Vernarrt in Borgwards - Einblicke in einen Oldtimerclub

Borgward-Fans
Hartmut Loges (l) und Ulrich Kotte zeigen ihre Schätze auf vier Rädern. Foto: Monika Skolimowska © DPA

Breite rot-beige Ledersitze, ein Plattenspieler mit einer Elvis-Single und für Fahrer und Beifahrer ein ausziehbarer Aschenbecher: Hartmut Loges öffnet stolz die Fahrertür und zeigt die Inneneinrichtung seines Isabella-Coupé.

- Anzeige -

Der eierschalenfarbene Oldtimer parkt in der Vormittagssonne vor dem Schloss Borbeck in Essen und lockt Blicke der Passanten. Als Vorsitzender und Mitbegründer eines Oldtimerclubs ist Loges das gewöhnt - wo auch immer der 69-Jährige mit Modellen der "Carl F.W. Borgward Interessengemeinschaft" auftaucht.

Als nächstes steht die Oldtimermesse Techno-Classica an, die von diesem Mittwoch bis Sonntag 1250 Aussteller aus mehr als 30 Nationen in Essen zusammenbringt. "Wir bauen ein überdimensioniertes Kinderzimmer als Kulisse auf, indem die Oldtimer wie Spielzeugautos wirken", verrät Loges, der auf den Preis für die fantasievollste Stand-Präsentation spekuliert, der jährlich unter den 220 ausstellenden Oldtimerclubs vergeben wird.

Die Messe ist laut Veranstalter das weltgrößte Treffen für die Liebhaber-Gruppen. In diesem Jahr werden 200.000 Besucher erwartet. Und die Szene ist in Bewegung: Rund 400.000 Oldtimer sind derzeit in Deutschland zugelassen. Die Fans organisieren sich in 1100 Clubs. Regelmäßig fahren sie zu Treffen, helfen sich aber in erster Linie bei Reparaturen, Ersatzteilen und mit Expertenwissen.

Loges verschrieb sich schon als junger Mann den Fahrzeugen des Bremer Autobauers Carl Friedrich Wilhelm Borgward, der vor allem mit dem Mittelklassewagen Isabella erfolgreich war: "Über 350.000 Mal ist die Isabella gebaut worden", sagt Loges. Beim Kauf seines dritten Borgward - einem Isabella-Cabriolet - habe er sich gesagt: "Die Autos sind so schön - es gibt bestimmt noch mehr Idioten, die auch Spaß daran haben."

1973 gründete er den Oldtimerclub, der weltweit mehr als 700 Mitglieder zählt. Einer von ihnen ist Ulrich Kotte, stellvertretender Vorsitzender des Clubs und Besitzer von 20 Borgward-Oldtimern - darunter Lastwagen, Wohnmobile, Feuerwehrautos und Staatskarossen. Seinen ersten habe er zum 18. Geburtstag von seinen Eltern bekommen. "Ich war hellauf begeistert", erinnert sich der 65-jährige Familienvater. "Als die Kinder größer waren und das Geld da war, habe ich mir mal diesen, mal jenen Borgward gekauft."

Laut Wirtschaftspsychologe Rüdiger Hossiep spielen Emotionen bei der Liebe zu Oldtimern eine wichtige Rolle. "Oldtimer sind begreifbarer als heutige Autos. Bei alten Fahrzeugen versteht der Besitzer noch, wie es funktioniert und kann es noch selbst reparieren."

Als Personalpsychologe an der Ruhr-Universität Bochum erforscht Hossiep den Zusammenhang zwischen der Persönlichkeitsstruktur eines Fahrers und seiner Fahrzeugwahl. "Für viele Liebhaber sind Oldtimer eine Fortsetzung der Kindheit. Sie suchen sich Modelle aus, die sie in einer sensiblen Phase ihres Lebens - beispielsweise der Pubertät - mochten." Insbesondere bei Luxus-Oldtimern stehe der Besitzstolz im Mittelpunkt - das Fahrzeug sei ein Differenzierungsmerkmal. "Ein Auto ist ein sozialer Raum zum Mitnehmen - quasi das gepanzerte Selbst."

Er teilt Oldtimer-Besitzer in drei Gruppen ein: "Es gibt die extrem reichen Investoren, die Oldtimer als Wertanlage sehen, sich aber gar nicht dafür interessieren und damit gar nicht fahren." Andere nutzten einen historischen Wagen im Alltag, und wieder andere gönnen sich einen Oldtimer zum Spaß zusätzlich zu ihrem normalen Auto.

In der Borgward-Interessengemeinschaft hat sich die Mitgliederzahl in den vergangenen Jahren verringert - viele sind gestorben. "Junge Leute können sich für das Hobby nicht begeistern", bedauert Ulrich Kotte. Dabei sei ein Borgward oft nicht teurer als ein VW Golf. Kostspielig ist vor allem die originalgetreue Restaurierung.

In Ersatzteile, Lack und neue Innenbepolsterungen hat auch Hartmut Loges viel investiert. "Für das Geld hätte ich mir wohl ein Haus bauen können." Wenn er seinen ersten Isabella-Coupé beschreibt, gerät er noch immer ins Schwärmen: "Weiß mit roten Sitzen und ein Becker-Mexico-Radio - dieses Coupé war mein Traum. Wenn ich mit so einem schicken Wagen durch die Gegend fuhr, war ich der King."


dpa
— ANZEIGE —