Vielleicht lieber morgen - Filmkritik

Partyqueen Emma Watson
Partyqueen Emma Watson © dpa, capelight pictures

4 von 5 Punkten

Was machen eigentlich die britischen Jungstars aus ‚Harry Potter‘, seitdem die Kinosaga abgedreht ist? Rupert Grint verschwand in der Versenkung, Daniel Radcliffe sah in einem Horrorfilm blass aus, und Emma Watson machte vor allem als Aushängeschild von Chanel und mit einem Studium in den Vereinigten Staaten von sich reden. Nun dreht sie einen Film nach dem anderen. Nach einer kleinen Nebenrolle in ‚My Week With Marilyn‘ spielt sie jetzt eine der Hauptrollen in dem Teenie-Drama ‚Vielleicht lieber morgen‘ – und zwar gar nicht, wie wir es von ihrer Hermine-Figur gewohnt sind, als Streberin, sondern als schillerndste Persönlichkeit in einem kleinen Zirkel von High-School-Außenseitern.

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In dieses exklusive Kränzchen gerät der schüchterne Charlie (Logan Lerman, der jugendliche Held aus dem Potter-Verschnitt ‚Percy Jackson‘), als er nach einem traumatischen Erlebnis als Mauerblümchen in sein erstes Highschool-Jahr startet. Seine neuen Freunde Patrick (charmant überdreht: Ezra Miller aus ‚We Need To Talk About Kevin‘) und dessen Halbschwester Sam (die Britin überzeugt mit US-Akzent und feiner Zurückhaltung: Emma Watson) sind ebenfalls Außenseiter, aber sie machen sich nichts draus, ganz im Gegenteil. Die beiden extrovertierten Teenager sind Drogen nicht abgeneigt, feiern wilde Partys mit Indie-Musik, und sie haben auch ohne Star-Footballer und Cheerleader jede Menge Spaß. Aber natürlich ist das alles zu schön, um lange gut zu gehen. So verschenkt Charlie sein Herz an die quirlige Sam, doch die steht eher auf ältere Jungs, und zwar ständig auf die falschen. Und Charlie stellt fest, dass er mit seiner verstörenden Vergangenheit doch weniger im Reinen ist, als er dachte…

Nettes Außenseiter-Drama abseits gängiger Klischees

Emma Watson und Logan Lerman
Emma Watson und Logan Lerman © dpa, capelight pictures

Die Probleme der jugendlichen Protagonisten klingen vertraut, doch findet Steve Chbosky, der hier seinen eigenen Briefroman verfilmt, stets einen ungewöhnlichen Dreh, der die Figuren doch besonders macht. So unaufdringlich ist seine Handlung in den später 1980ern angesiedelt, dass der Zuschauer das erste Mal stutzt, als Musikkassetten getauscht werden. Keine Schulterpolster, keine schlechten Dauerwellen – Chbosky belässt seinen Figuren, selbst den Highschool-Stinkstiefeln, ihre Würde und verleiht seiner Handlung damit eine zeitlose Gültigkeit, auch wenn im Zentrum ganz außergewöhnliche Menschen stehen. Wer immer sich in der Schule mit seinem Musik- oder Modegeschmack oder seinem Humor außen vor fühlte, kann sich bei den schrägen Vögeln Patrick und Sam anderthalb Stunden lang richtig daheim fühlen, auch wenn sich der Regisseur bei seinem zweiten Spielfilm zunächst etwas schwer tut, den richtigen Rhythmus zu finden. Die am Anfang etwas belanglos wirkende Geschichte bekommt durch eine überraschende Wendung am Ende dann doch noch einen verstörenden Dreh und einen tieferen Sinn und entschädigt für eine etwas unausgegorene erste Viertelstunde. Und von den drei bezaubernden Hauptdarstellern möchte man in Zukunft gerne mehr sehen – auch jenseits der Jugend-Fantasy-Sagas.

Von Mireilla Zirpins

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