GNTM-Kolumne: Subtile Erotik? Heidi Klum lässt lieber die Puppen tanzen

Heidi Klum bei den Dreharbeiten zur 16. Staffel von "Germany's next Topmodel".
Heidi Klum bei den Dreharbeiten zur 16. Staffel von "Germany's next Topmodel". © imago images/Future Image, Jens Krick via www.imago-images.de, www.imago-images.de

von Claudia Spitzkowski

So, mal aufzeigen, wer nach einem Jahr im Lockdown auch nicht mehr in die Korsage passt, die irgendwo unten in der Wäscheschublade sein muss? Und wer hatte auch seit etwas mehr als zwölf Monaten keine High Heels mehr an? Dann wird es wohl für uns alle Zeit, uns mal wieder „sexy und schön im eigenen Körper zu fühlen“. Ich mach noch schnell einen schwülstigen Beyonce-Song an und schaffe Platz im Wohnzimmer, denn jetzt wird „super sexy und super sinnlich getanzt“. Und zwar bis jemand heult! Ob nun echte oder falsche Tränen.

Korsagen, & High Heels: Auf subtile Erotik steht Heidi offenbar nicht

Ach, Heidi, ernsthaft? Sind Korsage, High Heels und ein „9½ Wochen“-Gedächtnis-Stuhltanz in GNTM-Folge acht wirklich das, was du heutzutage als „sexy“ definieren möchtest? Worauf genau möchtest du angehende Nachwuchsmodels mit einer Challenge vorbereiten, bei der sie sich wenig bekleidet breitbeinig auf Stühlen und unter einem Wasserstrahl räkeln müssen? Dass die Modebranche voller Lüstlinge ist? Dass Models am Ende nur über ihren Körper definiert werden? Dass immer noch das Motto „Sex sells“ gilt? Subtile Erotik? Nicht mit Heidi. Und das ist leider ziemlich retro. #sorrynotsorry

Aber vielleicht habe ich den tieferen Sinn dieser Aufgabe auch einfach nicht verstanden und das laszive Herumgerutsche auf dem Stuhl und der feucht-flutschige „super sexy, super sinnliche“ Walk waren nicht einfach nur ein Spaß für alle Voyeuristen, sondern tatsächlich als eine Art Therapiestunde für Heidis Meeedchen gedacht. Die Tanz-Choreografin wollte mir das zumindest im Vorfeld weißmachen. Denn Sonia Bartuccelli, die schon Helene Fischer gezeigt hat, dass sich „jede Frau sexy und schön im eigenen Körper fühlen kann“ (wie konnte mir die Meta-Ebene des „Atemlos“-Videos so lange entgehen?), ist sich sicher, dass sie beim Tanzen JEDE Blockade der Nachwuchsmodels sehen – und lösen - kann.

Auf der Suche nach der verlorenen Sinnlichkeit

Und so entkam ihren bohrenden pseudo-therapeutischen Fragen, die einer russischen Geheimdienst-Offizierin alle Ehre gemacht hätten, auch keines der Meeedchen. So lange, bis eine heult. In Folge 8 war das unter anderem Alex, die einfach keine Antwort auf die Frage wusste, was sie denn an sich sinnlich findet und lediglich ihre Haare gut fand.

Das ist auf vielerlei Weise sehr traurig. Zum einen natürlich, weil Alex bildschön ist und es so viele Frauen da draußen gäbe, sie sich sehnlichst wünschen würden, wie sie auszusehen und zu sein. Zum anderen, weil es deutlich macht, dass es wohl keine Frau auf dieser Welt gibt, die sich zu 100 Prozent mag. Ob Model oder nicht, ich kenne zumindest keine, die spontan aufzählen kann, was sie an sich schön findet. Aber die Liste der angeblichen Makel kann wohl jede von uns im Schlaf runterrattern - und sie ist im Zweifel deutlich länger als Alex’ Beine.

Da fehlen auch der Kolumnistin ein bisschen die Worte, wenn Alex im Off-Interview über ihre Optik sagt, dass sie an guten Tagen denkt „Na ja, hätte mich auch schlimmer treffen können“.

Zieh dich aus, kleine Maus, mach dich nackig!

Doch nicht nur für Alex wird der getanzte Pseudo-Striptease zum Seelenstriptease. Während Liliana offenbart, das sie sich selbst nicht traut und ständig an sich zweifelt, kämpft Ana mit der Vehemenz eines Duracall-Häschens gegen ihr Niedlich-Image. „Die Zeit der kleinen süßen Maus ist vorbei!“, wiederholt sie wie ein Mantra und ist dabei – sorry – sehr süß in ihrer verzweifelten Jagd nach dem Sex-Appeal, der trotz streng gläubiger Erziehung doch irgendwo in ihr schlummern muss. Ich gehe wohl Recht in der Annahme, dass Ana „9½ Wochen“ nie in ihrem Leben gesehen hat und daher wie die Jungfrau zum Kinde (man verzeihe mir das religiöse Wortspiel) zu einer Choreo kommt, in der es laut Heidi und Sonja darum geht, möglichst „scharfe Bewegungen“ zu machen. Vermutlich war Ana vorher noch nicht einmal auf Heidis Instagram-Account, wo die Model-Mama uns regelmäßig zeigt, wie und womit sie ihren Gatten Tom Kaulitz heiß macht. Und da gibt es fast jede Woche ein Foto für Hans. Oder Franz. Oder beide.

Trotz erotischer Aufklärungs-Defizite „war Ana auch diese Woche beim Walk wieder eine der Besten gewesen“, wie Heidi im für sie üblichen „Klumquamperfekt“ sagte. Ihre stets recht freie Interpretation grammatikalischer Zeiten scheint sich inzwischen auch auf Romina abgefärbt zu haben, die die erste Challenge, in der die Meeeedchen jeweils zu viert in einer Art Setzkasten, der sich dreht. posieren mussten, mit den Worten „Es war hoch gewesen“ zusammen fasste. Und sich im übrigen sorgte, ob das sich drehenden Konstrukt denn „vom TÜV geprüft“ sei. Man stelle sich an dieser Stelle Heidis teuflisches Lachen vor. TÜV? Manchmal sind die Meeedchen aber auch so naiv, ts.

Wer es noch nicht wusste: Soulin ist übrigens die Beste

Was sonst noch passiert ist? Soulin ist die Beste. Einfach immer. In allem. Da können die anderen Meeedchen vor lauter Neid dieselbe Farbe wie das neongelbe Outfit annehmen, das Heidis Favoritin beim ersten Shooting anhatte, pah! Möglicherweise ist Soulin sogar die Beste darin, Emotionen an- und auszuknipsen – je nachdem, ob die Kamera läuft oder nicht. Das ist aber vielleicht auch nur eine infame Unterstellung der Konkurrentinnen, die sich ein bisschen wundern, warum Soulin in einem Moment bittere Tränen um die freiwillig ausgeschiedene Jasmin weint, aber sich im nächsten Moment ein Loch in den Bauch freut, weil sie mal wieder die Beste beim Shooting war. Dafür gibt es aber sicher eine plausible Erklärung. Nur hat Soulin keine Lust, darüber mit den Meeedchen zu diskutieren. So nämlich!

Und überhaupt, wer sagt denn bitte, Soulin sei fake? Nie waren ihre Emotionen echter, als in zwei Momenten in Folge acht. Erst sagte ihr die Choreografin bei der Probe, dass Soulins Bewegungen beim Stuhltanz etwas „off“ seien. Und dann wagte es Heidi am Ende doch tatsächlich, Alex schon im GNTM-Finale zu sehen, während Soulin daneben stand. Wenn Blicke töten können, würde jetzt niemand mehr Helene beibringen, sich sexy in ihrem Körper zu fühlen. Und Heidi hätte auch nie wieder ein Foto für niemanden. Was bedauerlich wäre. Es war schließlich immer so schön gewesen mit ihr und den Meeedchen.