Weltnichtrauchertag: Willensstärke - was ist das?

Weltnichtrauchertag: Willensstärke - was ist das?
Frönt zahlreichen Lastern, unter anderem auch dem Rauchen: Gerard Departieu © Vianney Le Caer/Invision/AP

Vor knapp 30 Jahren rief die Weltgesundheitsorganisation den Weltnichtrauchertag ins Leben. Im Vergleich zu 1987 hat sich die Einstellung zum Rauchen innerhalb der Gesellschaft sichtlich geändert. Rauchen gilt heute eher als Laster und unangenehme Angewohnheit. Ebenso haben sich auch die Methoden, um vom Rauchen loszukommen, verändert. Wie sehr es auf die gute alte Willenskraft ankommt, erklärt Motivationsexperte Dr. med Stefan Frädrich ("Nichtraucher in 90 Minuten") im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news.

Experte im Interview

Spielt Willenskraft denn heute überhaupt noch eine Rolle, wenn ich mit dem Rauchen aufhören will?

Dr. Stefan Frädrich: Sie verliert nicht an Bedeutung, sondern wird umetikettiert. Willenskraft ist generell ein schwieriger Begriff, da viele Menschen glauben, er suggeriere großen Aufwand. Es ist aber wichtig, mit und nicht gegen den inneren Schweinehund zu kämpfen. Wenn ich etwas tue, was ich will, klappt es recht einfach, es regt sich kein innerer Widerstand. Es geht also weniger um Willenskraft, sondern viel mehr um Willensstärkung.



Ist es deshalb auch so wichtig, dass ich selbst die Entscheidung treffe, mit dem Rauchen aufzuhören?

Frädrich: Ja, so funktionieren wir Menschen. Die Aufklärungsversuche anhand von Skeletten oder Raucherlungen haben einfach noch nie ihren Zweck erfüllt. Den Leuten ihre Sucht zu erklären hingegen, funktioniert. Es gibt letztendlich zwei Faktoren. Wenn man sie verstanden hat, kann man sich ohne großen Druck entscheiden, aufzuhören.


Und die wären?

Frädrich: Der biologische und der psychologische Faktor. Ersterer ist eine Kettenreaktion. Wenn man den Leuten erklärt, dass man die Nikotinzufuhr einfach unterbrechen muss, um das Verlangen loszuwerden, sind die meisten schon erstaunt. Das ist ähnlich wie ein Juckreiz: Wenn ich mit dem Kratzen aufhöre, dann juckt es auch nicht mehr. Der zweite Faktor ist der psychologische, das sind die alltäglichen Assoziationen: Rauchen nach dem Aufstehen, zum Kaffee oder bei Stress. Die vermeintliche kleine Erleichterung danach ist eine Illusion: Ich brauche die Zigarette hier eigentlich nicht, sondern rauche nur, weil ich gerade "darf". Wenn man das Rauchen in solchen Situationen einfach mal weglässt, merkt man: Es geht auch ohne. Ausschlaggebend ist jetzt nicht mehr die Willenskraft, es muss lediglich eine Entscheidung getroffen werden.


Welche Rolle spielen Euphorie und Enthusiasmus dabei?

Frädrich: Das gehört bei jeder Verhaltensveränderung hinzu. Lernen funktioniert, indem man das Positive erwartet, Vorfreude hegt und sich so erst traut, Dinge auszuprobieren. Deswegen erfüllen zum Beispiel auch Pillen ihren Sinn nicht: Sie nehmen uns das, was den Menschen ausmacht. Mit Ersatzpillen entmündigt man ihn, nimmt dem Menschen die Selbstständigkeit. Natürlich hat da keiner Lust, mitzumachen.


Können deshalb auch Nikotinpflaster, -kaugummis und E-Zigaretten ihren Sinn nur verfehlen?

Frädrich: Pflaster und Kaugummis funktionieren nicht, sie zerstören das Ritual des Rauchens. Auch das ist eine psychologische Komponente, die man nicht unterschätzen darf. Der Umstieg auf E-Zigaretten hingegen könnte ein Trend sein, der langfristig funktioniert. Den ersten Statistiken nach scheinen die Leute gesünder zu leben und entgehen einigen Schadstoffen. Wer aber mit dem Rauchen richtig aufhört, der entzieht sich dem Nikotin und führt es sich nicht weiter zu. Im Prinzip bewirken E-Zigaretten also eine Suchtverschiebung. Ich kann nicht von etwas loskommen, indem ich den Stoff ständig zu mir nehme.


Gibt es Ihrer Meinung nach den richtigen Zeitpunkt, um mit dem Rauchen aufzuhören?

Frädrich: Im Prinzip kann ich immer aufhören. Klar kann ich das auch im entspannten Urlaub machen, aber was, wenn die Ferien dann vorbei sind? Das kommt der Empfehlung nahe, Verhalten zu vermeiden, das den Rauchreflex auslöst. Dafür ist das Rauchen aber zu sehr ins normale Leben integriert. Jeder Mensch kann jeden Tag mit dem Rauchen aufhören, sofort: Entschluss, Fingerschnippen, Kippe weg.


Das größte Problem und die schlimmste Ausrede ist der Stress: Was tue ich in einer solchen Situation?

Frädrich: Wenn ich Stress ein paar Mal ohne Zigarette erlebt habe, merke ich, dass ich ihn auch so bewältigen kann. Es geht also eigentlich um das bewusste Beibringen von neuen Kompetenzen. Und nicht, sich darauf zu konditionieren, alte Dinge wegzulassen. Da ein Raucher ständig diesen Juckreiz verspürt, verursacht Rauchen viel mehr Stress als üblich. Es erzeugt künstlichen Stress. Rauchen reduziert ihn nicht: Es erhöht den Pegel sogar, indem es künstlichen Stress erzeugt.

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