Margot Robbie in 'I, Tonya': Als Tonya Harding spielt sie ihre bisher beste Rolle

Von Mireilla Zirpins

Wie eine Furie ballert Tonya Harding (Margot Robbie) mit der Schrotflinte hinter ihrem Gatten her. Dann dreht sie sich verschwörerisch in Richtung Kamera und erklärt dem verdutzten Zuschauer, diese Szene habe nie stattgefunden. "Jeder hat seine eigene Wahrheit" ist das Motto dieses Films, der Tonya Harding auch mal das Opfer sein lässt, ganz so wie sie sich selbst sieht – und das ist so erfrischend anders an dieser rabenschwarzen Komödie.

Rabenschwarze Komödie gönnt Tonya Harding die Opferrolle

​Wer Tonya Harding ist, wissen vermutlich selbst Menschen, die sich niemals anschauen würden, wie Eiskunstläuferinnen in flatternden Paillettenkostümen ihre Pirouetten drehen: Die 'Eishexe', deren Ex-Mann 1994 ihre Erzrivalin Nancy Kerrigan durch eine Attacke mit einer Eisenstange außer Gefecht setzen ließ.

Seither fasziniert die Geschichte von der schönen Nancy und dem Biest Tonya das Publikum, denn sie hat alles, was eine gute Story braucht: Die Gier nach (olympischem) Gold, das Streben nach Anerkennung, Neid, Hass, verletzte Gefühle. Und eine Antagonistin, die stärker zu sein scheint als die Heldin selbst. Stoff für eine Hollywood-Heldenreise also. Und es hätte sehr nahegelegen, Nancy Kerrigan zur Hauptfigur zu machen.

Doch Regisseur Craig Gillespie, der schon Frauenschwarm Ryan Gosling in 'Lars und die Frauen' zu Höchstform auflaufen ließ, wagt es, mit Tonya Harding ausgerechnet die Böse zur Protagonistin zu machen. Und dieser Plan geht erstaunlich gut auf, obwohl die Zuschauer keine andere Identifikationsfigur angeboten bekommen als die Frau, die sie bisher vermutlich gehasst oder verachtet haben.

Trotz all der schäbigen Jogging-Klamotten, der billigen Tüllkostüme und des zu dick aufgetragenen Eighties-Make-ups sieht Margot Robbie immer einen Hauch zu gut aus für die stets miserabel gestylte White-Trash-Eisprinzessin mit der Pudelfrisur. Robbie kopiert aber nicht nur Tonya Hardings breitbeinige Prolo-Attitüde – sie wirbt auch immer um Verständnis für ihre ambivalente Figur, über deren schimpfwortgeschwängerte Wutausbruche der Regisseur uns herzlich lachen lässt. Denn hinter der kratzbürstigen Fassade Tonyas steckt eine verletzte Seele. Vom schwachen Vater verlassen, von der herrischen Mutter misshandelt - da scheint es nur logisch, dass die kleine Tonya ihre Chance sieht, zumindest für das eine geliebt zu werden, was sie wirklich kann: Eislaufen.

'I, Tonya' erzählt die Geschichte des Eisenstangen-Attentats aus verschiedenen Perspektiven

Aber genau da liegt ja, wie wir wissen, das große Drama der Tonya Harding: Sie ist die erste US-Amerikanerin, die den 'dreifachen Axel' steht. Doch die Preisrichter ziehen die grazilen Eisballerinas der sprunggewaltigen Tonya vor, auch wenn sie mal einen Standardsprung verwackeln.

Wir bekommen die Geschichte erzählt aus verschiedenen Perspektiven: Aus der Tonyas, der ihres Ex-Gatten Jeff Gillooly (Sebastian Stan) oder der ihrer dauerquarzenden und -fluchenden Mutter LaVona Harding (knallhart kauzig und zu Recht mit dem Oscar belohnt: Allison Janney). Mitten in der Spielszene richten sie manchmal das Wort an den Zuschauer, der nicht nur Komplize ist.

Margot Robbie in der bislang besten Rolle ihrer Karriere

Durch diesen brechtschen Verfremdungseffekt wird er auch immer wieder auf Distanz gehalten oder sogar beschimpft, denn aus Tonyas Sicht sind immer die anderen Schuld an ihrer Misere: ihre kaltherzige Mutter, ihr nichtsnutziger Ehemann, das parteiische Publikum und die sensationsgierige Presse. "Deshalb seid ihr doch hier", motzt Tonya beim Fake-Interview in ihrer versifften Küche. "Wegen des Vorfalls."

Natürlich sind wir alle deswegen hier – und nicht nur, weil wir sehen wollen, wie die hübsche Margot Robbie als verbissenes Kraftpaket Tonya die bisher beste Vorstellung ihrer Karriere gibt. Die hübsche Rivalin, Publikumsliebling Nancy Kerrigan, findet übrigens so gut wie gar nicht statt in diesem absolut sehenswerten Fake-Biopic, dem gegen Ende leider deutlich die schrägen Ideen ausgehen. Im Prinzip bekommen wir hier jede Sichtweise präsentiert – außer die des tatsächlichen Opfers. Ein Schachzug, der nicht jedem schmecken dürfte. Vor allem, da die echte Tonya Harding nach der US-Premiere von 'I, Tonya' zugegeben hat, dass sie sehr wohl von dem Plan des Eisenstangen-Attentats wusste.