Unheilig im Interview zum 'Eurovision Song Contest'

Unheilig im Interview Unheilig = Unheimlich? Dieses Vorurteil können wir nicht bestätigen!

"Der ESC ist die Champions-League der Musik"

Große Statur, kahl rasierter Kopf, schwarzer Anzug: ‚Unheilig‘ umgibt eine Mystik, von der sich noch immer einige fürchten. Völlig unverständlich für den Kopf der Band, den Grafen. Im Interview erzählt er uns nicht nur, warum er beim Vorentscheid für den 'Eurovision Song Contest‘ am 13. März 2014 antritt, sondern auch, was er neben seinem dunklen Anzug sonst noch im Kleiderschrank hängen hat und was es mit seinem Besuch in einem SM-Laden auf sich hatte.

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Von Ann-Christin Gebhardt

Wie darf ich dich ansprechen? Ach, am besten einfach Graf, also ‚Du Graf‘.

Wie bist du denn auf diesen Künstlernamen gekommen? Der Graf – das ist das, wie ich immer sein wollte. Unantastbar, stark, über den Dingen stehend, ein bisschen mystisch, unangreifbar, unverletzbar. Das sind alles Attribute, die ich auf dieses Pseudonym transportiert habe.

Du wirst am 13. März beim Vorentscheid für den ESC antreten. Wie kam es dazu? Ich kenne den ESC schon von klein auf, denn als Junge habe ich den jedes Jahr mit dem Käseigel und der Oma auf der Couch gesehen. Und 1982, als Nicole mit 'Ein bisschen Frieden‘ gewonnen hat und ich gerade mit dem Musik machen anfing, habe ich zum ersten Mal erlebt, was da alles dazu gehört. All die Lichter, die große Bühne, dein eigenes Heimatland vertreten zu können … Und da dachte ich nur ‚Wow‘. Der ESC ist die Champions-League der Musik, der absolute Wahnsinn und etwas, dass ich jetzt unbedingt selber erleben möchte.

Welche Chancen rechnest du dir aus und wie beurteilst du deine Konkurrenten? Ich möchte natürlich gewinnen. Ich denke aber, dass es sehr eng werden wird, denn die Konkurrenz ist stark. Santiano zum Beispiel haben fast eine Millionen Platten verkauft, The Baseballs sind international schon erfolgreich und haben mehrere goldenen Schallplatten, Ozeana hat vor zwei Jahren einen großen Hit gehabt und seit Lena wissen wir ja, dass ein Newcomer an allen vorbeiziehen kann.

Du gehst als Top-Favorit ins Rennen. Setzt dich das unter Druck? Oh Gott, ich weiß und finde das ganz schlimm. Aber der Druck ist schon da. Ich will das aber gar nicht fühlen, denn für den Favoriten ruft entweder keiner an, weil sie alle sagen, der gewinnt ja eh oder die Leute rufen extra für einen anderen an, weil sie dich doof finden, weil du so bekannt bist.

Du hast deine Fans abstimmen lassen, ob du am deutschen Vorentscheid zum ESC teilnehmen sollst. Wie kam es dazu? Ich habe das Bauchgefühl gehabt, dass ich das gerne machen will. Da ich aber wusste, dass ich das nicht alleine schaffen kann und dafür Menschen brauche, die diesen Weg mit mir gehen, habe ich meine Fans entscheiden lassen. Ich wollte aber auch wissen, ob sie dahinter stehen, dass ich in Deutsch singen würde. Ich selber dachte immer, bei so einem internationalen Contest ist es besser, auf Englisch zu singen. Dabei ist das ja nicht Sinn der Sache. Denn wenn du dich da vorstellst und dein Land präsentierst, ist die eigene Sprache doch ganz wichtig. Letztlich haben 34.000 für 'Ja‘ gestimmt und nur 2.000 für 'Nein‘.

Hat dich dieses klare Votum überrascht? Nein, überhaupt nicht. Ich habe mit 50:50 gerechnet. Es ist ja so, dass ich noch immer sehr viele Fans aus der Gothic-Szene habe, denn die ersten drei Reihen bei unseren Konzerten sind meistens schwarz. Und ich war mir sicher, dass die das auf jeden Fall doof finden würden. Denn ESC ist Kommerz und eine recht bunte Veranstaltung, aber sogar die haben mit 'Ja‘ gestimmt.

Unheilig im Interview Der Graf: "Meine Maske ist gefallen"

"Nur weil einer ein buntes T-Shirt trägt, ist er nicht weniger wert"

Viele aus der Gothic-Szene werfen dir mittlerweile aber auch vor, dass deine Musik immer mehr in die Schlager-Richtung geht und du in „Mainstream“-Fernsehshows auftrittst. Schließlich kommst du ursprünglich aus der so genannten Schwarzen Szene ... Du machst in erster Linie doch Musik, damit du den Zugang zu den Menschen findest. Am meisten enttäuscht hat mich aber, dass man Menschen plötzlich danach beurteilt, was sie tragen, wo sie herkommen und aus welcher Szene sie sind. Nur weil einer ein buntes T-Shirt trägt und damit zum Unheilig-Konzert kommt, ist der doch nicht plötzlich weniger wert. Oder wenn ich jetzt bei Carmen Nebel auftrete, sind da doch keine Menschen, die weniger wert sind, als wenn ich in Wacken auftrete. Ich darf doch Kunst nicht eingrenzen oder einer Regel unterwerfen. Gerade wir in Deutschland sollten uns dessen doch bewusst sein … Das hat mich wirklich sehr getroffen.

Du bist am Anfang deiner Karriere immer mit weißen Kontaktlinsen, schwarzen Fingernägeln und langer Kutte aufgetreten: Wie kam es zu diesem Look? Ich bin von Kind an Stotterer und letztes Jahr hab ich irgendwo gelesen, dass Menschen, die stottern, im Schauspiel nicht mehr stottern oder in der Verkleidung zumindest weniger stottern und sich dadurch sicherer fühlen. Und wenn ich mir heute die alten Bilder von mir anschaue, verstehe ich auch, warum ich mich damals so verkleidet habe. Ich habe mich einfach nicht getraut in die Öffentlichkeit zu gehen, so wie ich bin. Ich wollte mein Sprachproblem dadurch verstecken. Ich habe früher sehr viel intuitiv getan, ohne zu wissen, warum und ich finde es total schön, dass mir das letztes Jahr endlich so bewusst geworden ist.

Und heute ist die Verkleidung nicht mehr nötig … Ganz genau. Im Laufe der Jahre ist die Maske gefallen. Wenn du so viel Applaus und Zuspruch von den Menschen bekommst, wirst du mutiger. So dachte ich mir irgendwann zum Beispiel auch ‚Ey, du könntest doch auch mal lachen auf dem Foto‘. Uns gibt es seit 1999 und ich habe 2007 das erste Mal auf einem Foto gelacht. Das musst du dir mal vorstellen … Ein anderer Auslöser war das Lied ‚An deiner Seite‘, das ich 2008 für meinen verstorbenen, besten Freund geschrieben habe. Und da kam so eine herzliche Emotion, die gar nicht mehr zu dieser Maske passte. Und von da an wusste ich, ich möchte das gerne ändern. Lass die Kontaktlinsen raus, zeig dich den Menschen, steh zu deiner Schwäche und kämpf dagegen an. Und jeder, der sich wünscht, dass ich wieder so bin wie früher, der wünscht sich, dass ich still bin und nicht mehr rede.

Bildquelle: Imago Entertainment
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