Prof. Dr. Marion Kiechle: "Dieser Krebs könnte ausgerottet werden"

Prof. Dr. Marion Kiechle: "Dieser Krebs könnte ausgerottet werden"
Prof. Dr. Marion Kiechle sagt: "Gebärmutterhalskrebs könnte ausgerottet werden." © imago images / Tinkeres, SpotOn

Gebärmutterhalskrebs bei Nathalie Volk

Model Nathalie Volk hat im Alter von nur 23 Jahren die Diagnose Gebärmutterhalskrebs erhalten. Was bedeutet das für eine so junge Frau? Wie groß sind die Heilungschancen bei dieser Krebsart und wie wird die Erkrankung behandelt? Diese und weitere Fragen beantwortet Prof. Dr. Marion Kiechle (59) im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news. Die Gynäkologin ist Inhaberin des Lehrstuhls für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Technischen Universität München und Direktorin der Frauenklinik am Münchner Klinikum rechts der Isar. Von März 2018 bis November 2018 war sie zudem bayerische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst.

Bei der gerade einmal 23-jährigen Nathalie Volk wurde Gebärmutterhalskrebs in einem frühen Stadium festgestellt. Wie groß sind die Heilungschancen in einem solchen Fall?

Prof. Dr. Marion Kiechle: Die Heilungschancen sind in einem frühen Stadium sehr gut und liegen über 90 Prozent. Frühes Stadium heißt, dass der Tumor auf den Gebärmutterhals begrenzt ist. Wenn es sich um ein sogenanntes Carcinoma in situ handelt, das heißt die Krebszellen sitzen nur an der Oberfläche und haben tiefere Schichten des Gebärmutterhalses noch nicht überschritten, so liegen die Heilungschancen bei 100 Prozent. Daher ist eine regelmäßige Früherkennungsuntersuchung beim Frauenarzt unbedingt zu empfehlen, da man hierdurch die Frühformen und auch Krebsvorstufen entdecken und eliminieren kann.

Was bedeutet diese Diagnose für eine so junge Frau?

Kiechle: Jede Krebsdiagnose zieht einem zunächst den Boden unter den Füßen weg, weil man erst einmal große Angst hat zu sterben. Diese Angst ist oft unberechtigt, da die Heilungschancen für die meisten Krebserkrankungen gut sind und sich dank neuer Therapien und Früherkennungsmaßnahmen weiter verbessert haben. Es ist daher ratsam, sich seelische Unterstützung zum Beispiel bei einem Psychoonkologen zu holen.

Nach der entscheidenden Frage, ob man jemals wieder gesund wird, kommen dann noch die Ängste vor der Therapie dazu. Brauche ich nur eine Operation oder noch zusätzlich eine Chemo- und Strahlentherapie? Welche Nebenwirkungen sind davon zu erwarten? Beeinflussen diese meine Sexualität und meine Fruchtbarkeit?

Sind Kinder trotz Gebärmutterhalskrebs weiterhin möglich?

Kiechle: Es kommt darauf an, in welchem Stadium der Tumor entdeckt wird. Ist es ein sehr frühes Stadium, sind Gebärmutter erhaltende Operationen möglich? Dann ist damit dann auch die Möglichkeit gegeben, Kinder zu bekommen.

Welche Symptome gibt es bei Gebärmutterhalskrebs?

Kiechle: Symptome können beispielsweise riechender, rötlich-bräunlicher Ausfluss, Zwischenblutungen und Blutungen nach dem Geschlechtsverkehr oder Unterleibsschmerzen sein.

Wie wird das behandelt?

Kiechle: Je nach Tumorstadium erfolgt eine Operation, eine Strahlentherapie oder eine Chemotherapie oder eine Kombination aus diesen drei Möglichkeiten der Behandlung. Wichtig ist, dass eine Behandlung bei einem Expertenteam in einem zertifizierten Gynäkologischen Krebszentrum erfolgt. Hier ist sichergestellt, dass die behandelnden Ärzte hinreichende Erfahrung mit der Behandlung haben und alle Experten unter einem Dach für die Patientin zur Verfügung stehen. Eine Liste der entsprechenden Zentren ist auf der Homepage der Deutschen Krebsgesellschaft abrufbar.

Da es sich um eine ernsthafte Erkrankung handelt, ist es auch möglich und üblich, dass man sich eine zweite Meinung einholt.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Krebs zurückkehrt?

Kiechle: Handelt es sich um ein frühes Stadium ist die Rückfallquote unter 10 Prozent.

Ist Gebärmutterhalskrebs vererbbar?

Kiechle: Nein, dieser Krebs ist nicht vererbbar. Ursache hierfür ist in mehr als 95 Prozent aller Fälle eine Infektion mit einem Humanem Papillom Virus (HPV), welcher beim Sex übertragen wird. HPV ist weit verbreitet und fast jede Frau und jeder Mann haben Kontakt mit diesem Virus gehabt. Bei den meisten Menschen heilt die Infektion ohne Symptome ab. Bei manchen Menschen persistiert jedoch die Infektion, was dann zu entsprechenden Zellveränderungen und schließlich zu Krebs führt.

Vor diesem Virus kann man sich durch eine Impfung schützen. Es gilt daher seit 2007 in Deutschland die Empfehlung, dass sich alle Mädchen und Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren gegen HPV impfen lassen. Dieser Krebs könnte damit ausgerottet werden. Leider ist die Impfbeteiligung hierzulande immer noch zu niedrig. In Bayern und Baden-Württemberg sind beispielsweise nur 35 Prozent der Zielgruppe geimpft und das obwohl die Impfstoffe sicher und gut verträglich sind und die Krankenkassen die Kosten für die Impfung übernehmen.

Die Impfung schützt dann auch vor anderen HPV induzierten Krebsarten, wie zum Beispiel Penis-, Anal- und Vulvakarzinomen. Jährlich erkranken ca. 7.000 Menschen in Deutschland an HPV-bedingtem Krebs, am häufigsten kommt es zu Gebärmutterhalskrebs.

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