Vom Musikspielen für Obdachlose zum Plattenvertrag

Musikspielen für die Obdachlosen New Yorks
Chris Leamy (r) macht Musik für die Obdachlosen und erzählt auf Instagram ihre Lebensgeschichten. Foto: Stephanie Ott © deutsche presse agentur
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Es ist Rush Hour in New York. Tausende Menschen hasten eilig durch die Straßen am Union Square in Manhattan. Doch einige stoppen in dem Trubel, als sie einen jungen Mann hören, der auf seiner Gitarre an einer Straßenecke Musik spielt.

Neben ihm sitzt ein weiterer Mann, dessen Gesicht durch die Musik aufleuchtet. Hassan Ali, 50, lebt seit zwei Jahren auf der Straße. Musiker Chris Leamy ist jedoch keinesfalls obdachlos. Der 29-Jährige arbeitet tagsüber als Börsenhändler in New York und hat es sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht, den Ruf von Obdachlosen zu verbessern.

Ali, der Vater zweier Kinder, hat Hepatitis C. "Das Leben auf der Straße ist hart, meine Gesundheit wird immer schlechter und vor allem im Winter ist es bitterkalt." Sein neunjähriger, autistischer Sohn lebt in New Jersey mit seiner Mutter. Einmal pro Woche kratzt Ali genug Geld zusammen, um ihn zu besuchen. Sein zweiter Sohn ist bereits erwachsen und lebt nördlich von New York.

Vor zwei Jahren verlor Ali seinen Bruder, ein herber Schlag für ihn. Durch einen Unfall wurde Ali arbeitsunfähig und konnte selbst kleine Gelegenheitsjobs nicht mehr ausführen. "Ich bin hier fern von meiner Familie und keiner beachtet mich", sagt er. "Doch Chris ist anders."

"Menschen, die auf der Straße leben, fühlen sich vergessen", sagt Musiker Leamy. "Die Leute laufen einfach an ihnen vorbei, ohne sie zu beachten. Der Obdachlose ist scheinbar unsichtbar. Vor zwei Jahren habe auch ich nicht zweimal über Obdachlose nachgedacht."

Doch eine Nacht im März 2015 veränderte sein Leben. Leamy war auf dem Heimweg von einer Musik-Session in Brooklyn, als eine obdachlose Frau auf seine Gitarre deutete und sagte: "Es wäre einfacher, wenn ich ein Talent wie Musikspielen hätte, um ein bisschen mehr Geld bekommen zu können."

Leamy begann, obdachlose New Yorker anzusprechen, ob er neben ihnen ein paar Lieder spielen kann. Die Menschen, die er dabei trifft, stellt er auf Instagram vor und erzählt dort ihre Lebensgeschichten. Das sorgte rasch für Aufmerksamkeit. Sogar ein Musiklabel wurde auf ihn aufmerksam und nahm ihn unter Vertrag. "American Man" heißt Leamys erstes Album.

Im vergangenen Jahr startete Leamy, der schon seit seinem 13. Lebensjahr Musik macht, eine Online-Spendenkampagne für Obdachlose und sammelte innerhalb von einem Monat mehr als 4000 Dollar (etwa 3600 Euro).

Obdachlose gehören zum alltäglichen Stadtbild New Yorks. Sie schlafen in U-Bahn-Zügen, Parks, auf Gehwegen und in Bahnhöfen. Derzeit gibt es so viele Obdachlose auf den Straßen New Yorks wie seit der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre nicht mehr. Auf mehr als 60.000 schätzt der Verband Coalition for the Homeless die Zahl, davon fast 24.000 Kinder. Die Dunkelziffer könnte noch weit darüber liegen.

Leamy hat bislang rund 100 Obdachlose in New York kennengelernt. Einer davon, Miguel Correa, hat es geschafft - er hat nun einen Job und eine kleine Wohnung. "New Yorker sind taffe Menschen, alle haben so viel zu tun", sagt Leamy. "Wenn ich es schaffe, dass sie stehen bleiben und meiner Musik zuhören, ist das ein Erfolg für mich. Ein noch größerer Erfolg ist es aber, wenn ich durch meine Musik auch negative Klischees über Obdachlose abschaffen kann und damit bewirke, dass Passanten einen Schritt auf Obdachlose zugehen."

Bis heute spielt Leamy, der Wirtschaft an der University of Chicago studiert hat, mindestens einmal die Woche auf der Straße. Innerhalb von einer Viertelstunde nimmt er oft bis zu 30 Dollar an Spenden ein, die er immer den Obdachlosen gibt.

"Ich denke nicht über die Politik rund um Obdachlosigkeit nach", sagt der Musiker. "Mir geht es um kleine zwischenmenschliche Gesten. Sogar ein Lächeln oder ein Gruß von einem Passanten kann den Tag eines Obdachlosen aufhellen. Ich versuche nicht, Berge zu bewegen, sondern ich verbringe meine Zeit damit, zu zeigen, was für eindrucksvolle Menschen es sind. Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, gehört zu werden."


Quelle: DPA
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