Unheilig im Interview zum 'Eurovision Song Contest'

Unheilig im Interview
Unheilig feiert 2014 15-jährigen Band-Geburtstag. © imago/Future Image, imago stock&people

"Ich habe wirklich ganz viele bunte Klamotten"

Ich habe dich in der Talkshow von Markus Lanz gesehen und dort erfahren, dass du dein erstes Bühnenoutfit in einem SM-Laden gekauft hast. Magst du die Geschichte nochmal erzählen?

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Sehr gerne. Ich wollte schwarze Stiefel haben, die bis zu den Knien gehen und war echt schon total verzweifelt, bis ich irgendwann in einem Laden landete, der draußen schwarze Klamotten aus Leder hatte. Ich bin also da rein und schnell entpuppte er sich als SM-Laden. Das hab ich am Anfang auch gar nicht richtig begriffen, bis ich dann diese komischen Masken mit dem Reißverschluss gesehen habe. Und als dann die Verkäuferin kam, die übrigens auch so gekleidet war, wusste ich, hier bin ich falsch. Ich habe aber trotzdem gesagt, dass ich Stiefel suche und sie fragte sogleich 'Okay, bis wo?‘. Denn es gibt da wohl jede Menge Möglichkeiten, was die Schaftlänge betrifft. Zum Glück hat mir die Verkäuferin hinterher noch eine Adresse von einem kleinen Gothic-Laden in Köln gegeben und die hatten die Stiefel, die ich suchte.

Was ist dein buntestes Kleidungsstück im Schrank?

Da gibt es ganz viele. Ich bin ein totaler T-Shirt-Freak und habe zum Beispiel ein lila 'Pulp Fiction‘-Shirt. Das ist echt total toll und ich habe auch wirklich lange danach gesucht. Ich hab auch so ein Schwarzes, aber das ist mittlerweile schon ganz vergilbt, die Figuren auf dem Shirt sind schon fast weg. Ich habe wirklich ganz viele bunte Klamotten. Diesen Anzug trage ich natürlich nicht privat. Wie jeder andere liege ich zu Hause auf der Couch und trage dabei ein T-Shirt und eine Jogginghose. Der Anzug gehört zu dem Musiker, der unterwegs ist, dem du jede Frage stellen kannst, der dir aber nie eine private Frage beantworten würde.

Deswegen weiß man auch nichts von deinem Privatleben: Wie schaffst du es denn, trotz des ganzen Rummels um deine Person, die Presse herauszuhalten?

Mein Privatleben ist mein eigener, kleiner Schatz, den ich mir selber bewahren will und den ich brauche. Mein Geschenk an die Öffentlichkeit ist die Musik und was anderes kann ich euch leider nicht geben.

"Es gibt immer noch Menschen, die Angst haben, wenn sie mich sehen"

Unheilig im Interview
Der Graf ist seit seiner Kindheit Stotterer. © imago/Future Image, imago stock&people

Dennoch sickert bei den meisten Künstlern irgendwann mal etwas Privates durch ...

Ich glaube, die Versuchung ist manchmal auch echt groß. Wenn du zum Beispiel auf eine Preisverleihung gehst und über den roten Teppich läufst, würde mich der ein oder andere aus meiner Familie natürlich auch gerne mal begleiten. Aber wenn du diesen Weg gehst und jemanden aus deiner Familie der Öffentlichkeit vorstellst, dann ist das Privatleben nicht mehr privat. Ich mach das nicht. Ich lade meine Lieben dann besser mal schön zum Essen ein oder wir machen eine Woche Urlaub.

Über deinen früheren Look haben wir schon gesprochen, heute trittst du immer im schwarzen Anzug auf. Würdest du dich als Kunstfigur bezeichnen?

Mittlerweile nicht mehr. Der Typ, mit dem du gerade redest oder der mit Freunden grillt, ist genau der gleiche. Die Kunstfigur 'Graf‘, die am Anfang da war und mich vor dem Stottern beschützt hat, die gibt es nicht mehr. Lustigerweise heißt eine Strophe in dem Lied 'Ja‘, das ich 1999 veröffentlicht habe, 'Das einzige, was zählt, ist die Maske, wenn sie fällt‘. Es macht mich richtig stolz, dass ich das geschafft habe, denn das war wirklich nicht einfach und ist es auch immer noch nicht. Jedes Interview ist eine Herausforderung. Da kommen dann manchmal noch diese Urängste aus der Schulzeit hoch, denn diese Zeit war nicht ganz so witzig. Ich werde diesen Weg auf jeden Fall weiter gehen.

Ich muss sagen, dass du Stotterer bist, merke ich hier wirklich gar nicht.

Ich glaube auch, dass ich das selber viel mehr merke, als andere. Außerdem habe ich heute einen guten Tag, du kannst froh sein (lacht). Denn sonst würde das Interview viel länger dauern oder ich könnte viel weniger Antworten geben.

Unheilig gehört zu den erfolgreichsten Bands in Deutschland. Habt ihr trotzdem mit Vorurteilen zu kämpfen?

Ja, es gibt immer noch Menschen, die Angst haben, wenn sie mich sehen. Ich habe zum Beispiel letztens ein Radio-Interview gegeben und habe dafür die Sendung vorher verfolgt und da meinte eine Frau: ‚Ich trau mich gar nicht, den was zu fragen. Der ist so mystisch und guckt immer so böse‘. Und ich sitze zu Hause und denk mir 'Ey, Freunde der Nacht, das ist doch wirklich schon lange vorbei‘. Klar, wenn man jetzt nach alten Bildern von mir im Internet sucht, sieht das natürlich nicht so lustig aus. Die Leute können sich einfach immer noch nicht vorstellen, dass ich ein ganz normaler Typ bin.

Was passiert, wenn ihr bei 'Unser Song für Dänemark' nicht gewinnt?

Dann werde ich sehr traurig sein. Das Leben geht aber trotzdem weiter und ich werde mich bei der kommenden Tour von meinen Fans trösten lassen. Wenn man sich Träumen stellt, muss man auch damit rechnen, dass man es nicht schafft.

Vielen Dank für das Gespräch.

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