Thomas Tuchel: Zwischen Hobbyfußball und Pizza-Verbot

Thomas Tuchel: Zwischen Hobbyfußball und Pizza-Verbot
Die Familie ist dabei: Thomas Tuchel zum Saisonende 2014/15 mit den Töchtern Emma und Kim © ddp images

Große Aufgabe, große Fußstapfen: Ab Juli wird Thomas Tuchel (41) den unverwechselbaren Jürgen Klopp als Trainer bei Borussia Dortmund beerben. Das ist auch für einen langjährigen (Mainzer) Bundesligatrainer ein echter Quantensprung. Denn so viel Fußball-Oper wie im Westfalenstadion zu Dortmund ist anderswo nur ganz selten. Erfolgreicher BVB-Trainer zu sein, das bedeutet: Eine Ikone in Fußball-Deutschland werden. Und ein Star auch für den Rest des Landes.

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Der neue BVB-Coach im Porträt

Fest steht damit schon jetzt: Tuchel, der bislang "nur" als einer der vielversprechendsten Trainer Deutschlands galt, wird spätestens ab dem 1. Juli ganz vorne im Bundesliga-Rampenlicht stehen - die Champions League dürfte ihm angesichts des aktuellen Dortmunder Tabellenstandes immerhin noch ein Jahr lang erspart bleiben. Und trotz großer Anforderungen und großer Aufmerksamkeit scheint noch gar nicht so ganz klar: Wer ist dieser Tuchel eigentlich als Mensch? Was darf Deutschland von seinem neuen Vereinstrainer Nummer zwei erwarten? Nach den interessanten Geschichten - vom früheren WG-Bewohner und dem Familienmenschen Tuchel - muss man ein wenig graben.


Genug Karneval zu Hause

Schließlich ist Tuchel - wie die meisten Vertreter der aktuellen Spieler- und Trainergeneration, wie auch Vorgänger Jürgen Klopp (47) - kein Showman. Er versuche, sein "Privatleben auch privat zu halten, es als Rückzugsmöglichkeit zu nutzen, dort aufzutanken", erklärte Tuchel Anfang 2010, kurz nach seinem Durchbruch als Bundesligatrainer beim FSV Mainz 05, dem "Main Echo". Ob das stets geklappt hat, scheint allerdings fraglich. "80 Prozent meiner Wachzeit verbringe ich mit Fußball", bekannte Tuchel dem Sender Sport 1 zufolge einst.


Offensichtlich scheint aber auch, dass Tuchel für die restlichen 20 Prozent der Zeit mit seiner Familie einen formidablen Rückzugsort hat. Mit Ehefrau Sissi ist er seit 2009 verheiratet. Die Töchter Emma und Kim sind mittlerweile fünf und vier Jahre alt. Und auch wenn Tuchel 2010 an seiner alten Wirkungsstätte noch meinte, er sei "großer Faschingsmuffel", weil er dank Emma "zu Hause genug Karneval" habe - mittlerweile dürfte etwas Ruhe im Hause eingekehrt sein.


"So etwas ist doch Wahnsinn"

Was ansonsten über den Menschen Tuchel an die Öffentlichkeit sickert - es zeigt das Bild eines bodenständigen aber auch distanzierten Profis. So lebte die Familie Tuchel zuletzt in Mainz im Häuschen mit Garten. Die Nachbarn am vorherigen Wohnort Wiesbaden hätten ihn "als Familienvater kennengelernt, der ihnen freundlich zunickt", wenn er mit seinen Lieben unterwegs ist, notierte die "Frankfurter Rundschau". Für einen neuen Job schnell in der Ferne in ein Hotel zu ziehen und die Familie zurückzulassen hält Tuchel für "Wahnsinn", wie er der Mainzer "Allgemeinen Zeitung" sagte. Und auch dicke Autos sind Tuchels Sache nicht. Vor einiger Zeit nannte er der "Sport-Bild" den alten Saab 900 als Traumwagen: "Das Auto passt zu mir, weil ich mich selbst nicht so wichtig nehme."


Die vielleicht nettesten Geschichten über Tuchel stammen aber aus den 00er-Jahren. Damals jobbte er nach seinem verletzungsbedingten Spieler-Aus beim Regionalligisten SSV Ulm in einer Stuttgarter Kneipe. "Der Job war das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe Anerkennung von Leuten gefunden, die gar nicht wussten, dass ich Fußball gespielt habe", erzählte Tuchel der Sport-Website "Spox". Getan hat er das übrigens, um sein Studium zu finanzieren: Anglistik und Sportwissenschaften studierte er neben dem Fußball - und schloss nicht ab. "Ich habe mich damals schon ein wenig verzettelt", bekannte Tuchel im "Main-Echo". Das BWL-Studium im Anschluss schaffte er.


"Er ist so ein netter Typ, wie alle sagen"

Und dann ist da noch die Geschichte aus München... Dort lebte Tuchel, als er Leiter des Nachwuchszentrums beim FC Augsburg war, in einer Schwabinger WG. Und ließ sich für die Hobbymannschaft des FC E-Garten 05 anwerben. Für die läuft er offenbar immer noch bisweilen auf, wie die Statistiken der "Royal Bavarian Liga" zeigen. Auch wenn es 2014 nur ein Einsatz war. Vor bald fünf Jahren erklärte sein Freizeitkick-Mitstreiter Christian Schirduan der "Süddeutschen Zeitung", Tuchel sei wirklich so ein netter Typ, wie alle sagen. Sehr entspannt nämlich. Und: "Er erkundigt sich immer, wie es bei uns läuft".


Einen Fehler sollte man aber nicht begehen: Den sympathischen Kumpeltypen als das alltägliche Erscheinungsbild Tuchels anzunehmen. Denn der 41-Jährige trennt nicht nur Privates und Öffentlichkeit - sondern gerne auch Privates und Beruf. Der Mainzer Manager Christian Heidel (51), ein langjähriger Weggefährte, sagte nach Tuchels Rücktritt zum Saisonende 2014/15: "Wir sind nicht die dicksten Freunde." Und Journalisten klagen schon einmal, Tuchel habe "nie so etwas wie Nestwärme spüren lassen". Der "Zeit" erklärte Tuchel trocken, weder das Lob der Fans, noch der Medien seien ihm wichtig.


Dass der Taktikfuchs und Rasenschach-Tüftler Tuchel auch im Job ungemütlich werden kann, zeigt exemplarisch ein Video, das im März so ein wenig halbviral durch die Medien geisterte. Da dient Tuchels Ansprache auf dem Platz schon mal eben als passende Verzierung für satten Metal. Und selbst im Urlaub ist für ihn nicht alles "dolce vita": Gerade sei er vier Wochen in Italien gewesen, sagte Tuchel der "Zeit" Ende März, angesprochen auf sein schlankes Äußeres. Vier Wochen im Süden, eine Grundregel: "Ohne Pasta, ohne Pizza."

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