Udo Lindenberg feiert 70. Geburtstag: Sieben Fakten über den Panik-Rocker

Udo Lindenberg: Sieben Dinge über den besten deutschen Rocker
Udo Lindenberg ist jetzt Ehrenbürger seiner Heimatstadt Gronau - trotz düsterer Kindheitserinnerungen © Tine Acke/Warner Music

Die Nachtigall ist ein unscheinbarer, kleiner Vogel. Doch ihr Gesang ist das schönste Geräusch, das die Natur hervorzubringen mag. Bei Udo Lindenberg ist es eher umgekehrt. Seine optische Erscheinung ist unverwechselbar, doch sein Gesang - nun ja, Schwamm drüber. Dass er sich selbst seit über 40 Jahren "Paniknachtigall" nennt, ist mehr als nur eine Laune der Natur. Udo ist Kult - am Dienstag wurde er 70 Jahre alt.

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Udo Lindenberg ist 70 geworden

Wirklich 70? Man mag es kaum glauben! Das sah vor zehn Jahren noch ganz anders aus, als er - scheinbar unrettbar - an der Flasche hing. Aber keine Panik: Er hat sich beim Schopf gepackt und hochgezogen. "Ich kann es selber kaum glauben, denn ich habe meinen Körper wie einen Hund hinter mir her geschleift. Jetzt sind wir eins... Ich bin so schlank wie 1973, als ich anfing als Paniknachtigall. Die Klamotten aus der Asservatenkammer passen heute wieder."

Er ist also wieder der Alte, das heißt er ist besser drauf denn je. Die Stimme hat wieder ihre Nuschelwucht, sein Gang ist locker und elegant schleppend, das Haupthaar wallt ihm auf die Schulter, und was weiter oben wächst, weiß niemand so genau, denn da sitzt seit Jahrzehnten sein Schlapphut.

Sein Gesicht ist kantiger geworden, der Blick klar und nicht mehr so verschleiert wie früher, als auf das eine oder andere "Konjäkchen" das nächste folgte. Er fühle sich "zeitlos", sagt er. Und so sieht er auch aus.

Wollte man sein facettenreiches Leben in Abschnitte einteilen, käme man locker auf sieben Kapitel.

 

Udo und die Musik

 

Sie ist der Motor in seinem Leben. Und seine Allzweckwaffe. Bereits als Kind zeigte er ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl und trommelte auf Benzinfässern herum. Er wurde einer der besten deutschen Jazzschlagzeuger und spielte in Bands wie The City Preachers, Free Orbit (mit Peter Herbolzheimer), Emergency, Niagara und in Klaus Doldingers legendärer Jazzrock-Formation Passport, mit der er die Titelmelodie für den "Tatort" einspielte.

Seine eigentliche Solokarriere begann Anfang der 1970er-Jahre mit seinem Panikorchester, für das er zunächst keinen Sänger fand. Das war sein Glück, denn nun musste er selber ran. Das erste Album "Andrea Doria" wurde ein Erfolg - und Udo ein Star.

Mittlerweile hat er 35 Alben produziert, sein vorletztes "Stark wie zwei" erreichte erstmals Platz 1 der deutschen Charts. Seit dem 29. April ist sein jüngstes Album "Stärker als die Zeit" im Handel. Und nächste Woche beginnt am 24. Mai seine "Keine Panik! Tour 2016" mit einem Konzert in der Münchner Olympiahalle.

 

Udo und die Kunst

 

Udo Lindenberg ist beileibe nicht nur ein Unterhaltungsmusiker. Seine Texte sind treffend und originell. "Bild" sagte er: "Ich schnapp mir Leute, die ich so treffe in der Smokers Lounge im Hotel oder dem Imbiss an der Ecke. Rede mit ihnen über die Texte, schaue, ob die das schnallen. Das soll ja breitensportmäßig rüberkommen, die Welt ist schon verschlüsselt genug, da müssen die Texte klar sein."

Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, einer der engsten Freunde, hält ihn für den "größten deutschen Nachkriegslyriker" - ein Lob, das durch etliche literarische Auszeichnungen bestätigt wird. 2007 bekam Lindenberg die Carl Zuckmayer-Medaille, 2010 den Jacob Grimm-Preis.

Darüber hinaus hat sich Udo Lindenberg - übrigens auch der Autor des Musicals "Hinterm Horizont", das bis heute im Berliner Theater am Potsdamer Platz über zwei Millionen Menschen gesehen haben - erfolgreich als Kunstmaler betätigt. Sein Bilderzyklus "Die 10 Gebote" wurde in der Hamburger St.-Jacobi-Kirche ausgestellt. Andere Arbeiten des "Strichers aus St. Pauli", wie er sich selbst bezeichnet, befinden sich im Bundeskanzleramt sowie dem Bonner Haus der Geschichte.

Seinen Stil, eine Mischung aus Cartoon und Karikatur, hat er sich patentieren lassen. In die Farben lässt er etwas Alkohol einfließen, die Werke nennt er dann "Likörelle". "Es malt durch mich hindurch. Ich sitze vorm weißen Papier, beobachte und staune, was da entsteht - 'ne Menge kesse Jokerei und Visionen für morgen. Die Malerei muss die Leute nach vorne begleiten, wie ein guter Song... Bilder sollen Spaß machen, bis der Hut wegfliegt. Darauf einen Eierlikör - schnell wird daraus ein Likörell."

Auch Udos älterer Bruder Erich Lindenberg (1938-2006) war Kunstmaler und unterrichtete zeitweise an der Akademie der Bildenden Künste in München als Dozent. Die Brüder haben 70 Bilder gemeinsam geschaffen. 2006 eröffneten sie in Cottbus die Ausstellung "Die ungleichen Brüder".

 

Udo und die Politik

 

Lindenberg hat sich schon früh zur Sozialdemokratie bekannt. Die Nähe zur SPD demonstrierte er mit einem Auftritt bei einer Geburtstagsfeier des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Berühmt wurde seine musikalische Forderung "Sonderzug nach Pankow", als er sich von der DDR-Führung einen Auftritt in Ostberlin wünschte. Tatsächlich durfte er nach langen Diskussionen im Politbüro im Oktober 1983 ganze 15 Minuten lang im Palast der Republik spielen - unter Aufsicht zahlreicher Stasi-Agenten.

Als 1987 der damalige DDR-Staatsratsvorsitzender Erich Honecker die Bundesrepublik besuchte, schenkte ihm Lindenberg eine Lederjacke und eine Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren", im Gegenzug erhielt er von Honecker eine Schalmei. Für seine Bemühungen um die Verständigung zwischen Ost und West wurde er 1989 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Lindenberg engagiert sich heute für die Afrikahilfe und Projekte gegen Neonazismus, 2000 gründete er "Rock gegen rechte Gewalt". Seine Udo-Lindenberg-Stiftung ist kulturpolitisch tätig, fördert Nachwuchsbands mit deutschen Texten durch Wettbewerbe und richtet das Hermann-Hesse-Festival aus.

 

Udo und die Frauen

 

Er hat oft und intensiv über die Liebe gesungen, doch wem diese Songs gewidmet waren, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Immerhin hat er erzählt, dass er Ende der 1970er-Jahre scharf auf Romy Haag war. Die hatte einen Nachtclub in Berlin und war mit David Bowie zusammen. Eigentlich hieß die Travestiekünstlerin Eduard Frans Verbaarschott, und Lindenberg sagte über das angebliche Dreiecksverhältnis der "Bild am Sonntag": "Darüber schweigt der Gentleman. David Bowie und ich, sagen wir so, trafen ein freundschaftliches Arrangement."

In den 1980er-Jahren hatte er eine Affäre mit dem Popstar Nena. Auch das hielt er geheim. Später haben die beiden der Presse erzählt, dass ihre Liebe ein "Riesenspaß" gewesen sei. Nena: "Ich habe mich immer wieder verkleidet, wenn ich mit Udo unterwegs war. Mal als Haremsdame, mal habe ich mich im Kofferraum versteckt." Nach einem Jahr war wieder Schluss.

Geheimnisumwittert war auch Lindenbergs Verhältnis zu seiner Privatsekretärin und Wegbegleiterin Gabi Blitz, die 1986 mit 33 an einem Cocktail aus Alkohol und Drogen starb. Er widmete ihr die Ballade "Hinterm Horizont". Da heißt es: "Du und ich/das war einfach unschlagbar/ein Paar wie Blitz und Donner/zwei wie wir/die können sich nie verlier'n".

Der Song vom "Mädchen aus Ostberlin" (1973) soll ebenfalls einen realen Hintergrund haben. Mit dieser Frau habe Lindenberg sogar einen unehelichen Sohn. "Er ist ein Twen, in den 20ern", hat er vor Jahren "Bunte" gesagt.

Seit fast 20 Jahren ist er mit der Fotografin Tine Acke (39) liiert. Sie gilt als seine engste Beraterin. Udo Lindenberg in einem Interview mit dem "Berliner Kurier": "Es sind schon Hits entstanden, weil sie Songs von mir aus dem Papierkorb geholt hat. Das war bei 'Ich mach mein Ding' so. Sie hat eine Hit-Nase, ist eine tolle Geheimrätin."

 

Udo und der Alkohol

 

Er hat ihn fast während der gesamten Karriere begleitet. Mit 13 hatte er seinen ersten Vollrausch. Nach seinem einjährigen Musikerintermezzo auf einem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt in Libyen (1963/64) musste er als 17-Jähriger in seiner Heimatstadt Gronau (Westfalen) in therapeutische Behandlung. Die Zeit bei der Bundeswehr - Kanonier bei einer Raketenartillerie-Einheit in Wesel - machte es auch nicht besser. Im Nachhinein sagt Udo: "Ich hatte nur noch Restblut im Alkohol."

1989 erlitt er einen Herzinfarkt, doch er trank weiter. Mit 50 war er Alkoholiker, mit 55 lieferte man ihn mit 4,7 Promille ins Krankenhaus ein. Doch erst als 2006 sein Bruder, der Kunstmaler Erich Lindenberg, mit 67 starb, besann sich der Rocker. Kein Alkohol mehr. Ich wollte im Dienste des Rock'n'Roll wieder auf die großen Bühnen: 300 Meter Catwalk für die Laufkatze. Hab mich entgiftet!"

 

Udo und die Kohle

 

Udo Lindenberg besitzt kein Schloss und keine Yacht. Der ehemalige Kellnerlehrling im Breidenbacher Hof in Düsseldorf, das erste Haus am Platz, wohnt seit Jahrzehnten im Atlantik-Hotel in Hamburg. Seit 2012 hat er ein Apartment am Potsdamer Platz in Berlin. Er leistet sich einen schwarzen Porsche 911 Turbo und gute kubanische Zigarren. Sein Privatvermögen wird vom Portal vermoegen.org auf 30 Millionen Euro geschätzt.

 

Udo und der Tod

 

Er hat miterlebt, wie haarscharf es manchmal war: "Was habe ich meinem Body alles angetan. Aber genau so musste es eben sein. Ging nicht anders. Die Stimme ist erst jetzt voll ausgereift dank Drinks und Zigarren. Wenn es wirklich mal eng wurde, hat mich eine geheime Kraft in letzter Sekunde aus der Gefahrenzone gezogen."

Eine Begegnung besingt er in seinen neuen Album: "Ich sitze an der Bar, mit nem Drink und ner Cigar, da schleicht herein der Sensenmann, macht mich blöde von der Seite an." Jetzt doch noch nicht, Gevatter, nuschelt Udo lässig. "Nee, geh lieber noch mal um die Häuser, einen saufen. Und komm in 30 Jahren wieder." Dann könne man drüber reden. Schließlich hat der Herr Lindenberg den eigenen Nachruf längst geschrieben und vertont: "Wenn die Nachtigall verstimmt, geht ganz Deutschland schwer vermummt, um zu trauern, um zu weinen, in schwarzen Tüchern und Leinen."

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