Bilanz nach einem Jahr: "Homeoffice ist ein zweischneidiges Schwert"

Bilanz nach einem Jahr: "Homeoffice ist ein zweischneidiges Schwert"
Vielen fehlt im Homeoffice der persönliche Kontakt mit Kollegen. © PR Image Factory / Shutterstock.com, SpotOn

Arbeitspsychologe im Interview

Ein Jahr ohne Mittagspausen mit den Kollegen, Klatsch und Tratsch im Flur oder Meetings von Angesicht zu Angesicht: Die Corona-Pandemie lässt Millionen Arbeitnehmer seit März 2020 aus dem Homeoffice arbeiten. Über die Monate hat sich gezeigt, dass das Arbeiten von zu Hause zwar einige Vorteile mit sich bringt, uns aber auch vor viele Herausforderungen stellt. Prof. Dr. Hannes Zacher, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig, zieht im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news Bilanz.

Seit über einem Jahr sitzen viele Berufstätige im Homeoffice. Stirbt die Unternehmenskultur bald vollkommen aus?

Prof. Dr. Hannes Zacher: Ein bis zwei Tage Homeoffice oder "mobiles Arbeiten" pro Woche lassen sich gut mit einer lebendigen Unternehmenskultur vereinbaren. Wenn aber Berufstätige über mehrere Monate die ganze Arbeitswoche im Homeoffice sind, besteht die Gefahr, dass die Stimmung und das Miteinander im Team leiden. Viele fühlen sich dann auch isoliert und einsam. Dann ist es besonders wichtig, dass Vorgesetzte gut zuhören und Unterstützung anbieten.

Wie lange können Teams so weiterarbeiten, ohne sich im wirklichen Leben beziehungsweise in einem richtigen Teambüro treffen zu können?

Zacher: Das kommt auf die Arbeitsaufgaben, die Gewohnheiten und die Bedürfnisse der Beschäftigten an. Viele Softwareentwickler arbeiten jahrelang über den Globus verteilt erfolgreich an Projekten zusammen. In den meisten Berufsfeldern ist es aber wichtig, für die Leistung, Kreativität und das Wohlbefinden die Kollegen regelmäßig persönlich zu treffen und sich auszutauschen. Das Pausengespräch auf dem Flur oder das gemeinsame Kantinenessen sind für viele wichtige Aspekte der Arbeit und Teil ihrer beruflichen Identität.

Wer profitiert am meisten vom Homeoffice?

Zacher: Berufstätige mit langen Pendelstrecken und diejenigen, die zu Hause konzentriert an ihren Aufgaben arbeiten können, fühlen sich im Homeoffice am wohlsten. Außerdem Menschen, die sich gut selbst organisieren können, die keine allzu starken Bedürfnisse nach Kontakt mit anderen Menschen haben oder die nicht mehr darauf angewiesen sind, berufliche Netzwerke für ihre Karriereentwicklung zu knüpfen - also in der Regel ältere Beschäftigte.

Für wen ist das Homeoffice besonders belastend?

Zacher: Berufstätige, die während der Lockdowns kleine Kinder zu Hause betreuen mussten. Außerdem fühlen sich Menschen, die Probleme haben sich selbst zu motivieren und die gerne mit ihren Kollegen Kontakt haben, im Homeoffice weniger wohl. Insbesondere jüngere Beschäftigte, die ihre beruflichen Netzwerke erst noch aufbauen und berufliche Erfahrungen sammeln müssen, leiden unter dem Homeoffice als Dauerzustand.

Was sind für Sie die größten Vor- und Nachteile?

Zacher: Das Homeoffice ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits hilft diese Art der örtlichen und zeitlichen Flexibilisierung, lange Pendelstrecken zu vermeiden und Beruf und Privatleben so besser miteinander zu vereinbaren. Sie kommt auch dem Bedürfnis vieler Berufstätiger nach mehr Entscheidungsfreiheit und selbstbestimmtem Arbeiten entgegen. Andererseits zeigen Studien, dass Menschen, die mehr als zwei Tage pro Woche im Homeoffice arbeiten, weniger zufrieden und produktiv sind, obwohl sie häufig mehr Stunden arbeiten als ihr Arbeitsvertrag vorsieht. Es besteht auch die Gefahr, dass die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zu stark verwischen und die sozialen Beziehungen mit den Kollegen leiden.

Viele haben sich an das Homeoffice mittlerweile gewöhnt. Wie können Unternehmen es schaffen, dass Mitarbeiter wieder gerne ins Büro kommen?

Zacher: Zunächst ist es wichtig, dass Unternehmen während der Pandemie sichere Arbeitsbedingungen schaffen, um die Mitarbeitenden vor einer Infektion zu schützen. Außerdem ist es wichtig, mit den Mitarbeitern zu sprechen, um zu erfahren, was sie am Homeoffice schätzen und wie man diese Bedingungen ins Büro übertragen könnte - zum Beispiel weniger Meetings abhalten und Mitarbeitern mehr Vertrauen entgegenbringen. Außerdem könnten Unternehmen "hybride Arbeitszeitmodelle" einführen, die es ermöglichen, dass Aufgaben, die viel Konzentration erfordern, von zu Hause erledigt werden, während Aufgaben, die Austausch mit anderen erfordern, im Büro absolviert werden.

Kann der Arbeitgeber Beschäftigte zwingen, vom Corona-Homeoffice ins Büro zurückzukehren?

Zacher: In Deutschland gibt es, im Gegensatz zum Beispiel zu den Niederlanden, kein allgemeines Recht auf Homeoffice oder mobiles Arbeiten. Ebenso wenig können Mitarbeiter zum Homeoffice verpflichtet werden, das geht nur auf Antrag der Beschäftigten. Der Arbeitgeber kann, wenn es die Infektionszahlen zulassen, darauf bestehen, dass wieder im Büro gearbeitet wird. Moderne Arbeitgeber ermöglichen ihren Beschäftigten, an ein bis zwei Tagen mobil oder zu Hause zu arbeiten, es sei denn es sprechen wichtige Gründe gegen diese Form des mobilen Arbeitens.

Wie schätzen Sie das Phänomen Homeoffice-Neid ein? Laut einer aktuellen Studie beneiden 54 Prozent der Deutschen in Voll- und Teilzeit, für die Homeoffice nicht machbar ist, ihre von zu Hause aus arbeitenden Mitmenschen.

Zacher: Diese Gefühle sind durchaus nachvollziehbar, denn das Homeoffice bedeutet mehr Flexibilität, Entscheidungsfreiheit und Vertrauen vom Arbeitgeber. Es ist auch in der Regel mit weniger physisch oder emotional anstrengenden Tätigkeiten als in der Produktion oder vielen Dienstleistungsberufen verbunden. Studien zeigen, dass es eher die Besserverdienenden sind, die von zu Hause arbeiten. Dennoch hat das Homeoffice auch Schattenseiten, wie eine stärkere Entgrenzung von Arbeitszeiten, mehr Konflikte zwischen Beruf und Privatleben und stärkere soziale Isolation.

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