Hollywood Blog by Jessica Mazur

Schon der Klappentext steckt voller Klischees

Buch "Türken und Araber verstehen und vernehmen"
Der Polizei-Nachwuchs lernt mit dem Buch "Türken und Araber verstehen und vernehmen". © Verlag für Polizeiwissenschaft

Steilvorlage für die Stigmatisierung

Ist das wirklich der Königsweg zu einem sensiblen Umgang mit anderen Kulturen? Polizisten lernen in der Ausbildung mit Büchern, die zum Abbau von Vorurteilen beitragen sollen. Aber schon der Klappentext des Lehrwerks "Türken und Araber verstehen und vernehmen" bietet eine Steilvorlage für die Stigmatisierung derer, die eigentlich besser verstanden werden sollen.

Potpourri an Klischees im Polizei-Lehrbuch

"Dem an einer schnellen und protokollfähigen Klärung des Sachverhaltes orientierten, klar und präzise fragenden deutschen Polizeibeamten sitzt eine Person gegenüber, die lebhaft gestikulierend, weit ausholend und ausweichend reagiert, vielleicht zur 'Verstärkung' Familienmitglieder mitgebracht hat und sein Gegenüber möglicherweise sogar scheinbar respektlos mit 'Du' anspricht“, heißt es dort. Da schau her: Der deutsche Polizist ist ruhig und besonnen, der Araber fuchtelt wild herum und duzt sein Gegenüber wie üblich.

Dozent will Verständnis für andere Kulturen fördern

1.400 Studenten werden mit dem Buch derzeit an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW (HSPV NRW) in Mülheim/Ruhr für den Polizeidienst fit gemacht, berichtet der WDR. Die dortigen Dozenten sollen Verständnis für andere Kulturen schaffen und Extremismus verhindern. Eine marokkanische Gemeinschaft zum Beispiel könnte ganz anders trauern als eine hier ansässige, erklärt HSPV-NRW-Dozent Ulrich Wahlbrühl in dem Bericht. Und so könnte es bei Polizisten als Tumult missverstanden werden, wenn es auf einer Trauerfeier lauter und lebhafter zuginge, als es die Beamten gewohnt sind.

Die Legende vom grimmigen Russen

Buch "Russen verstehen – Russen vernehmen"
"Russen verstehen – Russen vernehmen": Auch mit diesem Buch soll dem Polizei-Nachwuchs der sensible Umgang mit fremden Kulturen nähergebracht werden. © Verlag für Polizeiwissenschaft

Gut gemeint – aber wenn schon der Klappentext der Lehrbücher Klischees aufgreift, wie sollen dann die Polizei-Azubis einen vorurteilsfreien Umgang erlernen? Die im Verlag für Polizeiwissenschaft erschienene Reihe "Polizeipsychologische Praxis" hat auch noch das Werk "Russen verstehen – Russen vernehmen" im Angebot. Die Buchbeschreibung verrät, wie Polizeibeamte "Menschen aus dem russifizierten Kulturkreis" angeblich oft erleben: "Als Beschuldigte unbeugsam und undurchschaubar, als Opfer immens leidensfähig und als Zeugen misstrauisch und ausweichend". 

Studie zu extremistischen Einstellungen bei der Polizei

Nach der Aufdeckung rechtsextremer Chatgruppen in Nordrhein-Westfalen und Berlin ist das Thema Rassismus bei der Polizei in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit gerückt. Sachsen-Anhalt schließt sich einer Studie zu extremistischen Einstellungen bei der Polizei an, die das Nachbarland Niedersachsen plant.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hatte zuvor angekündigt, die Studie zügig an den Start gehen zu lassen. "Offensichtlich gibt es immer wieder Glutnester antidemokratischen Verhaltens, die wir schnell erkennen und ersticken müssen." Aus seiner Sicht würde die Beteiligung von "einer Handvoll" Bundesländern ausreichen.

Polizisten schickten sich Bilder von Hitler und Gaskammern
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