Nein, die Nationalmannschaft braucht Thomas Müller nicht

30.09.2020, Bayern, München: Fußball: DFL-Supercup, Bayern München - Borussia Dortmund in der Allianz Arena. Thomas Müller von München feiert sein Tor zum 2:0. WICHTIGER HINWEIS: Gemäß den Vorgaben der DFL Deutsche Fußball Liga bzw. des DFB Deutscher
Thomas Müller ist aus der Elf des FC Bayern nicht wegzudenken . Aus der Nationalmannschaft dagegen schon - jedenfalls für Joachim Löw © dpa, Sven Hoppe, shp

Ein Kommentar von Tobias Nordmann

Na klar, Thomas Müller ist seit Monaten in einer herausragenden Verfassung und für den FC Bayern absolut unverzichtbar. Für die deutsche Nationalmannschaft gilt das indes nicht, denn die Probleme, die Bundestrainer Joachim Löw hat, liegen ganz woanders.

Müller-Comeback ein ewiges Thema

Thomas Müller weiß, dass Thomas Müller derzeit sehr gut in Form ist. Aber Thomas Müller weiß freilich auch, dass die Diskussion, die sich aus dieser beeindruckenden Formstärke entwickelt, eigentlich sinnlos ist. Es geht nämlich, wieder einmal, um eine Rückkehr in die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. 

Die aber ist für den 31 Jahre alten Spieler des FC Bayern ausgeschlossen. Zumindest so lange Joachim Löw noch Bundestrainer ist. Bis zur Weltmeisterschaft in Katar, im Jahr 2022, ist das derzeit mal geplant. Ob sich daran angesichts der zunehmenden Kritik am 60-Jährigen etwas ändert, niemand weiß es.

Selbst Gnabry könnte ins Zentrum

Und so egal die Spekulationen um Joachim Löw und seine Zukunft sind, so unsinnig sind die ewigen Debatten um ein mögliches 101. Länderspiel und einen möglichen 39. Treffer von Müller für Deutschland. Denn Müller, so stark er derzeit in Form ist, löst nicht die Probleme, die das DFB-Team mit Fokus auf die EM im nächsten Jahr beschäftigen. 

Auf den Positionen, die Müller in der Offensive gewinnbringend bekleiden kann - und das ist vornehmlich die des freigeistigen Rumtreibers - gibt es eben Fußballer, die unverzichtbare Fähigkeiten besitzen. Da wäre der Münchner Leon Goretzka als dynamischer Antreiber. Da wäre auch Kai Havertz vom FC Chelsea, der als eines der größten Talente auf der Position des Spielgestalters überhaupt gilt. Und selbst eine Versetzung des gesetzten Serge Gnabry von rechts ins von ihm geliebte Zentrum, wäre notfalls denkbar.

Hummels viel interessanter für Löw

Die Probleme der Nationalmannschaft liegen rein sportlich (die Entfremdung der Zuschauer lassen wir an dieser Stelle mal aus) woanders. In der Defensive nämlich. Und deswegen wäre eine andere Personalie, sie ist angesichts der Überzeugung des Bundestrainers allerdings ebenfalls müßig, viel spannender. 

Nämlich die Personalie Mats Hummels. Der Dortmunder Abwehrchef könnte, diese Argumentation ist hinlänglich ausdiskutiert, dem derzeit wackeligsten Mannschaftsteil des Teams Stabilität, Führung und Ausstrahlung geben. Denn bei aller sportlichen Qualität der bevorzugten Innenverteidiger Niklas Süle, Antonio Rüdiger und Matthias Ginter, fehlt ihnen das dringend benötigte, chefige Charisma. Es ist eine Diskussion, die zuletzt Weltmeister Bastian Schweinsteiger angestoßen hatte. Er hatte einen Anführer gefordert.

Es gibt in der Offensive genug Anführer

Bei dieser Diskussion ist man natürlich schnell auch wieder bei Müller. Wer die Geisterspiele (oder auch die Spiele mit wenigen Zuschauern) intensiv verfolgt, der bekommt eindrucksvoll vermittelt, wie Müller das Spiel des FC Bayern lenkt. Wie er das vor allem nach der Corona-Zwangspause im Frühjahr brutale Pressing anleitet. Nun ist es aber, trotz aller nervigen Umbruchansagen, nicht so, dass es dem DFB-Team an einer klaren Hierarchie fehlen würde. Gerade im zentralen Mittelfeld gibt es die Spieler, die eine Partie an sich reißen können, die in engen Situationen Lösungen finden.

Da wäre der ruhige Souverän Toni Kroos. Da wäre der stets gallige und gierige Joshua Kimmich, der seine Bayern auch vor dem Spiel in Bielefeld per Chatnachricht zur Gefräßigkeit ermahnte. Da wäre Goretzka, der sich nicht nur auf dem Rasen, sondern auch daneben als meinungsstarke Führungsfigur positioniert. Selbst der sonst eher zurückhaltend wirkende Gnabry gibt zunehmend laute, sehr klare Kommandos. Und Havertz wird sich beim ambitionierten FC Chelsea in dieser Saison gemeinsam mit Stürmer Timo Werner in der Premier League eine psychische und physische Wettkampfhärte auf dem absolut höchstem Niveau erspielen - mit viel Verantwortung auf den offensiven Schlüsselpositionen.

Und mit ihren 25 Jahren, mit dem Gewinn des Triples und mit ihren etablierten Rollen in München sind Kimmich, Goretzka und Gnabry längst mehr als Talente, die angeleitet werden müssen. Sie führen bereits und wachsen in die Rollen rein, in die Müller und seine Weltmeister-Kollegen von 2014 auch über Jahre erfolgreich reinwachsen durften. So gut Thomas Müller seit Monaten spielt, so nicht zwingend notwendig ist eine Rückkehr ins Nationalteam. Dass er dort indes ganz sicher wieder eine gute Rolle spielen würde, das ist allerdings ebenso unstrittig.

Quelle: ntv.de