Das ist der deutsche Oscar-Kandidat 2021: „Und morgen die ganze Welt“

HANDOUT - 12.03.2020, ---: Mala Emde (M) als Luisa in einer Szene des Films "Und morgen die ganze Welt" (undatierte Filmszene). Der Spielfilm «Und morgen die ganze Welt» von Julia von Heinz geht für Deutschland ins Oscar-Rennen. Foto: -/Alamode Film/
Deutscher Oscar-Kandidat - "Und morgen die ganze Welt" © dpa, -, cse sab kde

von Mireilla Zirpins

Frisch zum Oscar-Kandidaten für Deutschland gekürt startet am Donnerstag, 29.10. das Antifa-Drama „Und morgen die ganze Welt“. Für alle, die schnell vor dem „Teil-Lockdown“ noch mal ins Kino wollen, ist dieser Film sowieso die beste Wahl. Und das liegt nicht nur an seiner absolut umwerfenden Hauptdarstellerin Mala Emde („303“, „Wir töten Stella“).

Alamode
Deutschland. Dachau. Am Set von Und morgen die ganze Welt. Foto: Oliver Wolff © Oliver Wolff, Oliver Wolff www.oliwolff.com

Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass genau an dem Mittwochabend, an dem Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Ministerpräsidentinnen und – präsidenten die erneute Schließung der ohnehin gebeutelten Kinos verkünden, auch bekanntgeben wird, welcher Film für Deutschland ins Oscar-Rennen geht – coronabedingt 2021 erst am 25. April. Und dass der Film einen Tag später startet und die Kinogänger es schwer haben, ihn zu sehen. Und sehenswert ist „Und morgen die ganze Welt“ allemal.

 Julia von Heinz und Mala Emde beim Photocall zum Kinofilm Und morgen die ganze Welt / And Tomorrow the Entire World auf der Biennale di Venezia 2020 / 77. Internationale Filmfestspiele von Venedig im Palazzo del Casino. Venedig, 10.09.2020 *** Julia
Julia von Heinz (l.) und Mala Emde beim Filmfestival in Venedig, wo der Film Weltpremiere feierte © imago images/Future Image, Dave Bedrosian via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Regisseurin Julia Heinz (44, „Ich bin dann mal weg“, „Hanni und Nanni 2“) geht darin einer Frage nach, die brandaktueller nicht sein könnte: Wie weit darf man gehen, um Faschisten das Handwerk zu legen? Und sie weiß, wovon sie spricht, denn sie arbeitet in ihrem „ersten Autorenfilm“, wie sie sagt, ihre eigene Jugend in der Bonner Antifa-Szene in den 1990ern auf. Fiktionalisiert und nach heute verlegt, in eine Zeit, in der wir über die Verstrickung von Polizisten mit der rechten Szene reden müssen.

Im Film heißt die junge Frau aus gutbürgerlichem Elternhaus Luisa und nicht Julia. Sie kommt aus der Provinz und studiert in der Großstadt Jura. Und will endlich auf eigenen Füßen stehen. Über Batte (Luisa-Céline Gaffron, „Stillstehen“, „8 Tage“), ihre linksalternative Freundin aus Kindertagen, mit der sie auch schon mal das Bett zu teilen scheint, bekommt sie ein angeranztes Zimmer im Antifa-Projekt.

Mit staunenden Augen durchschreitet die unscheinbare Studentin mit dem wuscheligen Blogger-Dutt, die von Mala Emde so uneitel und voller zurückgehaltener Energie gespielt wird, das Wimmelbild der Antifa-Aktivisten auf dem riesigen Areal. Luisa ist unsere Projektionsfläche, mit ihr erkunden wir einen Mikrokosmos, in dem manche von uns noch nie waren. Hier wuseln friedliebende Studis durcheinander und bemalen Transparente für die nächste Demo gegen die rechten Populisten der „Liste 14“, die von den Plakatfarben bis zu den Protagonisten an die AfD erinnert. Und die „aufgebrachten Bürger“ haben Freunde und Unterstützer, die ganz klar Neo-Nazis sind und schnell mit der Faust bei der Sache.

Aber es gibt auch Hardliner in der buntgemischten und diversen Antifa-Spaßtruppe. Sie wollen mehr als nur ein bisschen stören, sie präparieren Farbeier und würden auch noch einen Schritt weiter gehen. So wie der charismatische Alfa (Noah Saavedra, „Egon Schiele: Tod und Mädchen“ sowie eine Nebenrolle im James-Bond-Abenteuer „Spectre“). Er schwingt große Parolen und kriegt in der linken Kommune alles ins Bett oder vor sich auf die Knie, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Und doch findet Luisa ihn vielleicht doch faszinierender als den introvertierten und manchmal aggressiv eifersüchtigen Lenor (Theater-Mann Tonio Schneider in seiner ersten großen Kinorolle), von dem man gar nicht so genau weiß, ob er mehr auf Alfa oder auf Luisa steht.

Und auf einmal hängt Luisa mitten drin im gewaltbereiten Teil der linken Bewegung, eine Entwicklung, die Mala Emde völlig glaubwürdig erscheinen lässt. So viel Wut steckte die ganze Zeit zwischen ihren angespannten Schultern. Wir ahnten es schon, als wir Luisa mit ihrem Papa auf der Jagd gesehen haben. Scheinbar unbeteiligt steht sie dabei, als er das Wild häutet. Obwohl sie kein Fleisch isst. Zimperlich ist sie sicher nicht. Und sie kann eine Waffe bedienen.

Und das ist der Stil dieses ganz unaufgeregten Dramas, das niemand kalt lassen kann. Denn wir sind nicht nur dank der Handkamera-Perspektiven so nah dran an Luisa, an ihrer Aufgewühltheit, dass sich ihre Zerrissenheit ganz schnell auf uns überträgt. Wie würden wir uns entscheiden? Fürs Alpha-Männchen oder den weichgespülten Grübler? Was würden wir tun, wenn wir bei einem, nun ja, Einbruch im Lager der Nazis Brandsätze finden würden? Wenn wir den Verdacht haben müssten, dass die Spur bis in die Reihen der Polizei führen könnte?

Geschickt kontrastiert hier Julia von Heinz die beiden Szenen an den äußeren Rändern des politischen Spektrums. Zeigt uns auf der linken Seite, wie die Radikalisierung funktioniert. Zeigt uns, wie auch bei den Rechten ein Barde am Lagerfeuer zur Gitarre greift. Und lässt uns eine Sekunde später das Blut in den Adern gefrieren, als wir unverhohlen rassistischen und menschenverachtenden Texte hören. Wir sind natürlich ganz bei den Protagonisten und halten auf einmal entsetzt inne, als das linke (Liebes?)Trio aus zwei jungen Männern und einer jungen Frau, mit dem wir hier sympathisieren, in den Untergrund gehen will. Kann Gewalt eine gute Sache sein, wenn man auf der richtigen Seite steht? Und denken nicht alle Gewalttäter, dass sie für die richtige Sache kämpfen?

Es ist die große Stärke des Films, dass er diese Ambivalenz nicht auflösen wird, dass Hauptdarstellerin Mala Emde, die übrigens von allesamt überzeugenden Co-Stars unterstützt wird, sie ganz im Gegenteil bewusst forciert. Die 24-Jährige versteht es, allein mit ihren Augen, aber auch mit dem ganzen Körper die durchbrechende innere Unruhe der engagierten Aktivistin zu vermitteln. Sie wirkt so natürlich und authentisch, dass es nicht einen Moment lächerlich wirkt, als sie mit den Insignien des Wohlstands, einem Golfschläger und einem Jagdgewehr, aufbricht, um die Welt zu verändern. Das muss man auch erstmal schaffen.