Wahrsager und Viagra - Woody Allens "You Will Meet A Tall Dark Stranger"

Wahrsager und Viagra - Woody Allens "You Will Meet A Tall Dark Stranger"

Filmkritik frisch aus Cannes

"Noch drei Minuten, dann kann ich“, sagt Alfie, als seine frisch gebackene Gattin (urkomisch: Lucy Punch aus "Hot Fuzz“) paarungsbereit auf ihrem Pelzmantel sinkt. Anthony Hopkins als Viagra schluckender Opi im Jugendwahn - das ist nur eins von vielen Highlights in Woody Allens neuer Komödie "You Will Meet A Tall Dark Stranger“, die in Cannes ihre Weltpremiere feierte und vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.

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Alfie hat eine "Schauspielerin“ geehelicht, die jünger ist als seine eigene Tochter (mit viel komödiantischem Talent: Naomi Watts). Was er elegant "vergessen“ hat zu erwähnen, ist, dass er seine Gespielin mit dem puffigen Namen Charmaine von ihrem Ex-Job als Call-Girl abgeworben hat. Aber das denken sich Alfies frustrierte Tochter Sally und ihr depressiver Möchtegern-Schriftsteller-Gatte Roy (liebenswürdig als Totalversager: Josh Brolin) ob der nuttigen Fummel und der prolligen Manieren der Dame eh schon.

Die beiden haben ganz andere Sorgen. Während Sally arbeiten muss, weil ihr Typ kein Geld herbeischafft, aber lieber ein Baby bekäme, rastet er regelmäßig aus, weil ständig ihre Mutter (Gemma Jones) auf der Matte steht. Die kommt nicht klar damit, dass ihr Mann sie für seine Verjüngskur hat sitzen lassen, braucht regelmäßig einen Drink und vor allem den Rat ihrer "Wahrsagerin“ - daher auch der Titel des Films, der eine ihrer vagen Prophezeiungen aufgreift. "Du wirfst dein Geld raus für diesen Humbug“, wirft Roy seiner Schwiegermutter vor. Sie kontert: "Du lebst auch auf meine Kosten und sagst mir nicht, was ich hören will.“

Wahrsager und Viagra - Woody Allens "You Will Meet A Tall Dark Stranger"

Solch schwarzer Humor garniert die zwar reichlich aberwitzigen, aber immer unterhaltsamen Liebeswirren einer Schar von Londonern, die mit ihrem Leben nicht zufrieden sind, es aber mit allem, was sie dagegen unternehmen, nicht gerade besser machen. Wie Woody Allen es schafft, dass die ganze Bande früher oder später doch durch die durchsichtigen Vorhersagen des wandelnden Horoskops beeinflusst werden, ist erstaunlich und amüsant.

Leider vergisst Woody Allen, seinen vielen Figuren - darunter auch in schwächeren Rollen Antonio Banderas, der von Naomi Watts angeschmachtet wird und "Slumdog Millionär“-Schönheit Freida Pinto, der Josh Brolin nachstellt - psychologische Tiefe zu verleihen. Die zum Teil brillanten Darsteller, allen voran Naomi Watts und Lucy Punch, gleichen zwar einiges wieder aus. Aber es fehlt ein wenig an Entwicklung, an dramatischer Zuspitzung. So plätschert "You Will Meet A Tall Dark Stranger“ zwar sehr unterhaltsam und kurzweilig dahin, hinterlässt aber keinen bleibenderen Eindruck als eine Dosis Viagra. Aber das muss eine leichte Sommerkomödie ja auch nicht unbedingt.

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