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Filmkritik „Joker“ mit Joaquin Phoenix: Sein irres Lachen geht durch Mark und Bein

So schlägt sich Joaquin Phoenix als „Joker“
01:47 Min So schlägt sich Joaquin Phoenix als „Joker“

von Mireilla Zirpins

Es ist keine leichte Bürde, in die Rolle zu schlüpfen, in der uns Heath Ledger immer im Gedächtnis bleiben wird. Dass Joaquin Phoenix uns keinen durchschnittlichen Joker liefern würde, hatten wir fast schon erwartet. Er wurde in Venedig mit Standing Ovations für seinen schrillen Clown gefeiert. Verdient? Das verrät unsere Video-Filmkritik.

Beim „Joker" sind wir auf einmal nicht auf Batmans Seite

Todd Phillips, bislang als Regisseur eher durch leichte Kost wie die „Hangover“-Komödien aufgefallen, gibt Joaquin Phoenix Gelegenheit, seine Figur zwei Stunden lang in allen Facetten auszuloten. Phillips will explizit keine Comicverfilmung liefern, sondern dem Joker eine Backstory geben, macht ihn zu seiner Hauptfigur. Ein extrem gewagtes Unterfangen, sind viele von uns doch daran gewöhnt, darauf zu hoffen, dass Batman seinem Gegenspieler Joker schnell das Handwerk legt.

Aber Todd Phillips dreht die Sache einfach um. Von Batman keine Spur. Bruce Wayne ist noch ein kleiner Junge, sein Vater Thomas ein einflussreicher Milliardär und zumindest ein eingebildeter Schnösel. Und der Joker erstmal einfach ein armer Clown im Molloch Gotham, das einfach nach dem New York der Siebziger und Achtziger aussieht – eine unverhohlene Hommage an die Filme Martin Scorseses, an „Taxi Driver“ oder „King Of Comedy“.

Und Arthur Fleck, so sein bürgerlicher Name, wird uns gleich als Opfer vorgeführt. Als Muttersöhnchen pflegt er in einem abgerissenen Wohnblock die sieche Mama (eine recht farblose Frances Conroy) und hofft auf den Durchbruch als Komiker. Sein großes Vorbild: TV-Moderator Murray Franklin – konsequenterweise besetzt mit Robert De Niro, der Joaquin Phoenix so sehr den Vortritt lässt, dass es schon schade ist. Doch schnell wird klar, dass Arthur Fleck ein großes Problem hat – und bald selbst auch ein Riesenproblem für sein Umfeld ist.

Angst vor Anschlägen wie einst bei "The Dark Knight Rises"

Es ist ein gewagtes Unterfangen, den Bösewicht zum Protagonisten zu machen und dem Zuschauer sonst kein Identifikationsangebot zu machen. Das funktioniert hier vielleicht nicht für jeden, aber – wenn man sich drauf einlässt – verdammt gut. So gut, dass in den USA schon ein Sturm der Entrüstung losbrach, weil man befürchtet, die Mordlust des Jokers und die teils drastische Gewaltdarstellung könne Trittbrettfahrer auf den Plan rufen, gerade wenn man sie aus der Innensicht und in stimmungsvollen Bildern erzählt.

In gewisser Weise verständlich, hatte es doch beim Filmstart von Christopher Nolans Joker-Film „The Dark Knight“ mit Heath Ledger einst einen Anschlag auf ein US-Kino gegeben. Auch das sichtliche „Joker“-Vorbild „Taxi Driver“, in dem Robert De Niro als Vietnam-Rückkehrer durchdrehte, wurde vom Täter als Inspiration für das Attentat auf den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan genannt. Und dann wirkt Joaquin Phoenix‘ Joker einen Moment lang fast sympathisch, hat sogar ein Techtelmechtel mit einer bildhübschen Flurnachbarin (Zazie Beetz, US-Amerikanerin mit deutschen Wurzeln).

Doch die Befürchtungen sind unbegründet. Vielleicht, weil die Backstory, die Todd Phillips hier ersinnt, dann doch psychologisch ein bisschen zu kurz greift, um das schräge Verhalten des Jokers wirklich zu erklären und uns auf Distanz hält. Vielleicht, weil gerade die Massenszenen mit den Joker-Trittbrettfahrern die schwächsten im ganzen Film sind. Vielleicht aber auch, weil Joaquin Phoenix‘ Joker einfach einen Tacken zu krank ist, um ihn gern zu haben, gerade weil er uns so nah an sich heranlässt. Aber sehen Sie selbst in unserem Video!