'Wer hat Angst vor Sibylle Berg?': Sehenswerte Doku über die Schriftstellerin

"Wer hat Angst vor Sibylle Berg?"
Helene Hegemann (l-), Sibylle Berg und Katja Riemann in einer Szene des Films "Wer hat Angst vor Sibylle Berg?". Foto: Zorro Film/dpa © DPA

Sibylle Berg schreibt auf, was wehtut. Alles Verkorkste um Männer, Frauen und die Liebe, die Egozentrik unserer Zeit, die Tragik des Altwerdens.

- Anzeige -

Werke wie "Der Mann schläft" oder "Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand" bestechen mit melancholischen Beobachtungen und tragikomischen Beziehungen.

Die 48-jährige Wahl-Schweizerin ist scharfsinnig bis an die Grenze des Zynismus. Ihren Twitter-Account hat sie schnoddrig mit "Kaufe nix, ficke niemanden" untertitelt. Nun fragen die Dokumentarfilmerinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler "Wer hat Angst vor Sibylle Berg"?.

Scheinbar eine ganze Menge Leute. "Hasspredigerin der Singlegesellschaft", "erbarmungsloseste Schriftstellerin", "Fachfrau fürs Zynische" werden Kritikerkommentare und Porträtauszüge verlesen. Sibylle Berg sagt dazu ruhig: "Die Leute fühlen sich provoziert, und ich blicke das Ganze voller Unverständnis an."

Vielleicht ist manchen die Wahrheit einfach zu düster. Berg jedenfalls, die auch eine Kolumne auf "Spiegel Online" hat, schreibt Sätze wie "Das Geheimnis des Bestandes der meisten Ehen ist vermutlich die Ratlosigkeit" oder "Die einzige Hoffnung auf Veränderung kommt aus dem Genitalbereich. Wir wollen ficken, weil wir nicht sterben wollen."

Die 84-minütige Doku zeigt eine überlegte Frau, die kluge Sätze sagt und sich selbst nicht sonderlich ernst nimmt. Schöne Häuser, gutes Design, überhaupt Ästhetik sind ihr wichtig, wie eine Reise nach Los Angeles zeigt. Gleichwohl weiß Berg, dass sie sich ihr Traumhaus in Kalifornien nie leisten können wird: "Ich mach Randgruppenscheiße, das wird nix." Also einen Bestseller schreiben? Berg, die acht Romane und diverse Theaterstücke verfasst hat: "Womit machst du Kohle? Mit "Fifty Shades of Grey", das ist sehr schlecht, das schafft man kaum."

Die Fragen der Filmemacherinnen sind im Off manchmal zu hören, was nicht elegant wirkt, aber schöne Momente hervorbringt. Denn natürlich ist Berg auch hier gnadenlos. Ob sie je überlegt habe, den Namen ihres Mannes anzunehmen, wird sie gefragt, und Berg gibt zurück: "Vollkommen idiotische Kackfrage."

Berg gibt den Filmemacherinnen nur preis, was sie will. Das Thema ihres neuen Buchs gehört nicht dazu ("Können wir übers Wetter reden?"). Mehr erfährt man, wenn sie mit anderen spricht - Berg ist etwa in einer Show mit Olli Schulz zu sehen, beim Treffen mit Helene Hegemann oder Katja Riemann, mit Zürcher Dramaturgie-Studentinnen oder in einem ihrer seltenen Interviews mit einem Journalisten.

Selbstironisch und lustig wirkt sie da, aber auch verletzlich. Ob sie eine Rolle spiele? "Ja - so wie man das Haus verlässt, muss man sich ja ankleiden, verhalten, rüsten."

Berg - sehr groß, sehr schlank, lange rote Haare - fällt auf. Die Schriftstellerin wurde in Weimar in der ehemaligen DDR geboren und ging auf eine Akrobatenschule in der Schweiz ("Was kann ich machen, ohne in einem Büro zu sein und ohne zu reden? – Mach ich doch Ausdruckstanz"). Später schlug sie sich in Hamburg mit Jobs von Putzfrau bis LKW-Fahrerin durch. 1992 hatte sie einen schweren Autounfall und anschließend mehrere Operationen im Gesicht.

Im Film spricht sie offen über den Schicksalsschlag, macht aber kein Thema draus. "Ich habe keine Stirnhöhle mehr", sagt Berg einmal lapidar, als es ums Tauchen geht. Ihr fehle seit dem Unfall der Gleichgewichtssinn. Ansonsten: "Ich finde Vergangenheit nicht irrsinnig interessant, vor allem die meine nicht."

Bei vielen Menschen ist die Schriftstellerin Kult, auf Twitter folgen ihr fast 50.000 Leute, täglich schreibt sie mehrere Tweets. In Kalifornien kauert sie sich einmal hinter einen sehr, sehr dünnen Baum, postet es bei Instagram und schreibt dazu: "Wie ich mich 1A vor Stalkern verstecke."

Wenn man will, kann man auch Berg als Kunstwerk sehen. Oder wie einer ihren Lektoren im Film sagt: "Bevor Sibylle Berg Sibylle Berg wurde, wusste ja keiner, dass es Sibylle Berg gibt. Da kamen halt Manuskripte."

Angst braucht man vor Berg jedenfalls nicht haben, wie der Film zeigt. Auch wenn die Schriftstellerin sehr genau weiß, was sie preisgibt und was nicht, ist die Doku sehenswert - zumindest wenn man mit Bergs Schreibe und Art etwas anfangen kann.

(Wer hat Angst vor Sibylle Berg, Deutschland 2015, 84 Min., FSK o.A., von Sigrun Köhler und Wiltrud Baier, mit Sibylle Berg, Katja Riemann, Olli Schulz)


dpa

— ANZEIGE —