Tim Burtons 'Dark Shadows' - Filmkritik

Johnny Depp in 'Dark Shadows'
Johnny Depp als Vampir Barnabas © dpa, Warner Bros. GmbH

4 von 5 Punkten

Ausgerechnet Tim Burton, in dessen Filmen die fleischlichen Lüste seiner Protagonisten nie besonders explizit zelebriert wurden, wartet in ‚Dark Shadows‘ mit der wohl wildesten Sexszene des Jahres auf – zwischen Johnny Depp als blutarmem Vampir und Eva Green als blonder Femme Fatale. So wild, dass sofort Gerüchte aufflammten, Eva Green habe Johnny Depp und Vanessa Paradis auseinandergebracht. Was ist los mit Burton, der zuletzt quietschbunte Kinderbuchadaptionen wie ‚Charlie und die Schokoladenfabrik‘ und ‚Alice im Wunderland‘ gedreht hatte?

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Burton kehrt zu seinen Wurzeln zurück und mixt düstere Settings wie in ‚Sleepy Hollow‘ mit einer grellbunten Satire auf das Wohlstandsbürgertum der USA wie in ‚Edward mit den Scherenhänden‘. 1776 stößt der junge Barnabas Collins (Hauptrollen-Abonnent und Burtons Lieblingsschauspieler Johnny Depp), Spross eines Fischereigroßunternehmers, die wollüstige Magd Angelique (Eva Green, da noch brünett) von der Bettkante und schmachtet lieber die ätherische Josette (Bella Heathcote) an. Die Verschmähte rächt sich mit ihren Hexenkünsten, lässt Josette von der Klippe springen, verwandelt Barnabas in einen Vampir und verscharrt diesen lebendig. Was für ein furioser und bildgewaltiger Auftakt, was für tiefe Gefühle, die Burton mit wenigen Szenen aufwühlt! Und dann was für ein Schnitt – von den entsättigten Farben des 18. Jahrhunderts in die poppige Welt des Jahres 1972, in der es für den Collins-Clan nichts und für den Zuschauer jede Menge zu lachen gibt.

Johnny Depp und Michelle Pfeiffer
Johnny Depp (l.) mit Michelle Pfeiffer © dpa, Warner Bros. GmbH

Da treibt Angelique, jung und schön wie eh und je, aber nun blond und im roten Sportwagen unterwegs, fast 200 Jahre später immer noch ihr Unwesen. Ihre Fischfabrik ist viel schicker als die der Familie Collins, die nur noch aus der verarmten Matriarchin Elizabeth (Michelle Pfeiffer) samt schwer pubertierender Tochter Carolyn (Chloë Grace Moretz) besteht – und aus Liz‘ kleptomanischem Bruder Roger (Johnny Lee Miller) und ihrem verstörten Neffen David (Gulliver McGrath). Da buddeln Bauarbeiter versehentlich Barnabas‘ Sarg aus. Der Vampir muss nicht nur seinen Durst stillen, er kommt auch nicht auf die technischen Errungenschaften der Neuzeit klar – ebenso wenig wie auf die kurzen Röcke, die zu seiner Zeit nicht mal Dirnen getragen hätten. Aber die neue Gouvernante Vicky (ebenfalls Bella Heathcote), die seiner Josette ähnlich sieht und irgendwie auch von gestern zu sein scheint, erregt seine Aufmerksamkeit. Doch da steht schon wieder das blonde Gift Angelique auf der Matte und erklärt Barnabas abermals den Krieg…

Mit ungewohnt viel Humor hält Burton den Zuschauer bei der Stange. Seine Collins samt Dienstboten (Jackie Earle Haley als versoffener Butler und Burton-Gefährtin Helena Bonham Carter, für die seit 'Planet der Affen' auch immer eine Rolle drin ist, als Psychiaterin im Jugendwahn) sind mindestens so schräg wie die Addams-Family. Johnny Depp, der in den letzten Burton-Streifen ordentlich über die Stränge schlug, hält sich diesmal mit seinen Manierismen erstaunlich zurück und überlässt den allesamt grandios aufspielenden Damen die Schau – selbst in der Szene, in der Barnabas schwach wird und sich noch einmal Angeliques Geschlechtstrieb unterwirft. Mehr Mobiliar wurde beim Beischlaf selten zertrümmert – auch nicht von Robert Pattinson in ‚Breaking Dawn‘.

Schade, dass Burton dieses Feuerwerk an Ideen nicht durchhalten kann. Auf halber Strecke geht ihm die Luft aus, verliert sich die wunderbare Feindschaft zwischen dem Vampir und seiner Hexe immer mehr in einen überdrehten Kleinkrieg, dessen effektgeladene letzte Schlacht zu lange auf sich warten lässt. Aber das Cineastenherz wird mit einem dramatischen Finale versöhnt, das auch Fans der ‚Twilight‘-Saga überzeugen würde.

Von Mireilla Zirpins

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