Warum der Starfighter zum "Witwenmacher" wurde

Warum der Starfighter zum "Witwenmacher" wurde
"Starfighter - Sie wollten den Himmel erobern": Harry (Steve Windolf, l.) und Oberleutnant Rampel (Jan Messutat) bei einer letzten Besprechung © RTL / Wolfgang Ennenbach

Sie haben ihn Starfighter genannt. Sternenkämpfer. Kein anderes Kampfflugzeug konnte Ende der 50er-Jahre so schnell und so hoch fliegen wie die Lockheed F-104. Rasant und schnittig sah sie aus - ein Ferrari unter den Flugzeugen. Die Piloten liebten den schmalen Jet. Wohl auch, weil er vom Mann im Cockpit alles forderte. Zu oft sogar sein Leben.

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Die Wahrheit über den Flieger

Da haben sie ihn in Deutschland Namen wie "Witwenmacher", "Erdnagel", "fliegender Sarg" oder "Sargfighter" gegeben. Ein ätzender Sarkasmus angesichts der Tragödien, die sich mit und im Starfighter abspielten: 269 Maschinen der Bundeswehr stürzten ab, insgesamt mussten durch Unfälle 300 Flugzeuge abgeschrieben werden. 116 Piloten verunglückten tödlich.

RTL hat nun die größte Krise der Bundeswehr verfilmt. Am 12. November wurde das TV-Epos "Starfighter - Sie wollten den Himmel erobern" ausgestrahlt. Doch wie hat sich das Starfighter-Drama wirklich abgespielt?

Die Maschine galt vor 55 Jahren als das Nonplusultra. Sie stellte alle Rekorde für Geschwindigkeit, Steigrate und Höhe ein. Die Militärs der USA und ihrer Verbündeten waren - nicht zuletzt auch durch die intensive Lobbyarbeit des Herstellers Lockheed mehr als beeindruckt.

Insgesamt wurden weltweit 2.578 Flugzeuge gebaut. Die Kampfjets flogen für die Luftwaffen der USA und der Bundesrepublik, für Kanada, Italien, Norwegen, Niederlande, Belgien, Dänemark, Griechenland, Spanien, Türkei, Taiwan und Japan.

 

Doch nirgendwo gab es eine solche Absturzserie wie in Westdeutschland. Warum?

 

Die Luftwaffe der Bundeswehr hatte 1958 bei der Suche nach einem Überschallflugzeug die F-104 sowie die französische Mirage III getestet. Die Entscheidung der Militärs fiel auf den Starfighter, auch aus industriepolitischen Gründen, weil eine deutsche bzw. europäische Form des Flugzeug in Deutschland, Berlin, Italien und den Niederlanden als F-104 G (G für Germany) in Lizenz gebaut werden konnte. Daraufhin schlug der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) der Regierung die Anschaffung des amerikanischen Waffensystems vor. Stückpreis pro Maschine: sechs Millionen D-Mark.

Im Sommer 1960 wurden die ersten Maschinen an die bundesdeutsche Luftwaffe ausgeliefert. Bis zur Ausmusterung im Mai 1991 setzte die Bundeswehr 916 Starfighter ein. Allerdings wich die technische Beschaffenheit der Kampfflugzeuge teilweise erheblich vom amerikanischen Original ab.

Ursprünglich war die F-104 vom US-Flugzeugbauer Lockheed als superschneller Schönwetterjäger konzipiert, mit einer Höchstgeschwindigkeit von über 2200 Km/h und einer enormen Steigfähigkeit, die ihn bis auf die Weltrekordhöhe von 31.513 Meter tragen konnte. Die Maschine sollte sowjetische Atombomber-Staffeln wirksam abfangen können.

Dann kam der Nato-Beschluss von 1959: Einige europäische Bündnispartner, die keine Atommächte waren, sollten mit Nuklearwaffen ausgerüstet werden. Strauß witterte die Chance einer bundesdeutschen Atombomberflotte.

"Er war geplagt von der Sorge, die Nato könnte ihren Beschluss revidieren", schreibt die "Welt". "Eile war also geboten. Statt Umschau zu halten nach einem passenden Bombertyp und in weitere, womöglich jahrelange Kaufverhandlungen einzusteigen, ließ er den Starfighter zu einem Universalflugzeug umrüsten, das nicht nur abfangen, sondern auch angreifen können sollte." Dazu wurden Reichweite, Bewaffnung und das Gewicht der Maschine verändert.

 

Vom simplen Abfangjäger zum komplizierten Universalkampfflugzeug

 

In der Tat standen in jedem der fünf deutschen F-104-G-Geschwader jeweils sechs vollgetankte Jets mit einer Atombombe am Rumpf bereit - unter US-Aufsicht: Jeder deutsche Pilot, der sich ohne Nato-Weisung über eine gelbe Markierungslinie hinaus dem Flugzeug genähert hätte, wäre sofort erschossen worden.

In der bundesdeutschen Luftwaffe wurden fünf verschiedene Typen der F-104 eingesetzt, als Abfangjäger, konventioneller Jagdbomber, als Nuklearwaffenträger, als Marineflieger und Aufklärer. Fachleute bemängeln noch heute, dass die Maschine durch die bundesdeutsche Umrüstung zu schwer geworden sei. Außerdem habe es bei den Einkäufern sowie bei der Wartung an der nötigen Expertise gefehlt.

Wie dem auch sei: Es wurde immer aufwendiger und komplizierter, den Starfighter zu fliegen. Die Piloten mussten sich durch Tausende von Anweisungsseiten kämpfen und hatten im Cockpit gleich Dutzende von Anzeigen gleichzeitig zu überwachen. Die Vorschriften für die Wartung wogen nahezu drei Zentner.

So kam es zu der grauenhaften Verlustserie. Allein 1965 stürzten 26 Jets ab, statistisch gesehen alle zwei Wochen einer. Doch Kai-Uwe von Hassel, der Nachfolger von Strauß als Verteidigungsminister, lehnte ein generelles Flugverbot des Starfighters ab. Eine tragische Entscheidung: Am 10. März 1970 stürzte sein Sohn, der Marineflieger-Oberleutnant zur See Joachim von Hassel, mit seiner F-104 ab und kam dabei ums Leben.

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