Verstörend-schön: 'Alles, was wir geben mussten'

4,5 von 5 Punkten

Normalerweise denkt man bei Science-Fiction-Filmen an blutrünstige Aliens oder zerstörungswütige Roboter, die ihre Umwelt in Schutt und Asche legen und die Menschen nacheinander eliminieren. Aber es geht auch anders. In der großartigen und verstörend-schönen Verfilmung des preisgekrönten Romans von Kazuo Ishiguro beweist Keira Knightley einmal mehr, wie facettenreich ihre schauspielerischen Fähigkeiten sind – auch als intriganter Klon, der seiner besten Freundin die große Liebe ausspannt.

Dabei ist das nur der rote Faden, an dem sich dieses einfühlsame Drama, das auf den ersten Blick überhaupt nicht als Science-Fiction-Film zu erkennen ist, entlang spannt. Keine futuristische, durchgestylte Welt, in der sich die Protagonisten bewegen. Ganz im Gegenteil: Auf den ersten Blick erscheint in dem Internat im England der 70er-Jahre alles so, wie man sich ein leicht versnobtes britisches Schul- und Landleben so vorstellt. Die Schüler, die in 'Hailsham' aufwachsen, wirken ganz normal – und dennoch spürt man von Anfang an, dass hier irgendetwas nicht stimmt. Schon zu Beginn betont die Schulleiterin (Charlotte Rampling) bei einer Rede, dass hier ganz besondere Menschen herangezogen werden. Die böse Doppelbödigkeit dieser 'Aufzucht' wird dem Zuschauer bewusst, als eine junge Lehrerin (Sally Hawkins) die Kinder darüber aufklärt, was deren wirkliche Bestimmung im Leben ist.

Und die hat es in sich: Die Schüler in Hailsham sind Klone, deren einziger Lebenszweck darin besteht, ihren 'Originalen' irgendwann die eigenen Organe zu spenden und spätestens nach der dritten oder vierten 'Spende' zu sterben – oder, wie es in der Schule ganz zynisch genannt wird, ihr Leben zu "komplettieren". Unter den Schülern befindet sich auch das Trio Kathy (Carey Mulligan), Tommy (Andrew Garfield) und Ruth (Keira Knightley). Die schüchterne Kathy ist schon seit ihrer Kindheit in Tommy verliebt, traut sich aber nicht, dem Angebeteten ihre Gefühle einzugestehen. Die lebhafte und dummerweise viel attraktivere Ruth hat ebenfalls ein Auge auf den schüchternen Tommy geworfen – boshafterweise allerdings erst, als sie erkennt, wie sehr Kathy an Tommy hängt. So schnappt sie ihrer 'besten Freundin' den sensiblen Jungen vor der Nase weg und verhindert, dass die beiden zueinander finden – um erst Jahre später zu realisieren, was sie wirklich angerichtet hat. Doch die Reue kommt wie so oft viel zu spät…

'Alles, was wir geben mussten'
'Alles, was wir geben mussten' Kinostart: 14. April 2011 00:02:22
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Regisseur Mark Romanek ('One Hour Photo') hat mit seinem wundervollen und anrührenden Epos ein großes Stück Kino geschaffen, bei dem einfach alles zusammenpasst: Die hervorragende Besetzung, die stimmungsvollen Bilder, der zwar pathetische aber dabei dennoch sehr unaufdringliche Soundtrack – alles zusammen untermalt die melancholische und tragische Grundstimmung des Films nahezu perfekt. Dies liegt nicht zuletzt an der kongenialen Zusammenarbeit von Drehbuchautor Alex Garland ('The Beach', '28 Days Later', 'Sunshine') mit Autor Kazuo Ishiguro, die die schwierige Thematik der literarischen Vorlage ideal für die Leinwand adaptiert haben. Trotzdem möchte man als Zuschauer die Figuren am liebsten wachrütteln: Das System des Klonens und der unfreiwilligen Organspenden wird von den Schülern und späteren Erwachsenen nicht ansatzweise in Frage gestellt. Es wird kein Geheimnis aufgedeckt, es geht nicht darum, ein brutales System umzustürzen, wie es in dem thematisch verwandten Film 'Die Insel' mit Scarlett Johansson der Fall ist. Kathy, Ruth und Tommy und all die anderen Schüler ergeben sich als Klone ganz ihrem Schicksal und hoffen dennoch, dass ihnen bis zu ihrem tragischen Ende wenigstens ein kleiner Aufschub gewährt wird.

Nicht nur Hollywood-Star Keira Knightley wächst in 'Alles, was wir geben mussten' als intrigant-biestige Schülerin, die ihrer besten Freundin die große Liebe ausspannt, über sich heraus. Auch ihre beiden Co-Darsteller Carey Mulligan ('Wall Street 2') und Andrew Garfield, der bald als neuer Spiderman über die Leinwände springen darf, beeindrucken mit ihrer einfühlsamen Darstellung als Liebende, die um die Erfüllung ihrer Sehnsucht kämpfen. Als menschliche Klone ohne jede Rechte agieren die drei atemberaubend intensiv in ihrem unsichtbaren Gefängnis, das Freiheit, Leben und Liebe nur vortäuscht. Und vor allem eine Frage stellt sich dabei umso dringlicher: Was macht einen Menschen wirklich zu einem Menschen? Ein ganz großes Kinoerlebnis, das man nicht mehr so schnell vergisst.

Von Norbert Dickten

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