GNTM-Kolumne: Wer bei GNTM hoch hinaus will, kann 122 Meter tief fallen

Heidi Klum bei den Dreharbeiten zur 16. Staffel von "Germany's next Topmodel" in Berlin.
Heidi Klum bei den Dreharbeiten zur 16. Staffel von "Germany's next Topmodel" in Berlin. © imago images/Future Image, Jens Krick via www.imago-images.de, www.imago-images.de

von Claudia Spitzkowski

„Alle Meeedchen wollen hoch hinaus. Das unterstütze ich natürlich gerne“, sagt Heidi Klum zu Beginn von GNTM-Folge neun und wer sich ein bisschen mit dem Format auskennt, der ahnt, das meint sie ernst. Aber am Ende ist es völlig egal, ob man 50 Zentimeter über dem Boden schwebt oder 122 Meter – sagt Onkel Jochen. Das ist nämlich alles nur in unserem Kopf! Dann also, jetzt bitte die Sicherheitsgurte anlegen und die Rückenlehnen in eine aufrechte Position bringen, unser „LuftHansa und -Franza“-Flug startet in wenigen Augenblicken. Es wird Turbulenzen geben.

„Wer denkt sich bloß so was aus?“ Merkste was, Heidi?

Okay, ja, ich hatte in meiner Kolumne zu GNTM-Folge sieben bitter beklagt, dass es 2021 viel zu wenig Action bei „Germany’s next Topmodel“ gibt. In den letzten Staffeln gab es in fast jeder Folge aufregende Challenges für Heidis Meeeedchen, in denen sie wahlweise durch die Luft flogen, durch brennenden Reifen springen oder so lange unter Wasser die Luft anhalten mussten, bis Heidi fertig damit war, die männlichen Aushilfs-Models abzuchecken. In eigentlich jeder Folge wurde hysterisch geschluchzt und geschrien. Hach, die guten alten GNTM-Zeiten. Corona bedingt ist diesbezüglich in Berlin eher tote Hose und außer Model-Loft und Catwalk haben wir von der Stadt noch nicht so viel gesehen.

Möglicherweise hat Heidi mein Klagen vernommen, denn in Folge neun sehen wir wirklich VIEL von Berlin. Zumindest von oben. Und ja, der Blick aus 122 Metern Höhe ist tatsächlich atemberaubend. Vor allem, wenn du an einem Gurt über den Straßenschluchten hängst und Heidi dich vorher hat über die Planke laufen lassen.

„Wer denkt sich bloß so was aus?“, sinniert die Model-Mama, mollig warm eingepackt und in sicherem Abstand zum Abgrund, während ihre Meedchen über den Straßenschluchten der Hauptstadt baumeln, dem eisigen Wind ausgesetzt. Ja, Heidi, wer kommt bloß auf solche Ideen? Zumal – und jetzt alle gut an den Sicherungsgurten festhalten, denn es kommt eine Knaller-Offenbarung, auf die wir NIEMALS zuvor gekommen wären! – Heidi in einem lichten Moment der Model-Selbstreflektion eingestehen muss: „Normalerweise muss man sowas auch nie machen … Außer bei uns.“ Waaaas, all die Challenges bereiten die Meeeedchen gar nicht aufs echte Modelleben vor? Sollten sie möglicherweise nur Mittel zum Zweck sein, um den TV-Zuschauer beim Chips mümmeln bei der Stange zu halten? Seit der Erkenntnis, dass es den Weihnachtsmann und den Osterhasen nicht mehr gibt, war ich nicht mehr so enttäuscht.

Mit Jochen Schweizer menschelt's plötzlich am GNTM-Set

Ich weiß ja nicht, wie Heidi ihre Kinder großgezogen hat. Möglicherweise ist sie privat eine echte Helikopter-Mutter, die immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte von Leni und ihren Geschwistern hat. Als Model-Mama ist ihr hingegen jeglicher Kuschelkurs fremd. Mitleid oder Mitgefühl für die Meeedchen? Eher spärlich gesät. Umso irritierender der menschelnde Gastauftritt von Event-Unternehmer Jochen Schweizer in Folge neun.

Laut Wikipedia ist er „Pionier unter den Extremsportlern und Wegbereiter des Bungeespringens in Deutschland“. Bei GNTM wurde er dafür abgestellt, denn Meeedchen zu versichern, dass die Sicherungsgurte auch wirklich halte und dass es keinen Unterschied macht, ob man in 122 Metern an den Seilen baumelt oder nur 50 Zentimeter über dem Boden – alles reine Kopfsache. Sieh an.

Jedenfalls gab Jochen einen so lieben und verständnisvollen Onkel, dass nicht nur Ana nach einem Gespräch mit ihm völlig berauscht zurückblieb und in die Kamera flüsterte: „Der ist soooo nett!“ I feel you, Ana. Kennt man sonst eigentlich gar nicht am GNTM-Set.

Mitgefühl und Menschlichkeit? Soweit kommt's noch bei GNTM!

Nett? Das wollen wir aber mal nicht einreißen lassen, dachte sich Heidi wohl und trat Jochens mit viel Sensibilität aufgebaute Vertrauens-Sandburgen hinter seinem Rücken direkt wieder ein. Der vor Angst schockstarren Linda, die sich wie eine Ertrinkende an ihren Gurten festklammerte, schmetterte sie ein fröhliches „Och, Linda, das Gesicht kannst du aber gleich nicht machen!“ entgegen. Und ob der Satz „Ob es jetzt 122 Meter oder 123 Meter über dem Abgrund sind, ist am Ende egal“ nun wirklich motivierend ist, um die eigene Angst zu überwinden, ist auch eher fraglich. Es klingt auch durchaus wie Hohn, wenn Heidi beim Anblick ihrer vor Panik und Kälte schlotternden Meeedchen in die Kamera sagt: „Das sähe bei mir genauso aus. Ich verstehe das.“ Sprach’s und ließ den nächsten kreischenden Model-Lemming über den Abgrund hüpfen.

Übrigens all das für Fotos, die am Ende aussahen, als hätte jemand die Models einfach per Photoshop in den Himmel über Berlin geklebt. Und dafür der ganze Aufriss? Wird sich sicher auch Linda gedacht haben, die die Challenge einfach nicht gepackt hat. Und wer nicht mitspielt, der bekommt auch kein Foto, denn da hört Heidis Verständnis auf. Abgang Linda.

Die sich zumindest damit motiviert, es immerhin „in die Top 14 geschafft“ zu haben - und das müsse ihr schließlich erstmal einer nachmachen. Sie sollte ihren Ruhm genießen, der vermutlich nicht die Länge einer ihrer geliebten Zigaretten überdauert. Denn Linda, mal unter uns: Es soll schon vorgekommen sein, dass selbst Meeedchen, die es in die Top 3 geschafft haben, nicht automatisch zu Weltruhm gekommen sind. Von den GNTM-Siegerinnen mal ganz zu schweigen.

Im Video: Was wurde eigentlich aus den GNTM-Siegerinnen der letzten Staffeln?

Rebecca Mir war wohl noch nie so happy, schwanger zu sein

Eine, aus der was geworden ist, ist Rebecca Mir. Sie hat zwar GNTM nicht gewonnen, hat aber trotzdem – oder gerade deshalb? – Karriere gemacht. Unter anderem als Moderatorin. Und außerdem hat sie sich bei „Lets Dance“ in Profi-Tänzer Massimo Sinató verliebt, ist heute mit ihm verheiratet und hat einen „Braten in der Röhre“, wie Heidi beim Blick auf Rebeccas Babybauch feststellt.

Wir würden es netter formulieren: Rebecca ist schwanger und die Babykugel rettet sie auch davor, den Action-Walk vormachen zu müssen, bei dem die Meeedchen in psychedelischen Stewardess-Kostümen zunächst einen Rollkoffer über Kopfsteinpflaster bugsieren, dann über eine Wippe balancieren, eine Rutsche runterrutschen und schließlich durch einen überdimensionalen, sich drehenden, Lockenwickler bis zu Heidi und Rebecca laufen müssen. Eine Art Abenteuerspielplatz für Models also.

Rebeccas Schwangerschafts-Glow scheint sich noch zu verstärken, als ihr klar wird, dass sie da nicht durch muss. „Du warst ja auch schon auf mehr Kinderspielplätzen als ich“, spielt sie den Ball an Heidi zurück. Kurz denke ich, dass Tom Kaulitz natürlich schon jung ist, aber doch nicht sooo jung, dann erst fällt mir auf, dass Rebecca wohl Heidis echte Kinder meint.

„Angekommen zu sein allein reicht aber nicht“

„Thank you for flying with LuftHansa und -Franza“, quiekt Heidi ins „Bord-Mikro“ und fasst sich an die namentlich bekannten Brüste. In einem echten Flugzeug wäre das der Moment gewesen, in dem ich nach der Rettungsweste unterm Sitz gekramt und zum Notausgang gestürmt wäre. Egal, ob wir 50 Zentimeter oder 122 Meter über dem Boden gewesen wären. So bleibt mir nur, die Turbulenzen auf dem Model-Spielplatz zu beobachten und mir anzuhören, dass Heidi in der Schule schrecklich gemobbt worden ist, weil sie „so viel Pickel hatte“ und sich schon damals „extravagant“ angezogen hat.

Für einen kurzen Moment kommt fast Mitgefühl bei mir auf. Aber das vergeht spätestens dann, als sich Mareike mit verletztem und bandagierten Fuß durch den Parcour kämpfen muss und mir Heidis Satz „Normalerweise muss man sowas auch nie machen … Nur bei uns“ wieder durch den Kopf schießt. Aber weil Heidi „langsam keine Argumente mehr hat“, warum Mareike weiter kommen sollte und andere nicht, hat sie heute auch leider kein Foto für die Verletzte.

Zumindest haben alle Meeedchen den Walk überlebt. Und ich überlege, mir Heidis philosophischen Abschluss-Satz „Angekommen sein allein reicht aber nicht“, vielleicht irgendwo drauf drucken zu lassen. Würde sich sicher gut auf den Rettungswesten von „LuftHansa & -Franza“ machen.

So, ich muss weg, der Flieger geht. Ich überlasse Mareike die letzten Worte für heute: „Am Ende kackt immer die Ente.“ Was auch immer sie uns damit sagen möchte.