Todtraurig und traumschön: "Control"

Todtraurig und traumschön: "Control"

Von Mireilla Zirpins

Wer auch nur jemals etwas von der Band „Joy Division“ gehört hat, erwartet bei einem Biopic über das Leben von Frontmann Ian Curtis keinen fröhlichen Film. Mit gerade einmal 23 Jahren erhängte sich der britische Musiker 1980 am Vorabend der ersten US-Tournee seiner Band in seiner Küche. Wenn man das weiß, läuft es einem kalt den Rücken hinunter, wenn die Kamera zum ersten Mal scheinbar beiläufig das Wäschereck in Curtis’ beengend kleiner Küche streift. Hier wird er früher oder später hängen, doch bis dahin lässt sich Anton Corbijn in seiner 125-minütigen Filmvita „Control“ eine Menge Zeit für sein sensibles Porträt eines empfindsamen Musikers.

In bedrückenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigt der holländische Starfotograf, der sich vor allem mit seinen Musikerporträts einen Namen machte, wie Ian Curtis und sein Bruder ziellos durch die Plattenbausiedlungen der Arbeiterkleinstadt Macclesfield bei Manchester streifen. Von den Nachwehen der sexuellen Revolution ist hier 1973 nichts zu spüren. Wenn der große Bruder mit seiner Freundin zwischen Häkelkissen auf dem Bett fummeln will, stört der 17-jährige Ian im gemeinsamen Kinderzimmer. Stoisch rauchend sitzt er daneben und träumt von einer Karriere als Poet.

Kein Wunder, dass er bald das Mädchen seines Bruders zum Bowie-Konzert ausführt und dann auch gleich heiratet. Da ist Ian Curtis gerade mal 19 Jahre alt. Statt literarischer Lorbeeren wartet nur ein Sesselfurzer-Job im Arbeitsamt auf ihn. Gerade er soll anderen Menschen helfen, wo er doch selbst nicht weiß, wohin mit sich? Wo ihn die Ehe mit Debbie (Samantha Morton) jetzt schon zu erdrücken droht? So richtig ausleben kann er sich nur in seiner Garagenband „Warsaw“, die sich rasch in „Joy Division“ umbenennt.

Mit nacktem Oberkörper probt der Bewegungslegastheniker vor dem Spiegel seine ersten Tanzschritte und schreibt fast mystisch anmutende Texte für die Songs seiner Postpunk-Combo. Und die sind nicht nur traurig, weil die vier Jungs eine Verzweiflung erleben, wie Jugendliche sie heute gar nicht mehr kennen – erdrückt vom Pief der Elterngeneration, von der eigenen Kleinbürgerlichkeit, ohne Hoffnung auf Arbeit in den unwirtlichen Zeiten des Kalten Kriegs.

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Todtraurig und traumschön: "Control"

Seine Lieder sind auch trübselig, weil der Frontmann an seiner Epilepsie und an der Unmöglichkeit der Liebe zerbricht – und sich davor in die Arme einer anderen flüchtet. Wer diesen Film gesehen hat, weiß, warum dieser junge Mann keine fröhlichen Liedchen trällerte.

„Ian, you are so depressing“, sagt das belgische Groupie Annik, das sich als Fanzine-Autorin ausgibt, ganz fasziniert und schmachtet den schmalen Sänger durch ihre Ponyfransen harmlos an. Alexandra Maria Lara, die Hauptdarsteller Sam Riley bei den Dreharbeiten auch privat näher kam, spielt die liebeswillige junge Frau, die Ian Curtis fortan nicht mehr von der Seite weicht, obwohl Debbie ein Kind von ihm erwartet. Curtis kann sich nicht entscheiden – so entsteht sein bekanntester Song „Love will tear us apart – again.“

Hartgesottenen Curtis-Fans wird es vermutlich nicht schmecken, dass der Regisseur - wie in der Buchvorlage von Curtis’ Witwe Deborah - die Dreiecksgeschichte ins Zentrum rückt und den Aufstieg und plötzlichen Erfolg der Band nicht so sehr als Grund für Curtis Selbstauslöschung heranzieht. Das ist nachvollziehbar, zumal Alexandra Maria Laras Part eher flach ausfällt und sie vor allem hübsch ausschauen darf. Samantha Morton als tief verletzte Betrogene spielt sie in jeder Hinsicht an die Wand. Vor allem aber Hauptdarsteller Sam Riley, der zuvor nie vor einer Kamera stand, überrascht durch sein kantiges und dünnhäutiges Spiel.

Todtraurig und traumschön: "Control"

Was in dem verschlossenen Typen wirklich vorgeht, maßen sich Corbijn und Riley glücklicherweise nicht an, in ihn hineinzuinterpretieren. Denn so bleibt Curtis so undurchdringlich wie seine Texte. Die interpretiert Riley, der privat auch in einer Band singt, übrigens selbst – begleitet von seinen Leinwandkollegen, die ihre Instrumente alle ebenfalls selbst bedienen, und zwar äußerst respektabel.

Dass Corbijn sein Spielfilmdebüt mit diesem Sujet gibt, ist kein Zufall. Mit 24 Jahren zog er von Holland nach England, um dort die gleiche Luft zu atmen wie die jungen Bands, die er so bewunderte, Bands wie „Joy Division“. Hier lernte er auch Ian Curtis kennen: „Er lebte in ärmlichen Verhältnissen und rauchte unglaublich viel“, erinnert sich Corbijn. Ein Jahr später darf er beim Videodreh zu „Love Will Tear Us Apart“ Backstage-Fotos machen. Vier Wochen später ist Curtis tot. „Damals sahen viele Bands abgerissen und mager aus. Beim Casting hat Sam Riley mich unglaublich an den jungen Ian Curtis erinnert“, erzählt der Regisseur.

Trotz der persönlichen Nähe begeht Corbijn jedoch nicht den Fehler vieler Hollywood-Biographen, ihre Hauptfigur mythisch zu überhöhen oder ihr Leben wie eine Nummernrevue abzufeiern. Sein Ian Curtis ist im Grunde ein unschuldiger Junge von nebenan, bei dem einfach zunehmend die Sicherung durchbrennt und der durch seinen frühen Tod zur Ikone wird. Ein Typ, dem die simpelsten Dinge im Leben zu viel wurden und dessen manchmal unerklärliche Traurigkeit einem schlicht die Schuhe auszieht. Corbijn dämpft die Emotionalität der Geschichte durch seine traumschönen s/w-Bilder, bei denen jede Einstellung wie eins seiner Fotos aussieht – schlicht und doch voller Tiefe wie ein Song von „Joy Division“.

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