Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? 'Intruders' Filmkritik

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? 'Intruders' Filmkritik

3,5 von 5 Punkten

Der intelligent gemachte Grusel-Thriller mit Clive Owen in Bestform punktet mit guter Atmosphäre und verwischt die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Wenn da nur nicht der wenig überzeugende Schwarze Mann wäre…

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Eigentlich ist die Angst ja etwas Nützliches, schärft sie doch in Situationen, in denen wir uns bedroht fühlen, unsere Sinne. Doch wer erinnert sich nicht an die Nächte in der Kindheit, in denen man im Bett lag, in der festen Überzeugung, dass in den düsteren Ecken, im Schrank oder unter dem Bett ein unvorstellbares Grauen lauert, das nur darauf wartet, einen zu schnappen und ins Dunkel zu ziehen.

So ergeht es der elfjährigen Mia (Überzeugend: Ella Purnell, zuletzt zu sehen als junge Version von Keira Knightley in ‘Alles, was wir geben mussten‘). Eines Tages findet sie zufällig ein vergilbtes Stück Papier in einem Astloch. Darauf wird die gruselige Geschichte eines Wesens namens Schattengesicht erzählt, die Mia sofort in ihren Bann zieht. Kurz darauf kommt es nachts zu merkwürdigen Zwischenfällen: Es scheint, als ob in ihrem Schrank das übernatürliche Wesen aus der Geschichte lauert, um ihr Gesicht zu stehlen. Als ihr Vater (starke Leistung: Clive Owen) ihr zeigen will, dass sie keine Angst zu haben braucht, macht er selbst Bekanntschaft mit dem gesichtslosen Grauen.

Spanien, in einer früheren Zeit: Juan (Izán Corchero) lebt allein mit seiner Mutter, auch er wird nachts von dem gruseligen Wesen aus der Geschichte heimgesucht, das nach und nach immer furchterregendere Formen annimmt. Während Mias Eltern auf moderne Überwachsungskameras und eine Kinderpsychologin setzen, sucht Juans Mutter Luisa (Pilar Lopez de Ayala) mit dem Jungen die Hilfe eines Priesters (Ruhepol der Geschichte: Daniel Brühl) auf. Dieser will einen Exorzismus vornehmen, um dem Achtjährigen zu helfen.

Regisseur Juan Carlos Fresnadillo (‘28 Weeks Later’) merkt man die Erfahrung im Horror-Genre an. Ohne lange Vorgeschichte kommt er zu Beginn des Films zur Sache und etabliert Schattengesicht ohne umständlichen Prolog. Wenn der Geist aus der Dunkelheit an einem Baugerüst emporklettert und in das Zimmer des Jungen schlüpft, stellt sich sofort Grusel-Atmosphäre ein.

Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? 'Intruders' Filmkritik

Angenehmerweise setzt Fresnadillo jedoch nicht auf plumpe Schockeffekte, sondern punktet mit dezenter, aber bemerkenswerter Inszenierung. Große Teile des Films sind in Finsternis getaucht und erzeugen in Kombination mit Geräuschen und flüchtigen Bewegungen genau das Unwohlsein, das man aus Kindheitstagen kennt. So schafft es der Regisseur, geschickt mit der Angst vor dem Unbekannten zu spielen und dieses Niveau auch zu halten, ohne ständig noch einen draufsetzen zu müssen. ‘Intruders‘ ist deshalb auch kein Horrorschocker im klassischen Sinne, sondern vielmehr ein Psycho-Thriller im Stile von ‘The Sixth Sense‘, der geschickt die Grenzen zwischen Vorstellungskraft und Realität aufhebt. Auch das Rätseln um die Verbindung der Handlungsstränge verleiht dem Film Kurzweiligkeit. Fresnadillo lässt dabei dem Zuschauer Raum für Interpretation: Was ist wirklich passiert, was Halluzination?

Fans klassischen Horrors dürften bei ‘Intruders‘ allerdings nur bedingt auf ihre Kosten kommen. So sehr der Film bei der Atmosphäre punktet, patzt er doch bei der Darstellung von Schattengesicht: Ein Monster, das sich vorzugsweise in Stiefel, Regenjacke und Arbeitshose kleidet, ist wenig eindrucksvoll. Auch wird die Geschichte mitunter ein wenig zu sehr in die Länge gezogen, wenn der Zuschauer bereits ahnt, worauf alles hinausläuft.

Sehr atmosphärischer, aber leider nicht gänzlich packender Grusel-Thriller mit einem bisweilen unfreiwillig komisch aussehendem Schwarzen Mann.

Von Timo Steinhaus

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