Filmkritik 'Girl on the Train' mit Emily Blunt und Justin Theroux

Emily Blunt spielt in 'Girl on the Train' die alkoholsüchtige Rachel - Foto: Constantin
Emily Blunt spielt in 'Girl on the Train' die alkoholsüchtige Rachel © Constantin

Der wohlige Schauer fehlt: 'Girl on the Train' kommt ins Kino

Rachel träumt sich auf ihren Zugfahrten in die Leben fremder Menschen und meint, Ungeheuerliches gesehen zu haben. Doch niemand will ihr glauben, weil sie Alkoholikerin ist. Diese packende Bestseller-Story kommt nun mit Emily Blunt in der Hauptrolle ins Kino.

3 von 5 Sternen

Girl on the Train - Haley Bennett überzeugt als Sirene (Foto: Constantin)
Girl on the Train - Haley Bennett überzeugt als Sirene © Constantin Film Verleih

Von Mireilla Zirpins

15 Millionen Exemplare soll die ehemalige Wirtschaftsjournalistin Paula Hawkins schon von ihrem ersten Roman verkauft haben, und nach dem Erscheinen verging kaum ein Tag, an dem man nicht mindestens eine Frau im Zug oder in der Bahn sah, die ‚Girl on the train‘ las, oder besser: verschlang. Kein Wunder also, dass der 2015 veröffentlichte Page-Turner schnell seinen Weg auf die Leinwand fand. Denn die Geschichte von Rachel (Emily Blunt), die aus dem Vorortzug in die schönen Häuser glücklicher Menschen spinxt, zieht uns sofort in ihren Bann. So viel Neugier wird doch noch erlaubt sein! Und wer von uns hätte nicht schon mal einen interessierten Blick in die Vorgärten und Wohnzimmer anderer riskiert? Rachel stellt sich zu den hübschen Menschen in den schicken Häusern die erfüllten Liebesgeschichten vor, weil ihre eigenen kein glückliches Ende nahm.

Ja, wir merken rasch in dieser Geschichte, in der nichts ist, wie es zunächst scheint, dass Rachel eher eine besessene Voyeurin als eine romantische Träumerin ist. Und doch können wir uns mit ihr identifizieren, obwohl sie säuft wie ein Loch. Und das schon auf der morgendlichen Hinfahrt aus Suburbia in die Großstadt, wobei die Handlung von London nach New York verlegt wurde.

Die Frau, an deren Leben Rachel aus der Distanz Anteil zu nehmen versucht, küsst auf einmal einen anderen Mann als ihren Gatten und ist am nächsten Morgen verschwunden. Und Rachel? Erwacht blutverschmiert in ihrem Erbrochenen und kann sich an die Nacht beim besten Willen nicht mehr erinnern. Was blöd ist, denn so gerät sie schnell unter Verdacht. Weil die Verschwundene (ätherisch-schön als Objekt männlicher Begierde: Haley Bennett) einiges zu tun hatte mit Rachels Ex-Mann (Justin Theroux) und seiner neuen Frau Anna (Rebecca Ferguson), mit der er einst Rachel betrog. Zwischen ihren Drinks versucht Rachel zu ermitteln, was wirklich geschah und macht damit alles nur noch schlimmer…

Schicke Bilder und tolle Hauptdarstellerin - that's it

Die Erwartungen der vor allem weiblichen Millionen-Leserschaft an die Verfilmung sind hoch. So wurde vor Veröffentlichung des Trailers diskutiert, ob Emily Blunt nicht zu schön sei, um glaubhaft die versoffene Rachel geben zu können. Selbst Autorin Paula Hawkins teilte diese Meinung. Doch die Mimin, die selbst in einer Nebenrolle wie der Asisstentin in ‚Der Teufel trägt Prada‘ neben Meryl Streep bestand, enttäuscht auch hier nicht. Völlig fertig sieht die Britin hier aus, völlig uneitel und ergreifend ist ihr Spiel. Ihre vom Leben enttäuschte Rachel wirkt so verletzlich, dass es wehtut, zuzuschauen. Dagegen verblassen leider die übrigen Figuren, vor allem die der schon in der Romanvorlage eher blassen Männer.

Das Gute ist, dass man so allen Handelnden alles zutraut – wenn man nicht schon das Buch gelesen hat. Denn bei einem ‚Whodunnit‘ kann der Reiz ganz schön verblassen, wenn man den Täter bereits zu Anfang kennt – außer natürlich, das Ganze ist so meisterlich inszeniert, dass man auch beim zehnten Mal noch begeistert ist. Aber leider ist ‚Girl on the train‘ kein ‚Fenster zum Hof‘ und auch kein 'Gone Girl', um die offensichtlichen Vorbilder zu bemühen.

Taylor Tate, der bei ‚The Help‘ die Fäden ganz locker miteinander verwob, tut sich hier sichtlich schwer, das multiperspektivische Erzählen der Autorin aufzugreifen und die Sichtweisen der drei Frauen ausgewogen zu takten. Der Focus liegt bei ihm manchmal zu stark auf Rachel – natürlich weil Emily Blunt sein größtes Asset ist. Die körnigen Hochglanzbilder von Charlotte Bruus Christensen und die stimmige musikalische Untermalung von Danny Elfman geben dem Film einen hochwertigen Touch, hinter dem die inhaltliche Tiefe und vor allem die Spannung deutlich zurückbleibt. Das ist schade, denn so bleibt ‚Girl on the train‘ hauptsächlich wegen der großartigen Emily Blunt in Erinnerung. Und das ist doch auch schon mal was.