Trümmer: Irgendwo im Dazwischen

Trümmer
Trümmer setzen mehr auf Emotionalität. Foto: Alexandra Kinga Fekete/checkyourhead © DPA

Als ihr erstes Album erschien, lobten Kritiker die Hamburger Gruppe Trümmer als Band mit Haltung. Die CD wurde als "wohl zärtlichste Protestplatte des Jahres" (Deutschlandfunk) bezeichnet.

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Auf "Interzone" sprechen die vier Mittzwanziger jetzt nicht mehr von Wut auf Gentrifizierung, Revolte und Aufruhr. Es geht um Rausch, Eskalation und Kontrollverlust - untermalt von einer Mischung aus Pop, Rock und ein bisschen Disco.

Inhaltlich spielt "Interzone" in der Nacht - ein Konzeptalbum ist es deshalb noch lange nicht, stellt Sänger Paul Pötsch klar. "Die Songs spielen alle in der Nacht, das war aber keine bewusste Entscheidung von uns", sagt der 26-Jährige. Schon vor ihrem ersten Album "Trümmer" (2014) spielte die Band auf Festivals wie Dockville und Melt und eine eigene Tour. Danach ging es ähnlich weiter, es folgte sogar die Oper "Vincent". "Wir als Band oder auch als Privatpersonen fanden einfach übermäßig in der Nacht statt in den letzten zwei Jahren", sagt Pötsch. Und doch schließe das zweite Album direkt an das Debüt an. "Nur, dass die Sprache dafür eine andere ist und die Räume, in denen sie verhandelt wird, viel größer sind."

Aber was zeugt in Zeilen wie "Ich kann's nicht glauben, du bist seit Tagen wach" ("Nytroglycerin"), "Gin Tonic & Wodka Soda haben uns um den Verstand gebracht" ("Gin Tonic & Wodka Soda") oder "Die letzten 12 Stunden sind ein Flickenteppich" ("Glitzern der Nacht") noch von der Rebellion, die auf der ersten Platte mit Zeilen wie "Und ich weiß nicht mehr wohin, und ich weiß nicht mehr woran, doch ich starte die Revolte, und ich setz' das Land in Brand" zum Ausdruck kam?

"Es geht ja immer noch um Unmöglichkeiten, um Utopien, um das Verwerfen von althergebrachten Strukturen und das Ausliefern an das Unbekannte", sagt Pötsch. "Es gibt in dieser Gesellschaft einen krassen Sicherheitswahn und einen totalen Kontrollwahn. All das finden wir und finde ich nicht so erstrebenswert. Sondern wir gucken: Wie kann man anders leben?" Dem stets an die Karriere denken und wissen, was man im Leben will, könne man die Interzone entgegen setzen, das Dazwischen: "Zwischen Tag und Nacht, zwischen wach und Schlaf, zwischen bewusst und unbewusst. Zwischen zwei Dingen sein."

So unscharf diese "Interzone" ist, so wenig kommt man Pötsch auch auf die Spur, was er eigentlich mit Textpassagen wie "Es ist mal wieder nichts klar, außer dass wieder nichts klar ist" ("Wir explodieren") sagen will. "Das kann Zehntausend Sachen bedeuten. Jeder liest da irgendwas anderes rein - sowas finde ich viel spannender, als Leute permanent mit meinen eigenen Ansichten zu konfrontieren." Klar wird, worum es in "Europa Mega Monster Rave" geht: "Das ist unser Kommentar zur sogenannten Flüchtlingskrise", sagt Pötsch. Darin sei Europa nicht, zu dem es langsam werde, nämlich einem Rad an Nationalstaaten, die sich auf sich selbst beziehen. Sondern: "Europa feiert 'ne Party, jeder ist eingeladen."

Zwischen den Dingen ist die Platte auch musikalisch: Ist "Nitroglycerin" mit "Uh uh"-Passagen ein Disco-Pop-Song, ist "Dandies im Nebel" mit soften Gitarrenriffs schon eher eine Mischung aus Indie und Pop, in "5.30" steckt Rock'n'Roll, in "Glitzern der Nacht" klingt Blues an.

Nach ihrem Debüt wurden Trümmer oft mit der Hamburger Schule und somit mit Bands wie Blumfeld in Verbindung gebracht. "Was definitiv nicht das ist, was ich möchte", sagt Pötsch. Statt zum Erneuerer eines "untergegangenen Genres" ernannt zu werden, wolle er mit der Band etwas Neues machen. Die elf neuen Songs seien viel lustvoller als die Vorgänger, weniger intellektuell, sondern emotional. Schreiben ohne nachdenken habe Pötsch beim Texten geleitet, der musikalische Prozess sei ebenfalls "intuitiv" gewesen. "Und ich habe das Gefühl, dass wir jetzt bei unserem Sound angekommen sind."


dpa
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