William Tylers Trip ins ländliche Amerika

William Tyler
Bei William Tyler hört man die Vögel zwitschern. Foto: Angelina Castillo © DPA

Ein Liegestuhl auf der Veranda, ein Blick in die offene Prairie, auf dem Beistelltisch ein eiskaltes Dosenbier, und der Grill brutzelt: Die Musik von William Tyler erzeugt unweigerlich (meist sehr amerikanische) Bilder im Kopf.

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"Modern Country" (Merge/Cargo) heißt die neue Platte des Lambchop-Gitarristen. Der doppeldeutige Titel bezieht sich wohl mehr auf eine moderne Version von Country-Musik als auf ein (wörtlich übersetzt) "modernes Land". Denn diese sieben wunderbar unspektakulären, warmherzigen Instrumentals haben mit dem hektischen, ungemütlichen, urbanen Amerika so gar nichts am Hut. Sondern - wie oben beschrieben - mit den idyllischen Ecken des riesigen Landes, seinen Landschaften und kleinen Städten.

Schon der Opener "Highway Anxiety" lebt von seinem rustikalen Charme und cineastischer Weite - als wenn man über endlose staubige Fernstraßen dem Haus mit der Veranda immer näher kommt. Zum hübsch ironisch betitelten "I'm Gonna Live Forever (If It Kills Me)" hätte man gern einen ähnlich witzigen Text gehört, aber auch ohne ihn verzaubern jazzig perlende Gitarrenläufe, sonore Bässe, trockenes Drumming und eine zuckersüße Folkmelodie.

Wer die gelegentlichen Country-Exkursionen des Jazz-Virtuosen Bill Frisell mag, wird auch von "Kingdom Of Jones" oder "The Great Unwind" begeistert sein. Frisell und sein ähnlich berühmter Kollege Greg Leisz, auch der leider fast vergessene Leo Kottke - das ist die Gitarrenkünstler-Liga, in der William Tyler mitspielen will. Und erstaunlicherweise ist er zumindest nah dran. Mit "Gone Clear" orientiert sich der Mann aus Nashville dann an den Instrumental-Preziosen des Penguin Cafe Orchestra.

Allemal beeindruckend für einen Musiker, der gerade mal 36 Jahre alt ist (und schon 1998 als 19-jähriges Milchgesicht bei Lambchop einstieg). Tylers nunmehr drittes Soloalbum seit 2010 ist also mit Sicherheit sein bestes, neben den neuen Indie-Gitarrenhelden wie Steve Gunn oder Ryley Walker präsentiert er sich als die Country-Folk-Alternative. Mitgeholfen haben diesmal Freunde wie Phil Cook (Hiss Golden Messenger) und Glenn Kotche (Wilco).

"Modern Country" ermöglicht 40 Minuten Weltflucht auf hohem Niveau - die Veranda mit Prairie-Blick in schöne Töne gegossen. Am Ende hört man sogar Vögel zwitschern. New York und L.A. sind ganz weit weg...

William Tyler live im November: 7.11. Berlin, 14.11. Wien (jeweils im Vorprogramm von Wilco)


dpa
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