'Trance - Gefährliche Erinnerung': Hier ist nichts so, wie es scheint - Filmkritik

Filmkritik Trance Danny Boyle James McAvoy Vincent Cassel Rosario Dawson
Kunstauktionator Simon (James McAvoy, rechts) steht unter Zugzwang.

4,5 von 5 Punkten

Eigentlich ein ganz klarer Fall: Ein spektakulärer Kunstraub entwickelt sich zum Fiasko, und das Objekt der Begierde ist nicht mehr auffindbar. Doch in dem von vielen mit Spannung erwarteten neuen Film von Kultregisseur Danny Boyle ist nichts so, wie es scheint. Sehr schnell verlieren nicht nur Stars wie James McAvoy, Rosario Dawson und Vincent Cassel die Orientierung in diesem mit überraschenden Wendungen gespickten Thriller, auch der Zuschauer muss aufpassen, dass er sich in diesem Strudel aus Verrat, Obsessionen und Intrigen nicht vollends verliert.

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Doch auch wenn Boyle, der spätestens mit seinen beiden letzten Filmen 'Slumdog Millionär' und '127 Hours' zum Kassen- und Kritikerliebling avancierte, in seinem neuen Werk seine Zuschauer gerne an der Nase herumführt – man lässt es sich nur zu gerne gefallen. Ganz im Stil des legendären Altmeisters Alfred Hitchcock entführt er uns in die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche und erzählt seinen kunstvoll umgesetzten Thriller, der mit traumhaft schönen Bildern aufwartet, mit einer ordentlichen Portion Spannung und viel trockenem, britischen Humor.

Dabei sieht die Story zunächst so aus, als werde nach altbekanntem Muster ein raffiniert eingefädelter Kunstraub durchgeführt. Kunstauktionator Simon (James McAvoy, 'X Men: Erste Entscheidung', 'Abbitte') hat sich mit einer Bande von Kriminellen verbündet, um ein millionenschweres Goya-Gemälde zu stehlen. Leider läuft bei der Aktion nicht alles wie geplant: Simon wird schwer am Kopf verletzt, nachdem er in letzter Sekunde das Gemälde verstecken konnte. Dumm nur, dass er sich nach dem Aufwachen partout nicht mehr daran erinnern kann, wo. Oder täuscht er die Amnesie etwa nur vor, um die Beute für sich einzuheimsen?

Der Zuschauer wird grandios an der Nase herumgeführt

Filmkritik Trance Danny Boyle James McAvoy Vincent Cassel Rosario Dawson
Welche Interessen verfolgt die attraktive Hypnose-Therapeutin Elizabeth (Rosario Dawson)?

Genau das will der Chef der Bande, Franck (furchteinflößend aber dennoch sexy: Vincent Cassel, 'Black Swan'), herausfinden. Klar, zunächst mit ziemlich brutalen 'Verhörmethoden', bei denen dem Armen der ein oder andere Fingernagel ausgerissen wird – definitiv nichts für zartbesaitete Gemüter. Aber auch die brutale Folter kann dem verzweifelten Simon nicht entlocken, wo der kostbare Goya versteckt ist. Also heuert Franck die zunächst ahnungslose Psychologin Elizabeth (Rosario Dawson, 'Sin City') an, die das Gedächtnis des geschundenen Simon mit Hilfe einer Hypnose-Therapie wieder auffrischen soll. Allerdings verfolgt auch sie ganz eigene Interessen, je mehr sie das Spiel durchschaut.

Wer jetzt noch glaubt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Rätsel um das verschwundene Gemälde gelöst ist, der hat die Rechnung ohne den raffinierten Boyle gemacht. Keine Frage, die Fans ausgeklügelter Katz-und-Maus-Spiele werden an 'Trance' ihre helle Freude haben, auch wenn es nicht immer leicht ist, der mitunter etwas verworrenen Handlung zu folgen. Dennoch ist es grandios, wie das Hauptdarsteller-Trio, allen voran die umwerfende Rosario Dawson, den Zuschauer mit spürbarer Lust an der Nase herumführt. Bis zum packenden Finale ist es völlig unklar, welches Spiel vor allem die hochintelligente Therapeutin Elizabeth treibt.

Den dazu passenden visuellen Rahmen liefert Boyles langjähriger Kameramann Anthony Dod Mantle, der mit seinen komplex aufgebauten, oft neonfarben dominierten Bildern inmitten eines futuristisch-kühl anmutenden Interieurs der perfiden Doppelbödigkeit der Geschichte einen formvollendeten, hyper-ästhetischen Rahmen gibt. Und ganz nebenbei dafür sorgt, dass man sich in diesem durchtriebenen Thriller nicht vollends verliert – obwohl man bei den Bildern selbst fast in 'Trance' geraten könnte.

Von Norbert Dickten

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