'Unter dem Sand': Deutsche Kriegsgefangene als Minenräumer in Dänemark

Unter dem Sand
Der Kinofilm "Unter dem Sand" erzählt von deutschen Kriegsgefangenen, die an der dänischen Küste nach Tretminen suchen müssen. Foto: Koch Media © DPA

In dem Film "Unter dem Sand" macht der dänische Feldwebel Carl Leopold Rasmussen gleich in der Eingangsszene die Fronten klar: Die Wehrmacht ist besiegt und hat in Dänemark nichts mehr zu suchen.

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Aus der Kolonne der deutschen Kriegsgefangenen greift er sich einen jungen Soldaten heraus, der ein zusammengeknülltes rot-weißes Tuch, die dänische Flagge, in der Hand hält. "Dänemark ist nicht euer Land", schreit er ihn an und schlägt ihm immer wieder ins Gesicht, bis er blutet.

Über die Gräuel des Zweiten Weltkriegs gibt es unzählige Filme. Die dänisch-deutsche Koproduktion von Martin Zandvliet wagt einen Tabubruch. Die Deutschen sind in diesem Film die Opfer, geradezu unschuldige Opfer. Die Dänen, eigentlich Opfer des Krieges, sind die Täter.

"Ich habe mich schon immer gefragt, warum jede Nation und insbesondere Dänemark, wo ich lebe, immer Filme darüber macht, wie gut wir doch im Zweiten Weltkrieg alle waren. Wie sehr wir den Juden geholfen haben, nach Schweden zu fliehen, wie wir gegen die Deutschen waren, wie wir den Alliierten geholfen haben", sagte Zandvliet in einem NDR-Interview. Er wolle gern von der dunklen Seite des Menschen erzählen.

In seinem Film werden 14 Kriegsgefangene im Mai 1945 zur Minenräumung abkommandiert. Die Teenager, eingezogen zu Hitlers letztem Aufgebot sind fast noch Kinder, "kleine Jungen, die Angst haben und nach ihrer Mutter schreien", wie Rasmussen im Film sagt. Es ist die Generation, die die Nazis ganz zum Schluss als Kanonenfutter verheizten und der Bernhard Wicki schon 1959 im Film "Die Brücke" ein Denkmal setzte.

Zandvliets Jugendliche spüren allerdings keinen Funken von NS-Begeisterung. Sie träumen vom Essen zu Hause, von Mädchen und von ihrer Zukunft als Handwerker oder Bauunternehmer. Ihre Uniformen sind nicht mehr vollständig.

Die dänischen Offiziere schreien sie an, schlagen und demütigen sie. Doch das Schlimmste ist ihr Auftrag: ein Himmelfahrtskommando. Die Westküste Dänemarks ist von der Wehrmacht vermint worden, weil die Deutschen einen Angriff der Alliierten über die Nordsee erwarteten. Aus einem Strandabschnitt sollen die Jungen 45.000 Minen ohne technische Hilfsmittel mit den Händen aus dem Sand graben. Sie haben keinerlei Erfahrung. Schon bei der ersten Unterweisung gibt es einen tödlichen Zwischenfall.

In Großaufnahme zeigt die Kamera mehrfach, wie die Jugendlichen mit zittrigen Fingern die Zünder aus dem Sprengkörper schrauben. Das geht mehrfach schief. Zuschauer sehen den idyllischen Strand, den Millionen Deutsche aus dem Urlaub kennen, und wissen: In jedem Moment kann es für einen der Jungen vorbei sein. Eine schwer erträgliche Spannung.

Rasmussen schwankt zwischen militärischer Härte, Grausamkeit und aufkeimenden väterlichen Gefühlen für seine Jungs. Er hat die Rolle inne, die in vielen anderen Kriegsdramen Wehrmachts- oder SS-Offiziere übernehmen: Er führt die unmenschlichen Befehle des noch härteren Hauptmanns Ebbe Jensen aus, aber er lässt sich auch zu brutalen Übergriffen hinreißen. Als es eines Tages seinen geliebten Hund "Otto" erwischt, ist es aus mit Rasmussens väterlichen Anwandlungen. Er zwingt die Gefangenen, untergehakt Quadratmeter für Quadratmeter den schon geräumten Strand abzulaufen. So sollen sie sicherzustellen, dass wirklich alle Minen entfernt sind. Menschen als Versuchskaninchen.

Die Ereignisse hat Zandvliet nach eigenen Angaben genau recherchiert, allerdings nicht als erster. Bereits 1998 löste der dänische Jurist und Historiker Helge Hagemann mit seinem Buch "Under tvang - Minerydning ved den jyske vestkyst 1945" (Unter Zwang - Minenräumung an der jütländischen Westküste 1945) eine Diskussion in seinem Land über Kriegsverbrechen aus.

Die Dänen und auch die eigentlichen Machthaber, die britischen Soldaten in Dänemark, kommen in Zandvliets Film nicht gut weg. Neben aller Brutalität, die der Regisseur zeigt, lässt der Film einen kleinen Lichtblick der Menschlichkeit zu. Rasmussen hat den Jugendlichen sein Wort gegeben, dass sie nach der Räumung des Strandabschnitts nach Hause dürfen. "Das Versprechen der Freiheit" - so der Untertitel des Films - hat ihnen die Kraft zum Durchhalten gegeben. Am Ende hält der Feldwebel sein Wort, auch wenn er sich damit einem Befehl widersetzt.

(Unter dem Sand, Dänemark, Deutschland 2015, 101 Min., FSK o.A., von Martin Zandvliet, mit Roland Møller, Mikkel Boe Følsgaard, Louis Hofmann)


dpa

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