Thomas Gottschalk: Was ist dran am Skandal um ARD-Millionen-Abfindung?

Thomas Gottschalk: Was ist dran am Skandal um ARD-Millionen-Abfindung?
Dieser Skandal ist nicht mehr aufzuhalten: Thomas Gottschalk bei seiner RTL-Show anlässlich seines 65. Geburtstag am 18. Mai. © ddp images

In der Debatte um Thomas Gottschalks (65) Millionen-Honorar wird es ernst: Aus der am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme des WDR geht hervor, dass man dem Star-Moderator im Jahr 2012 tatsächlich die volle Gage für seine Sendung "Gottschalk live" bezahlt hat, obwohl diese nach nur etwa vier Monaten abgesetzt wurde - allerdings stamme das Geld ausschließlich aus Werbeeinnahmen, so der Sender. Zahlen nennt der WDR selbst nicht, aber in einem vertraulichen Vorvertrag ist die Rede von insgesamt 5 Millionen Euro für Gottschalk. Dieses brisante Papier hatte die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) am vergangenen Pfingstwochenende veröffentlicht und eine Erklärung gefordert, warum man Gottschalk trotz Show-Flop und vorzeitigem Aus die volle Summe ausbezahlt hat. Was ist da vor drei Jahren in den Hinterzimmern der ARD passiert? Und was sagt Gottschalk dazu?

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Hintergründe zum Honorar-Eklat

 

Der Millionen-Vertrag - skandalös oder branchenüblich?

 

Unter dem Vertrags-Stichwort "Abbruchkosten" ist dort vereinbart, was Gottschalk nach der letzten Sendung noch bekommen haben soll: laut der AG Dok ungefähr 2,7 Millionen Euro. Darin enthalten sind 400.000 Euro für zwei Shows, die laut WDR allerdings weder bei Gottschalk angefordert noch ausbezahlt worden seien. Das aber beruhigt die Diskussionen um die überhöhte Abfindung nicht - es bliebe die zweifelhafte Zahlung von ca. 2,3 Millionen Euro an Gottschalk, fürs Nichtstun.

144 Sendungen der halbstündigen Show im ARD-Vorabendprogramm waren geplant, aber nach nur 77 wurde wegen katastrophaler Quoten das Format abgesetzt. Für diesen Fall war ein "branchenübliches" Sonderkündigungsrecht vereinbart worden, dass "die Fortzahlung des Honorars bis zum Ende der Vertragszeit" enthält, erklärt der WDR in seinem Statement - insgesamt soll Gottschalk also ungefähr 4,5 Millionen Euro vom Sender erhalten haben.

 

Rundfunkbeitrag oder Werbeeinnahmen: Woher kam das Geld?

 

Einen wesentlichen Vorwurf kann die Reaktion des WDR, der für das Vorabendprogramm zuständig ist, überdies nicht entschärfen. Denn wie von der AG Dok vermutet, gingen die Vereinbarungen mit dem Moderatoren-Schwergewicht an den Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten vorbei. Der WDR argumentiert: "Das Format 'Gottschalk live' lief im werbefinanzierten Vorabend des Ersten und wurde ausschließlich über Werbeeinnahmen finanziert. Es wurde kein Gebührengeld ausgegeben. Folglich war auch keine Gremienzustimmung einzuholen, denn es bestand keine finanzielle Verpflichtung der Landesrundfunkanstalten, sondern der Werbetöchter". Die "Süddeutsche Zeitung" bemerkt, dass dies ein "gern verwendeter Kunstgriff" sei: Denn derart horrende Ausgaben für einen Flop schmälern natürlich den Gewinn und damit am Ende die Abgaben an den Muttersender.

 

Schwarzer Peter: Gottschalk, Buhrow oder Piel?

 

Das Argument des WDR, dass Gottschalk 2012 wegen "seiner Bekanntheit und seinem Marktwert als einer der beliebtesten Moderatoren in Deutschland" für eine exklusive Zusammenarbeit die umstrittenen Millionen bekam, mag nachvollziehbar sein. Aber dass der Publikums-Liebling "Tommy" die kolportierten 2,4 Millionen "Abbruchkosten" nach dem Quotendesaster scheinbar in vollem Umfang mitnahm und sofort danach in die Jury der RTL-Castingshow "Das Supertalent" wechselte, hat zumindest einen faden Beigeschmack.

Der von der AG Dok zur Rechenschaft gezogene WDR-Intendant Tom Buhrow (56) war damals zwar noch "Tagesthemen"-Sprecher. Buhrow muss also die Suppe seiner Vorgängerin Monika Piel (64) auslöffeln, die 2013 aus gesundheitlichen Gründen den Intendanz-Posten verlassen hatte. Über ihren Tisch müsste der Vertrag mit dem Entertainer gegangen sein.

 

Was sagt Gottschalk zu der Misere?

 

Bei RTL lief vor wenigen Tagen noch "Gottschalks große Geburtstagsparty" anlässlich seines 65. und zeitgleich veröffentlichte das Showbiz-Urgestein seine Autobiografie "Herbstblond". Bei der "Wetten, dass..?"-Ikone standen die Zeichen auf Erfolg: "Jetzt kommt die Bonusrunde", so Gottschalk in einem kürzlich geführten Interview mit "sternTV". "Was ich jetzt vom Publikum noch einkassiere, ist das Trinkgeld für das Dinner, das ich mein Leben lang serviert habe." Die Enthüllung der saftigen Abfindung dürfte die Freude trüben, aber Gottschalk bleibt schweigsam. Über eine Sprecherin hat er an Pfingsten lediglich verlauten lassen: "Ich habe alles geliefert, was die ARD bestellt hat. Dafür hat die ARD bezahlt, was vorher vereinbart war."

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