Waris Dirie: "Genitalverstümmelung ist Undercover-Krieg"

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Waris Dirie: "Genitalverstümmelung ist Undercover-Krieg"
© dpa, Z1032 Arno Burgi

Interview mit dem Ex-Topmodel

Ein bisschen fremdelt sie zunächst. Waris Dirie ist vorsichtig, denn sie hat in ihrem Leben Schlimmes erlitten. Mit fünf Jahren wurde sie in Somalia Opfer eines grausamen Beschneidungsritus, mit 13 floh sie vor der Zwangsehe mit einem alten Mann nach London. Dort wurde sie als Topmodel entdeckt. Auf dem Zenit ihres Ruhms hängte sie die Laufstegkarriere an den Nagel, um dafür zu kämpfen, dass kleine Mädchen weltweit vor der Genitalverstümmelung verschont bleiben. Drei Millionen Menschen haben allein in Deutschland ihr Buch ‚Wüstenblume’ gelesen. Doch obwohl das Thema nun in aller Munde ist und die Verfilmung ins Kino kommt, ist ihr Kampf noch lange nicht zu Ende, verrät sie Kinoredakteurin Mireilla Zirpins im Exklusiv-Interview und redet sich richtig in Rage, als sie warm geworden ist mit ihrer Gesprächspartnerin.

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Frau Dirie, wie fühlt es sich an, Ihr Leben auf der Leinwand zu sehen?
Absolut surreal. Es fühlt sich nicht wie mein Leben an. Da ist jemand anders auf der Leinwand, aber sie sagen deinen Namen. Ich weiß sowieso nicht, wie sich mein Leben anfühlt.

Elton John hatte die Rechte schon vor zehn Jahren gekauft. Warum hat es so lange gedauert, bis Ihr Buch verfilmt wurde?
Ich hatte viele Angebote für die Verfilmung. Aber ich hatte einfach nicht das richtige Gefühl bei der Sache, bis Sherry Hormann kam. Wenn ich jemand sehe, schaue ich ihm in die Augen und sehe sofort seine Aura. Ich kann den Geist der Seele spüren – ohne ein Wort zu hören. Bei Sherry hatte ich das Gefühl: Bei dieser Frau muss ich mir überhaupt keine Sorgen machen. Ich weiß nicht, warum. Wenn dieses Gefühl kommt, stelle ich es nicht in Frage, sondern folge ihm. Und sie war die richtige. Wenn dieser Film nichts verändert, dann weiß ich es nicht.

Ich finde, dass Sie schon sehr viel bewegt haben. Seit Ihrem Buch ‚Wüstenblume’ ist das Thema zumindest in aller Munde. Wie sind Sie zufrieden mit den politischen Erfolgen?
Überhaupt nicht zufrieden. Ich bin ehrlich gesagt angepisst und enttäuscht und habe diese ganze Ignoranz satt. Seit zehn Jahren bin ich aktiv, und nun sitze ich hier immer noch und erzähle das Gleiche. Das ist doch lächerlich! Rede ich chinesisch? Wir sprechen über etwas, das heute noch täglich auf der Welt passiert. Wie können Menschen das einfach zur Seite wischen und so tun, als existierte das nicht? Nur, weil es vor allem in der Dritten Welt passiert, oder wie auch immer manche das nennen mögen – für mich gibt es eh nur eine Welt. Da müssen wir unsere Einstellung zum Leben gründlich ändern und uns für andere verantwortlich fühlen. Wir sind nicht auf diesem Planeten, um einander zu zerstören. Deswegen musste dieser Film gemacht werden. Ich laufe herum wie ein kopfloses Huhn. Sagen Sie als Journalistin mir doch, was sich bei uns geändert hat.

In Deutschland sind die Politiker verhalten. Das einzige, was sich geändert hat, ist, dass das Verbrechen nicht so schnell verjährt.
Warum so ein Gesetz? Warum gibt es nicht ein globales Verbot gegen Mädchenbeschneidungen? Das Gesetz muss Verbrechen stoppen – und nicht einfach nur Strafen androhen, sondern auch an die Communities rangehen. Einwanderer bringen ihre Beschneidungsriten doch sogar mit nach Europa oder wohin auch immer sie ziehen. Es ist ein globales Problem, weil überall Migranten leben.

Was können wir tun?

Interview mit Waris Dirie
Waris Dirie im Interview

Was ist Ihr Vorschlag? Dass die deutsche Regierung das Verbrechen bis ins Ausland verfolgt, wenn Einwanderer ihre Kinder in den Ferien in der Heimat beschneiden lassen?
Ach, der deutschen Regierung ist das doch scheißegal. Was passieren muss: Sie müssen Kontakt aufnehmen zu den Communities und sie informieren – und umgekehrt. Denn ihr wisst doch nicht, was sie machen, obwohl ihr Tür an Tür mit ihnen lebt. Politiker müssen Verantwortung übernehmen. Schließlich ist kein Kind anders als eures. Ein Kind ist ein Kind. Missbrauch ist Missbrauch. Verbrechen hat kein Alter oder keine Farbe.

Was kann man denn als normaler Bürger tun, um den Kampf gegen die Mädchenverstümmelungen zu unterstützen?
Die Politiker unter Druck setzen. Ihre Aufgabe ist es schließlich, für Menschen einzutreten, die selbst keine Stimme und keine Macht haben. Genitalverstümmelung ist ein Undercover-Krieg gegen Frauen. Und es ist nur der erste Schritt bei der Unterdrückung von Frauen. Der nächste Schritt ist eine erzwungene Hochzeit. Das ist Missbrauch an den Frauen, und das muss aufhören. Frauen müssen die gleichen Rechte haben. Da ist das Gleichgewicht auf unserem Planeten gestört.

Was mich am meisten schockiert, ist, dass Frauen, die selbst verstümmelt wurden, da mitmachen und ihre Töchter beschneiden lassen. Was empfinden Sie diesen Frauen gegenüber?

Meine eigene Mutter hat das mit mir gemacht. Sie hat das nicht getan, um mir zu schaden. Aus ihrer Sicht war das eine ehrenhafte Tat. Das ist die tragische Seite daran, dass ihr nicht mal klar ist, was sie mir damit angetan hat. Was kann man dagegen tun? Bildung! Woher sollen diese Frauen wissen, dass es falsch ist, was sie tun? Meine Mutter, meine Oma, meine Cousinen, meine Schwestern - jede einzelne Frau in meinem Heimatland ist verstümmelt. Sie kennen nichts anderes. Es ist dort normal und akzeptiert. Das ist ein Mangel an Information und Bildung. Ich würde zu gern mal wissen, wo das ganze Entwicklungshilfe-Geld landet. Die Europäer sollten es lieber in Projekte stecken, die Frauen stark machen. Sie tragen die Last Afrikas auf ihrem Rücken.

Bei der Lektüre ihres Buches „Brief an meine Mutter“ hatte ich den Eindruck, dass nicht alle Frauen einfach zu überzeugen sind, auch nicht die aus ihrer eigenen Familie.
Ja, ich kämpfe nicht nur draußen in der Welt, sondern auch in meiner eigenen Familie. Zum Beispiel gegen meine Schwägerin, die meinen jüngeren Bruder geheiratet hat. Sie will ihre sechs Töchter beschneiden lassen. Als ich ihr sagte: Ich lasse dich für zehn Jahre einsperren, wenn du das machst, sagte sie: Du machst Witze. Sie hat keine Ahnung! Ich fragte sie, ob sie überhaupt weiß, was ich mache. Als ich es ihr erklärt habe, legte sie auf und sprach tagelang nicht mehr mit mir. Stattdessen lief sie für zwei Tage von zu Hause weg.

Was ist aus den Mädchen geworden?
Noch haben sie sie nicht angerührt, aber ich muss da hin, denn wer weiß, was sie morgen machen. So ernst ist die Sache.

Was glauben Sie, wie Ihrer Familie der Film gefallen würde?

Sie würden ihn in Stücke reißen. Meine Mutter müsste zum ersten Mal zurücktreten und einen Blick auf mein und ihr Leben werfen, darauf, was sie durchgemacht hat und was sie ihren Töchtern angetan hat. Ich wünsche mir bei Gott, dass sie danach wie eine Ratte durch ihr Dorf und ihr Land rennt und es jeder Frau, die sie kennt, erzählt. Meine Familie wartet auf diesen Film. Und ich brenne darauf, ihn meiner Familie zu zeigen. Ich werde ihnen den Film vor die Füße werfen und sagen: Viel Spaß!

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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