WM im Rückwärtslaufen: "redej nnak sträwroV"

Weltmeisterschaft im Rückwärtslaufen
Teilnehmer der 6. Weltmeisterschaft im Rückwärtslaufen auf dem Sportplatz "Am Hallo" in Essen. Foto: Bernd Thissen © DPA

Die Läufer stehen an der Linie, Startblöcke liegen auf den Boden - und doch ist alles anders. Denn nicht vorwärts, sondern rückwärts stehend warten die Athleten auf den Startschuss, um die 100 Meter zu überwinden.

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Dann der Knall. Mit kräftigen Armschwüngen und kleinen Schritten, die nur auf dem Fußballen abgerollt werden, eilen die Rückwärtsläufer dem Ziel entgegen. "Man nimmt die Umgebung dabei mit anderen Sinnen wahr und nicht nur mit den Augen", sagt Achim Aretz (32). Er ist Mitorganisator der 6. Weltmeisterschaft im Rückwärtslaufen, die bis Sonntag in Essen ausgetragen wird. Ein eingetragener Verein steht dahinter: der "1. RetroRunning-Club Deutschland" mit Sitz in Essen.

Begonnen hat bei Aretz alles vor zehn Jahren - am Morgen nach einer Studentenfeier. "Ich war mit einem Kumpel laufen und er hat sich immer umgedreht, weil ich so langsam war", sagt er. Der anfängliche Spaß wurde zu einem wöchentlichen Training. Später lief Aretz sogar Weltrekorde, etwa im Halbmarathon und Marathon - rückwärts, versteht sich.

Mit dabei ist auch David Winterstein aus Freiburg. Er sei eine "faule Socke" gewesen und habe nach einer neuen Sportart gesucht, berichtet der ehemalige Leichtathlet. "Rückwärtslaufen bietet einfach ein tolles Gesamtpaket aus Spaß und Ehrgeiz mit einer entspannten Atmosphäre."

Viele der rund 170 Teilnehmer aus 25 verschiedenen Nationen treibt vor allem eins an: das Unkonventionelle. "Vorwärtslaufen kann jeder. Der Perspektivwechsel ist einfach super. Man sieht, was man geschafft hat", sagt Leonie Leven, die mit rückwärts gedrucktem Vornamen auf ihrem T-Shirt an den Start geht - und in ihrer Altersklasse über 3000 Meter eine Goldmedaille gewinnt.

Für Roland Wegner, der die Weltmeisterschaften 2006 ins Leben rief, spielt eine Art der Ungewissheit eine entscheidende Rolle: "Man sieht nichts und fliegt dadurch ins Nichts. Die Geschwindigkeit rauscht an einem vorbei."

Auch Teilnehmer wie Dwayne Fernandes aus Australien, der an beiden Beinen Unterschenkel-Prothesen trägt, zieht der ungewohnt anzusehende Sport an. "Ich will zeigen, dass es möglich ist. Und dadurch weitere Amputierte animieren, mich beim nächsten Mal zu schlagen", sagt der 31-Jährige aus Sydney.

Die Lauftechniken sind unterschiedlich. Manche Teilnehmer halten ihre Beine eng beisammen, andere wiederum machen leicht geschwungene Bewegungen. Gelaufen wird auf allen olympischen Distanzen von 100 bis 10.000 Metern. Der Wettkampf in Essen endet am Sonntag mit einem Halbmarathon auf dem Gelände der Zeche Zollverein.

Das Lächeln verlieren die Rückwärtsläufer dabei selten. Sie kennen sich untereinander, feuern sich gegenseitig an, beglückwünschen sich nach den Zieleinläufen und machen gemeinsam Selfies. "Jeder fiebert einfach mit", sagt Winterstein. Stürze sind dabei nie ausgeschlossen. In der Regel komme es aber zu keinen gravierenden Verletzungen. Nur eines sei vor allem bei Neulingen gewiss: Der Muskelkater am nächsten Morgen. Dann auch beim Vorwärtslaufen.


dpa
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