesichtszüge zu erkennen sind" Dabei verwandelt sich das Körperfett in sogenannten Leichenwachs, der sich als weißlich krümelige Substanz auf der Haut ablagert und den Verwesungsprozess vollständig stoppen kann.

Das von seiner Firma unter dem Markennamen „Meine Erde“ angebotene Verfahren sei klimaneutral. Außerdem sei es unglaublich trostspendend, wenn über mehrere Wochen getrauert werde. Erstmals seit 150 Jahren gebe es ein neues Bestattungsverfahren. „Wir machen eine Revolution im Bestattungswesen“, sagt Metz. (dpa/cwa)

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