'Embrace': Nora Tschirner sagt Body Shaming und Heidi Klums 'Germany's next Topmodel' den Kampf an

"Kinder und Jugendliche müssten davor geschützt werden"

Mit der Doku 'Embrace' will Produzentin Nora Tschirner (35, 'Keinohrhasen') ein wichtiges Thema gesellschaftlich anschieben. Denn Medien, Werbung und Gesellschaft geben ein Körperbild vor, nachdem wir uns selbst und andere immer wieder bewerten und verurteilen. ​Im Interview mit spot on news fasste die Berliner Künstlerin vorab die Kernaussage des Films nochmal zusammen. Dabei erklärte sie aber auch, was sie an der Castingshow 'Germany's next Topmodel' kritisiert und was sie deren Macherin Heidi Klum (43) gerne sagen würde.

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Schauen Sie die Castingshow "Germany's next Topmodel"?

Tschirner: Nein, das schaue ich nicht mehr an. Ich habe es früher mit Freunden geguckt. Das war eine Zeit lang lustig, so mit Gina-Lisa und Sarah, weil es damals noch so eine bunte Truppe von verschieden aussehenden Menschen war.

Ab wann haben Sie die Sendung mit andere Augen gesehen?

Tschirner: Der Aufwach- und Schockmoment für mich war, als die erste Generation, die damit aufgewachsen ist, anfing, sich dafür zu bewerben. Alle konnten "den Walk" schon und wussten, "was der Kunde will". Da hat es mir fast das Herz zerrissen. Das tat mir so leid, dass ich es auch nicht mehr lustig finden kann. Ich habe ein ganz großes Problem mit den Botschaften, die da gesendet werden.

Wenn Sie die "GNTM"-Chefin Heidi Klum persönlich treffen würden, was würden Sie ihr über die Sendung sagen?

Tschirner: Wenn sie mir Fragen stellen würde, würde ich alles beantworten. Missionarisch wird man bei dem Thema aber nicht weiterkommen. Heidi Klum macht diese Sendung jetzt seit so vielen Jahren und findet offenbar, dass es richtig ist, was sie da macht. Viel wichtiger als das Gespräch mit ihr ist eigentlich das, was wir mit "Embrace" machen: Wir senden Gegenbilder und entfachen eine Debatte. Damit rennen wir übrigens offene Türen ein. Die Zahlen, die der Trailer in kürzester Zeit gemacht hat, sind absurd. Insofern halte ich mich da jetzt nicht wirklich mit Heidi Klum auf. Ganz generell bin ich aber natürlich zu jeder Art von Diskurs bereits. Mit jedem. Ich glaube auch nicht an Sündenböcke oder Schuldigkeit. Ich glaube aber an Verantwortung und in diesem Zusammenhang hätte ich schon zwei, drei Fragen an sie. Genauso viele Fragen habe ich aber auch an Leute, die das Format zum Prime-Time-Format machen und jene, die es ihre Kinder umkommentiert schauen lassen. Kinder und Jugendliche müssten davor geschützt werden. Nicht mit Verboten, denn die erzeugen oft das Gegenteil. Wichtig ist, dass wir uns klar machen, welche Botschaften wir senden und wie die in den Kindern wirken.

Nora Tschirner bei einer Presseveranstaltung
Nora Tschirner bei einer Presseveranstaltung © picture alliance

Im Film 'Embrace' werden hängende Brüste gezeigt, Dellen am Po, krasse Schwangerschaftsstreifen... Kann man denn davon wirklich sagen, dass das schön ist?

Tschirner: Da kommen wir zur großen Frage: Was ist Schönheit? Man kann natürlich im internationalen Symmetriebuch nachsehen. Aber geht es bei all diesen Fragen nicht letztendlich immer um ein privates, individuelles Lebensglück? Und da ist doch die Definition von Schönheit tatsächlich eine andere. Wenn der Partner, den wir lieben, Segelohren hat, kann man natürlich sagen: Nach dem Symmetrielehrbuch auf Seite 2 ist das nicht wirklich schön. In Wahrheit finden wir es aber vielleicht hinreißend. Die Kinder im Film lieben den Bauch ihrer Mutter mit alle den Schwangerschaftsstreifen, weil er zu ihrer Mutter gehört, die sie lieben. Ob irgendein Mensch hinter den Bergen bei den sieben Zwergen, der mit ihr nicht verbunden ist, das nun schön findet oder nicht, ist doch vollkommen egal. Insofern: Jein.

Eine Schauspielerin im Film sagt: "Als ich am dünnsten war, war ich am unglücklichsten". Was hat Optik denn mit Glücklichsein zu tun?

Tschirner: Wenn man sich der Optik unterjocht, ist es automatisch ungut. Es gibt schon eine Wechselwirkung, aber anders als man denkt. Schön, erfolgreich, glücklich - das ist eine Kausalkette, die es so nicht gibt. Nur weil jemand einem gedachten Ideal entspricht, heißt das nicht, dass man eine Parallele zu seinem Lebensglück, seiner Zufriedenheit, seiner Selbstwahrnehmung ziehen kann. Es gibt dünne Menschen, von denen andere sagen: Die sind magersüchtig und können nicht glücklich sein. Auch da kann man falsch liegen. Man kann es von außen nicht sehen, genauso wie man auch die Gesundheit von außen nicht sehen kann. Gesundheit ist mehr als eine bestimmte Muskeldefiniton. Wenn jemand gut definiert ist, aber eine Depression hat, ist er trotzdem in der Gesamtsumme nicht gesund. Wir sollten aufhören, äußerliche und innerliche Geschichten zu vermischen. Damit tun wir uns keinen Gefallen.

Mädchen, junge Frauen, Frauen generell sollten lernen, ihren Körper zu akzeptieren. Wir gelingt das?

Tschirner: Ab einem gewissen Punkt ist das schon ganz schön harte Arbeit. Wichtiger wäre allerdings, dass es gar nicht erst so weit kommt. Kinder kommen ja mit einem sehr guten Körpergefühl zur Welt. Um das kaputt zu machen, gehört gesellschaftlich wesentlich mehr dazu als Instagram und "Germany's next Topmodel". Wir sollten die Grundsätze unserer Leistungsgesellschaft überdenken. Von klein auf senden wir Kindern die Botschaft, dass sie hier und dort noch nicht gut genug sind und besser werden müssen, um glücklich zu werden. Und das wir über ihren Körper besser Bescheid wissen als sie selbst.

Und wenn es dann aber erstmal soweit ist, dass eine junge Frau ein Problem mit ihrem Körper hat?

Tschirner: Dann ist es schwierig. Man kann nur hoffen, dass sie noch genug Selbsterhaltungstrieb in sich hat und sich die richtigen Leute sucht, mit denen sie sich umgibt, um seelisch wieder zu erstarken und gesunden. Ihr einfach nur zu sagen: Du bist schön, so wie du bist, wird da, glaube ich, nicht mehr viel bringen. Ein Film wie "Embrace" kann aber schon die Kraft haben, einem die Augen ein bisschen zu öffnen. Er kann der Anfang eines Umdenkprozesses sein, damit ist es dann aber natürlich nicht getan.

Sie sind seit 2013 "Tatort"-Kommissarin. Das ist ein Format, in dem es nicht so sehr um Schönheit geht. Wie empfinden Sie den Druck in diese Richtung? Ist der anderes als bei anderen Produktionen?

Tschirner: Den Reflex, zu sagen, "huch, das schwabbelt etwas, das tapen wir jetzt mal fest", den gibt es schon. Dennoch haben wir diese Art von Druck in Deutschland noch nicht so stark - und wenn ist er eher selbstgemacht. Wenn dann vielleicht doch mal gefragt wird, ob man schlanker machende Unterwäsche tragen möchte, und man verneint, wird es ohne Komplikationen akzeptiert. Man kann also schon selbstbestimmt seinen Weg gehen. Das habe ich auch schon zu Zeiten gemacht, in denen ich noch nicht so bekannt war.

Und wie war es konkret beim 'Tatort'?

Tschirner: Beim 'Tatort' gab es schon auch einmal eine ganz kurze Diskussion darüber, ob ich eine Bauchwegunterhose anziehe. Das war zu dem Zeitpunkt, als meine Rolle Kira Dorn ein zwei Monate altes Baby hatte. Da habe ich ganz klar gesagt: "Äh, nein, aber sowas von nicht. Der Bauch wird gezeigt, weil es eine Katastrophe ist, wenn wir nicht ehrlich zeigen, wie die meisten Mütter zwei Monate nach einer Entbindung aussehen. Es ist verwirrend genug, dass sie sich schon wieder ballernd durch Weimar bewegt, als wäre es das Normalste der Welt." Damit war das Thema aber auch sofort vom Tisch. In den Kritiken hieß es dann tatsächlich, ob der Bauch von Kira Dorn wohl ein Fatsuit sei? - Nein, den konnte ich privat beisteuern; ich war persönlich in der Lage, einen freundlich wabbelnden Bauch anzubieten. Und das habe ich auch mit großem Genuss getan...