RTL trifft sie 16 Jahre nach ihrer Flucht

Natascha Kampusch (34): "Es lässt mich einfach nicht los"

Natascha Kampusch hat gelernt, damit zu leben, dass sie ihre Vergangenheit nicht mehr loslassen wird.
Natascha Kampusch hat gelernt, damit zu leben, dass sie ihre Vergangenheit nicht mehr loslassen wird. © imago images/Eventpress, SpotOn

Natascha Kampusch (34) ist es gewohnt, dass sie auch heute noch auf der Straße erkannt wird. Dass sich Leute nach ihr umdrehen, hinter ihrem Rücken tuscheln. Aber sie möchte nicht schweigen. Das hat sie noch nie gewollt – und öffnet sich im Interview mit Frauke Ludowig (58) umso mehr.

Natascha Kampusch über Anfeindungen
06:47 Min

Natascha Kampusch über Anfeindungen

Frauke Ludowig trifft: Natascha Kampusch

„Manchmal kann man das auch wirklich noch physisch erfahren. Da wacht man dann auf und es macht so ‚Klick‘ und es ist wie so ein Flashback, man spürt das einfach.“ Wenn Natascha Kampusch über teilweise physisch-erfahrbare Flashbacks an ihre Zeit als Entführungsopfer spricht, dann benutzt sie dabei oft das Wort „man“. Es klingt fast, als würde sie von einer beinahe alltäglichen Erfahrung vieler Menschen sprechen – dabei ist das extreme Gegenteil der Fall.

Im Jahr 1998 wird Kampusch als 10-Jährige auf dem Schulweg entführt. Dabei hatte sie sich das Recht, allein zur Schule zu laufen, von ihrer Mutter erkämpfen müssen. Die hatte das damals „nicht gern gesehen“. 2006 gelang Natascha die Flucht vor ihrem Peiniger. Acht Jahre hielt er sie gefangen. In dieser Zeit habe sich die junge Kampusch unter anderem auch mit Wachsmalstiften zu helfen versucht: „Ich habe mir unsere Türklinke an die Wand gemalt, weil ich dachte: ‚Diese glatte Tür macht mich verrückt.‘ Und so hätte ich vielleicht doch rausgehen können.“

Mit ihrem neuen Buch möchte sie Menschen helfen

Ihr neues Buch, „Stärke zeigen: Bewältigungsstrategien für ein kraftvolles Leben“ erscheint am 28. November 2022. Darin gibt Kampusch ihren Lesern handfeste Tipps mit an die Hand, um gestärkt aus schwierigen Situationen im Leben hervorzutreten. Im Interview fragt Frauke Ludowig nach konkreten Beispielen – und Natascha scheint kaum mehr zu bremsen zu sein: „Wichtig ist, nicht in die Verdränung zu gehen, das ist besonders wichtig. Wichtig ist auch, den Ist-Zustand anzuerkennen, Selbstfürsorge zu betreiben. Ein besonderer Tipp ist auch, auf die eigene Intuition zu hören. Hilfe anzunehmen, wenn es denn notwendig ist, aber auch, um Hilfe zu bitten.“

Auf Ludowigs Frage hin, ob Kampusch ihrem Peiniger verziehen habe, antwortet sie entschieden: „Ja. Ich habe ihm relativ rasch verziehen, weil ich auch so besser mit der Situation damals klarkommen konnte. Ich habe einfach versucht, zu verstehen, worum es dabei ging, was die Motive wohl gewesen sind. […] Es hatte nichts mit mir zu tun, das waren die Motive des Täters“ – und für Natascha so die einzig gute Lösung, um ihre schrecklichen Erlebnisse dauerhaft verarbeiten zu können.

Wie geht es für Natascha Kampusch in Zukunft weiter?

Mit dem Geld, das Natascha unter anderem durch ihre Bücher verdient, kaufte sie sich das Haus, in dem sie acht Jahre lang gefangen gehalten wurde. Eigentlich sollte es zu einem Heim für Geflüchtete werden – das wollte Kampusch aber nicht. Sie findet es nicht richtet, dort jemals wieder jemanden wohnen zu lassen und lässt das Haus leer stehen.

Die 34-Jährige scheint nicht zu versuchen, ihre Erlebnisse hinter sich zu lassen. Warum sie nicht im Hier und Jetzt leben würde und sich so oft mit ihrem Fall auseinandersetzen würde, fragt Ludowig. „Bei mir ist es so, dass ich mich ohnedies die ganze Zeit mit der Sache befassen muss, weil das nie wieder vergehen wird, das, was mir damals passierte und was mich das an Jahren meines Lebens gekostet hatte“, antwortet Kampusch daraufhin schlicht.

Eine eigene Familie zu gründen, kann sie sich im Moment nicht vorstellen. Ihr größter Wunsch sei es, als Schauspielerin zu arbeiten. Um dann auch einfach mal ganz anders gesehen zu werden. Natascha Kampusch weiß, dass das schwierig werden könnte. Aber kämpfen, das hat sie gelernt. (cre)

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