Zärtlich, aber nicht zimperlich: Ryan Gosling in 'Drive'

Zärtlich, aber nicht zimperlich: Ryan Gosling in 'Drive'

5 von 5 Punkten

Selten lagen Gefühl und Gewalt so nah beieinander wie in diesem knallharten Actionthriller. Wer die unglaublich zärtliche Love-Story zwischen Ryan Gosling und Carey Mulligan sehen will, muss ein paar extrem blutige und explizite Gewaltszenen ertragen. So fies wird sonst nur im Horrorfilm getötet – und nicht im Autorenkino auf Oscar-Niveau.

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Ryan Gosling, der derzeit viel Lob für seine Hauptrolle in George Clooneys 'The Ides Of March' kassiert, beweist wie schon in 'Lars und die Frauen', dass er eine großartige Besetzung ist für Typen, die keine großen Reden schwingen. Sein namenloser Held in 'Drive' hält den Mund – und fährt einfach Auto. Tagsüber als Stuntman und Mechaniker, nachts auch schon mal für die Mafia.

Als sich mit seiner naiven Nachbarin Irene (unschuldig und verletzlich: Carey Mulligan, ‚Wall Street: Geld schläft nicht‘) eine zarte Liebesgeschichte entwickelt, will unser Held keine Fluchtautos bei Raubüberfällen mehr fahren. Wie das in solchen Filmen so ist, tut er es doch noch ein letztes Mal, vor allem um Irene und ihr Kind zu schützen - und ausgerechnet zusammen mit Irenes Ehegatten (Oscar Isaac ‚Robin Hood‘), der plötzlich aus dem Knast zurückkehrt und den Ärger nur so anzieht. Als Zuschauer möchte man die Jungs mit lauten Schreien davon abbringen, so sehr stinkt die Sache zum Himmel. Unnötig zu erwähnen, dass die Nummer schief geht und Irene und der kleine Benicio nachher noch mehr in Gefahr sind als vorher.

Zärtlich, aber nicht zimperlich: Ryan Gosling in 'Drive'

Unterlegte der dänische Filmemacher Nicolas Winding Refn (‚Walhalla Rising‘) die stimmungsvollen Bilder der nächtlichen Autofahrten durch Los Angeles noch mit sanfter Elektropopmusik und ließ die Beziehung zwischen dem Driver und Irene ganz sexlos und langsam angehen, hält nun eine Welle der Gewalt Einzug in den Film, die den Zuschauer unerwartet trifft und nachhaltig verstört. Wenn hier gestorben wird, spritzt nicht nur Blut und Hirn, sondern es kracht und knackt auch ganz fies – Sterben ist eben einfach nicht schön und kann ganz schön lange dauern, in 'Drive' wird das auch so gezeigt. Für Zartbesaitete ist das nichts, die Altersfreigabe ab 18 völlig berechnet.

Und doch wäre es schade, wenn sich jemand deswegen diesen unglaublich eleganten und lakonischen Neo-Noir-Thriller entgehen ließe, der ganz unaufgeregt daherkommt und doch bis ins letzte Detail durchgestylt ist. Ryan Gosling, der sich mit seiner Darstellung des eiskalten Babyfaces vor Vorbildern wie Alain Delon oder Steve McQueen verbeugt, ist zärtlich und brutal, charmant und berechnend zugleich. Und erstaunlicherweise ist 'Drive' trotz des PS-lastigen Themas und der Gewaltorgien kein typisches Testosteron-Kino, sondern spricht mit seiner melancholisch-elegischen Art und seinem sympathischen Hauptdarsteller durchaus ein weibliches Zielpublikum an. Also: Zähne zusammenbeißen, es lohnt sich.

Von Mireilla Zirpins

 
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