Hella von Sinnen wird 60: Ein Blick auf ihre wilde und unverwechselbare Karriere als deutsche Comedy-Ikone

Hella von Sinnen
Hella von Sinnen gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Comediennen. © picture alliance / dpa, Axel Heimken

Der TV-Star feiert runden Geburtstag

Sie ist Moderatorin, Komikerin, Schauspielerin, Aktionskünstlerin - ihre durchdringende Stimme, das meist provozierend geschmacklose Outfit, ihre eigenwillige Mimik und Gestik, die alle und alles einzuvernehmen scheinen, wurden in den letzten 30 Jahren zum sperrigen Markenzeichen eines Comedy-Stars, der sich kaum für die Rolle des weichgespülten TV-Lieblings eignet. Wenn schon Darling, dann bitte unbequem! Hella von Sinnen wird heute (2. Februar) 60 Jahre alt.

Durchgeknallte Ulknudel

Sie hat in den Anfangsjahren des Privatfernsehens so oft und offenbar auch gern den schrillen und unberechenbaren Wahnsinn verkörpert, dass sie die allermeisten Zuschauer nur als durchgeknallte Ulknudel auf dem Schirm haben. Dabei kann sie auch ganz anders. "Warum es den meisten Mainstream-Kritikern so schwerfällt, Hella von Sinnen als begabte Schauspielerin anzuerkennen, hängt wohl eher damit zusammen, dass sie eine außergewöhnlich kluge Frau ist, der zudem jeder Anflug von weiblicher Untertanen-Mentalität fehlt", schrieb vor Jahren die "taz".

Berufswunsch stand früh fest

Hella von Sinnen in den 1990er Jahren.
Hella von Sinnen in den 1990er Jahren. © picture alliance/United Archives

Natürlich steht in ihrem Pass nicht Hella von Sinnen. Sie wurde 1959 als Hella Kemper in Gummersbach im Oberbergischen Land (NRW) geboren. Ihre Kindheit beschreibt sie selbst als "schön". Doch das Familienglück hielt nicht sehr lange. 1971 ließen sich die Eltern scheiden.

Nach dem Abitur ging Hella nach Köln, studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften sowie Germanistik und Pädagogik, was sie allerdings nicht beendete. Freunde behaupten, dass sie das auch nie vorgehabt habe, denn schließlich wollte sie unbedingt Schauspielerin werden. Leider fiel sie bei den Aufnahmeprüfungen diverser Schauspielschulen durch. Da blieb nur noch die Universität übrig, denn die hatte eine Studiobühne. Und bei der wurde Hella aus Gummersbach sofort aktiv.

Dort lernte sie auch den Freund ihres Lebens kennen: Dirk Bach (1961-2012). Später bezeichnete sie das als "Glücksmoment" ihres Lebens. Sie gründeten (gemeinsam mit der späteren Schauspielerin, Kabarettistin und Regisseurin Dada Stievermann) die Kabarettgruppe "Stinkmäuse". Mit Bach zog sie zusammen in eine Kölner WG. Die beiden teilten die Vorliebe für Comic und Nonsens. Er gehörte zu ihrem Leben. Und ja: Sie liebten sich, doch sie wurden nie ein Paar, denn er war schwul, sie lesbisch, und wenn sie miteinander turtelten, nahmen sie das Balzverhalten heterosexueller Paare auf die Schippe.

Ihr Entdecker

Ihr eigentlicher Entdecker war jedoch Regisseur Walter Bockmayer (1948-2014), der auch die Karrieren ihrer Freunde und Mitstreiter Dirk Bach und Ralph Morgenstern (62) gezündet hatte. Bockmayer engagierte Hella als Schauspielerin für sein Kölner Theater in der Filmdose. 1986 drehte sie ihren ersten Film. Sie spielte die Krankenschwester Rita in Rosa von Praunheims rabenschwarzer AIDS-Satire "Ein Virus kennt keine Moral". Zwei Jahre später wirbelte sie mit Hugo Egon Balder (68) durch die RTL-plus-Show "Alles Nichts oder?!" Hella trug die verrücktesten Kostüme, entworfen und geschneidert von Kölner Kunststudenten, und Balder durfte sich mit Torten bewerfen lassen.

Grundidee des scheinbar konzeptlosen und sehr erfolgreichen Formats war "ein Kindergeburtstag für Erwachsene" mit albernen bis schwachsinnigen Spielchen, untermalt von Hellas durchdringenden "Tschakka-Tschakka"-Rufen. Das Zusammenspiel des eher ruhigen und schmächtigen Hugo Egon Balder und der mächtigen und unnachgiebig lauten Hella von Sinnen sorgte für steigende Einschaltquoten und wachsende Beliebtheit der Protagonisten.

Viel Aufmerksamkeit garantiert

Cornelia Scheel und Hella von Sinnen
Cornelia Scheel war bis 2015 die Frau an Hellas Seite. © picture alliance / dpa, Horst Ossinger

Ab diesem Zeitpunkt war sie ständig in der Öffentlichkeit präsent. Sie tourte sehr erfolgreich mit ihrem Bühnenprogramm "Ich bremse auch für Männer" durch Deutschland. Sie war ständiger Gast in Ralph Morgensterns Sendung "Blond am Freitag" (ZDF) und gehörte zum Rateteam von Hugo Egon Balders Sat.1-Format "Genial daneben - Die Comedy Arena". Sie moderierte die Show "Klick-Stars" und (wieder mit Hugo Egon Balder) "Der Klügere kippt nach". Sie konzipierte und präsentierte das RTL-Magazin "Weiber von Sinnen". Sie synchronisierte und gab in der deutschen Fassung des Zeichentrickfilms "Der König der Löwen" der Hyäne Shenzi ihre unverwechselbare Stimme. Sie spielte Theater und entwickelte mit ihrer Firma Komikzentrum GmbH neue Konzepte fürs Fernsehen.

Es scheint, dass Hella von Sinnen in jeder Situation ihres Lebens ein Aktionstheater aufführte. Dazu gehörte auch ihre Liaison mit Cornelia Scheel (55), der Tochter der ehemaligen deutschen First Lady Mildred Scheel (1931-1985) und Adoptivtochter des Ex-Bundespräsidenten Walter Scheel (1919-2016). Mit ihr erschien sie 1991 beim Bundespresseball. Die beiden präsentierten sich auf der größten gesellschaftlichen Bühne Deutschlands als frischverliebtes Paar und genossen die Aufmerksamkeit und Fassungslosigkeit, die das Publikum teilweise kaum verbergen konnte.

Scheel und von Sinnen engagierten sich im Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD), sie wirkten mit im Song "Ja, ich will" der Band Rosenstolz, Cornelia arbeitete nicht nur mit in der Komikzentrum GmbH, sie hatte die Firma auch mitgegründet. Und sie waren Autoren des Buchs "Des Wahnsinns fette Beute". 2015 gab Cornelia Scheel bekannt, dass die Beziehung zu Hella von Sinnen nicht mehr besteht.

Schwere Schicksalsschläge

Ist das Leben der Hella von Sinnen tatsächlich eine ständige theatralische Aktion, mit der sie provoziert und gleichzeitig die Menschen unterhält? Natürlich kann eine Powerfrau wie sie nicht alle Ausschläge nach oben oder unten beherrschen und zum Teil eines Programms machen. Auch sie erreichen kaum oder nur schwer verkraftbare Schicksalsschläge. Von einem berichtete sie im August 2018 in der Sat.1-Sendung "Endlich Feierabend": Ihre Mutter war im Jahr 1988 in der Nacht von Heiligabend zum ersten Weihnachtsfeiertag bei einem Brand in ihrer Wohnung ums Leben gekommen.

Zu diesem Zeitpunkt war von Sinnen bei ihrem Vater. "Meine Eltern haben sich 1971 scheiden lassen und nach dem Abitur 1977 bin ich zu meiner Mama gezogen, wir wohnten im selben Haus", sagte Hella von Sinnen. "An Weihnachten, dem berühmten Fest, was ja auch sehr inhaltsschwanger ist, mussten wir uns aufteilen - mein großer Bruder und ich. Da sind wir am 24. immer nach Gummersbach zu meinem Vater und seiner neuen Familie gefahren." Den 26. Dezember, der Geburtstag ihrer Mutter, hätte sie bei ihr in Köln verbringen sollen. "Da kann sich jeder vorstellen, wie traumatisch das ist... Bei mir kam aber erschwerend hinzu, dass ich Schuldgefühle hatte, weil ich dachte: Warum warst du nicht am 24. mit deiner Mutter zusammen, warum hast du es jahrelang so gemacht?"

Der zweite schwere Schicksalsschlag ereilt sie am 1. Oktober 2012: An diesem Tag wurde Dirk Bach tot in seinem Apartment in einem Berliner Hotel gefunden. Vermutliche Todesursache: Herzversagen. Bach wurde nur 51 Jahre alt. Hella von Sinnen war am Boden zerstört. Sie hatte die Traueranzeige für den Lebensfreund aufgesetzt und geschrieben: "Die Liebe bleibt." Nun müsse eben diese Liebe die Trauer und den Schmerz überdecken.

"Ich bin dankbar über jeden Tag"

In dem TV-Gespräch sagt sie auch, dass sich die Trauer um den Verlust der Mutter und des Freundes Dirk Bach mittlerweile in etwas Positives umgewandelt habe: "Ich bin einfach unglaublich dankbar, dass ich so eine Mutter und so einen tollen besten Freund hatte. Ich bin dankbar über jeden Tag, den wir zusammen hatten."

Früher hatte sie mal von Hollywood geträumt und von einem Oscar für die beste Nebenrolle. Das hat sie nicht geschafft, obwohl ihr berühmtester Satz eine Auszeichnung verdient hätte. In einem mittlerweile legendären Werbespot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zum Thema "Gib Aids keine Chance" spielt sie 1989 eine Kassiererin in einem Supermarkt.

Vor ihr stand ein schüchterner junger Mann (Ingolf Lück), der versuchte, bunte Kondome so unauffällig wie möglich zu kaufen. Doch da krähte Hella von Sinnen mit ihrem unverwechselbaren Organ durch den ganzen Laden: "Tina, wat kosten die Kondome?" Ursprünglich stand im Drehbuch "Rita, wat kosten die Kondome?" Aus Rita wurde Tina, um einen Bezug zur ehemaligen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth (81) unbedingt zu vermeiden. Ob Tina oder Rita - Hella von Sinnens dahin geplärrter Satz wurde ein TV-Klassiker. Auch ohne Oscar.

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