Xavier Naidoo: Was ist dran an den Vorwürfen?

Xavier Naidoo: Was ist dran an den Vorwürfen?
Xavier Naidoo musste sich in der Vergangenheit schon oft für seine Aussagen und Überzeugungen rechtfertigen © ddp images

Er ist "weder rechtspopulistisch noch homophob oder antisemitisch. Seit Jahren setzt er sich für die deutsch-israelische Freundschaft ein, engagiert sich für Flüchtlinge ohne jedes Mal darüber zu reden, arbeitet mit zahlreichen Menschen zusammen, die in den unterschiedlichsten Lebensentwürfen leben". Vielleicht ohne es zu wissen, hat Thomas Schreiber, der Unterhaltungskoordinator der ARD, perfekt jenes Paradoxon umrissen, das Soul-Sänger Xavier Naidoo (44) derzeit umgibt.

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Umstrittener ESC-Kandidat

 

Entscheidung löst Aufruhr aus

 

Vorausgegangen war eine regelrechte Flut an Beschwerden, neudeutsch ein Shitstorm, dass ausgerechnet Naidoo Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten wird. Zu fragwürdige Überzeugungen soll er haben, zu sehr die Verschwörungstheorie-Keule schwingen, als dass er die Nation bei dem Musik-Wettbewerb vertreten dürfe, lauten die Anschuldigungen.

Naidoo, der Mann mit der samtigen Stimme, der über fünf Millionen Platten verkaufte, der so herrlich melancholisch "Ich kenne nichts, das so schön ist wie du" oder "Sie sieht mich einfach nicht" hauchte - wieso wird ihm überhaupt solch ein Gedankengut unterstellt?

 

Besetztes Deutschland

 

Tatsächlich fiel Naidoo immer wieder mit teils wirren, vereinzelt sogar bedenklichen Aussagen auf. Bereits 2011 sinnierte der Sänger im ARD-Morgenmagazin: "Nein, wir sind nicht frei. Wir sind immer noch ein besetztes Land, Deutschland hat keinen Friedensvertrag und dementsprechend ist Deutschland auch kein echtes Land und nicht frei." Eine etwas exzentrische, vielleicht auch nicht ganz ernstgemeinte Theorie, aber nichts wirklich Schlimmes, konnte man hier noch attestieren.

Die Vorwürfe der Homophobie löste dagegen ein Song namens "Wo sind sie jetzt" aus, den Naidoo gemeinsam mit Kool Savas für dessen 2012 erschienenes Album "Gespaltene Persönlichkeit" produzierte. Das Lied würde Homosexualität mit Pädophilie gleichsetzen, lautete der Vorwurf, mit dem durch die Linksjugend Solid sowie die Landesarbeitsgemeinschaft queer.NRW sogar Anzeige gegen die beiden Musiker erstattet wurde - wegen Volksverhetzung. Nicht vollständig aus der Luft gegriffen, liest man sich den Text des Songs durch: "Warum liebt ihr keine Mö**, weil jeder Mensch doch aus einer ist?"

Die obere Zeile sang Savas ein, der Refrain kam von Naidoo und las sich wie folgt: "Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer? Wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?" Schwer vorstellbar, dass keinem der beiden klar war, wie leicht man das Lied missverstehen könnte - sei es nun als homophob oder rechtspopulistisch.

Nichtsdestotrotz gaben sie daraufhin ein Statement auf Facebook heraus, in dem sie so einiges klarzustellen hatten: "Zuerst möchten wir all unsere Sympathie und unseren großen Respekt gegenüber allen Schwulen und Lesben weltweit bekunden. Xavier Naidoo sagt: Ich stehe, seit ich denken kann, mit der katholischen Kirche auf Kriegsfuß, weil sie Schwule, Lesben und Transsexuelle nicht respektiert und akzeptiert. Diese Haltung ist völlig inakzeptabel, und wer gegen diese Menschen Verachtung und Hass aufbringt, der hat Jesus nicht verstanden."

 

Vortag für die Reichsbürger

 

Allerdings goss Naidoo unlängst mit einer Rede vor einer Gruppe Rechtspopulisten, den selbsternannten Reichsbürgern, wieder Öl ins Feuer. Hier erneuerte er seine oben genannte These von Deutschland als "besetztes Land" und stieß bei der fragwürdigen Gruppierung auf Gehör. Weniger begeistert war die Popakademie in Mannheim, bei der Naidoo Mitinitiator ist: "Wir distanzieren uns von den fragwürdigen und irritierenden politischen Äußerungen und dem Auftritt Xavier Naidoos", hieß es von deren Seite.

Und der verlorene Sohn Mannheims? Der erklärte in einem SWR-Interview, er spreche zu den "Menschen der Mahnwachen und zu den Menschen, die sich 'Reichsbürger' nennen, weil es sind alles Systemkritiker so wie ich". Er wolle auf Menschen zugehen, auch auf die NPD.

Die Kritik an seiner ESC-Teilnahme konterte der Sänger ebenfalls: In einem Statement auf der NDR-Homepage heißt es, er trete für Werte wie Freiheit, Toleranz und Liebe ein. "Mir widerstrebt, mich jetzt bekennerhaft für etwas zu rechtfertigen, was ich nicht bin und was ich schon mehrfach erläutert habe", sagte Naidoo. Er sei froh, in einem bunten Deutschland zu leben. Auch die Auffassung der sogenannten Reichsbürger, die die Existenz der Bundesrepublik Deutschland leugnen, teile er nicht. "Mit meinem ganzen Wesen stehe ich für ein weltoffenes und gastfreundliches Deutschland und einen respektvollen sowie friedlichen Umgang miteinander", erklärte er weiter. Abschließend hatte er auch noch einen kleinen Seitenhieb für seine Gegner parat: Es sei schade, dass Menschen, die ihn offensichtlich nicht kennen würden, aufgrund unzutreffender Darstellungen substanzlos und schlecht über ihn reden.

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