vincent will meer - Filmkritik

Dr. Marc Meier wird Patient mit sehr schmutzigem Mundwerk

vincent will meer - Filmkritik

Sich einfach ins Auto setzen, das Handy aus dem Fenster werfen und mit Vollgas abhauen – ans Meer fahren, Freiheit schmecken. Diese Gedanken kennt wohl jeder. Florian David Fitz, besser bekannt als Dr. Marc Meier aus ‚Doctor’s Diary’, hat daraus zunächst sein erstes Drehbuch gemacht und spielt nun selbst die Hauptrolle. Als Tourette-Kranker Vincent muss er mühsam lernen, sich selbst und sein Leben zu mögen. Und der Kinozuschauer lernt: Florian David Fitz überzeugt schauspielerisch nicht nur als umschwärmter Serien-Arzt, sondern auch als schwieriger Patient. Mit dem nachdenklichen Roadmovie legt der 35-Jährige ein Stück vor, das sich sehen lassen kann. Denn Fitz schafft es, eine wirklich rührende Geschichte zu erzählen, ohne dabei künstlich auf die Tränendrüse zu drücken.

Nach dem Tod seiner Mutter wird Vincent von seinem Vater in ein Therapiezentrum abgeschoben. Der scheue 27-Jährige leidet unter dem Tourette-Syndrom. Sein Alltag wird durch unkontrollierbare Zuckungen, Grimassen und plötzliche Schimpftiraden bestimmt. Wegen dieser Tics hat Vincent jahrelang komplett zurückgezogen gelebt, alle Träume aufgegeben.

In der Privatklinik soll er lernen, mit der Krankheit umzugehen. Doch stattdessen haut Vincent nach wenigen Tagen mit der Magersüchtigen Marie (Karoline Herfurth) und seinem zwangsneurotischen Zimmergenossen Alexander (Johannes Allmayer) ab. Das Trio will nach Italien, ans Meer – und zwar mit dem geklauten Auto der Klinikleiterin Dr. Rose (Katharina Müller-Elmau). Zusammen mit Vincents erfolgsverwöhntem Vater (Heino Ferch) nimmt die Psychologin die Verfolgung auf, die ganz anders verläuft als erwartet.

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Fremdschäm-Faktor bleibt klein

Vincent, Marie und Alexander gelingt tatsächlich die Flucht, dabei haben die drei jungen Leute im Leben bisher nicht viel hinbekommen: Marie hungert sich fast zu Tode, Alexander hat sogar vor Staub Angst, und Vincent wird wegen seiner Zuckungen von Kindern mit dem Handy gefilmt, als wäre er ein Monster. Mal ganz davon abgesehen, dass der arme Kerl in den ungünstigsten Situationen „Ficken“ oder „Fotze“ brüllt und dabei das Gesicht verzieht. Der Fremdschäm-Faktor bleibt aber trotz des schwierigen Themas klein, denn der Film entwickelt sich schnell von einer Freak-Show zum spannenden Roadmovie.

Auffällig und eindrucksvoll ist dabei Regisseur Ralf Huettners Spiel mit den Farben: Zu Beginn des Films wirkt Vincents Umwelt blass und verwaschen. Aber mit jedem Kilometer, den sich das Trio von der Klinik entfernt und Italien nähert, werden die Farben kräftiger und wärmer. Toll sind auch die starken Bilder: Die sattgrünen Täler des Alpenvorlands, riesige Berge und Autobahnschilder im Sonnenaufgang.

Sogar die Rücksitz-Perspektive der Kamera hat etwas: Beim Anblick der vorbeiziehenden Landschaften fühlt man sich plötzlich wieder wie ein Kind, das mit den Eltern in den Urlaub fährt, staunend aus dem Fenster schaut und sich fragt, ob das Ganze da draußen noch immer Deutschland ist. Der Höhepunkt der Geschichte wird durch ein großartiges Bild markiert: Vincent, Marie und Alexander besteigen ein Gipfelkreuz und thronen gemeinsam zwischen Himmel und Erde. So sieht Freiheit aus. Jenseits der Alpen läuft dann plötzlich einiges schief. Mit der Stimmung kühlen sich auch die Farben wieder ab – Regisseur Huettner bleibt also seinem Konzept treu.

Wie auch die Schauspieler, die in erster Linie wie sympathische Jugendliche mit kleinen Schwächen auftreten und selten wie psychisch Kranke. Huettner hat das Kunststück geschafft, zwischen die vielen harten Themen wie Magersucht, Tourette und Eifersucht viele spaßige Momente voller Lebensfreude einzubauen. Die Mischung von Aufklärung und Unterhaltung stimmt. Absolut beeindruckend ist die Leistung von Karoline Herfurth, die völlig abgemagert und blass an Kate Moss erinnert. Sie verkörpert bestens die innere Zerrissenheit von Magersüchtigen.

Florian David Fitz nimmt man den Tourette-Kranken ab, aber die Verwandlung vom scheuen Außenseiter in einen selbstbewussten Mann, der zu seiner Störung steht, geht doch arg schnell – und noch dazu ganz ohne Therapie. Im direkten Vergleich mit Herfurth und Fitz wirkt Johannes Allmayer leider wie ein Anfänger. Der neurotische Alexander ist einfach übertrieben, sein kindisch-trotziges Gehabe nervig und albern. Das passt gar nicht zu diesem ansonsten nachdenklichen, rührenden und intelligenten Film.

Von Sebastian Priggemeier

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