"The Knick": Das Schreckenskabinett des Steven Soderbergh

"The Knick": Das Schreckenskabinett des Steven Soderbergh
Dr. John Thackery (Clive Owen) funktioniert nur auf Droge: Dann aber erstaunlich gut © ZDF/Mary Cybulski

Ein Skalpell durchtrennt Haut, Muskeln und Gewebe, mehrere Hände flutschen durch eine Bauchdecke, das Blut spritzt, Innereien quellen hervor. Eine Operation in einem Krankenhaus in New York City im Jahr 1900 - lange vor den Errungenschaften der modernen Medizin. Zu einer Zeit, als der Kaiserschnitt in der Regel mindestens die Mutter das Leben kostete. Man möchte den Blick abwenden und zur Fernbedienung greifen. Doch wer dem Drang widersteht und die ersten zehn Minuten übersteht, wird "The Knick" treu bleiben. Es lohnt sich. Trotz oder gerade wegen des heftigen Magenschwingers zum Auftakt.

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Neue blutige Arzt-Serie

Die zehn Episoden lange Serie von Regisseur Steven Soderbergh, die am Dienstag um 22.30 Uhr auf ZDFneo startet, erzählt vom Leben und vor allem vom Sterben zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum steht das Knickerbocker Krankenhaus in New York City und der dortige Chefarzt Dr. John Thackery (Clive Owen). Ein altertümliches "Grey's Anatomy"? Nicht mal ansatzweise. "The Knick" hat Ecken und Kanten, ist in seiner expliziten Darstellung näher am Splatterfilm und in seiner Dramaturgie betont unterkühlt. Ob Patienten überleben oder sterben wird zunächst mal mit der gleichen schulterzuckenden Gleichgültigkeit registriert.

Der Schauplatz der Handlung hat nichts mit der schillernden Weltmetropole zu tun, die New York heute ist. Kein Mensch wird sich wünschen, dort zu leben. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 47 Jahre, die dichte Besiedlung des Stadtgebiets, die vielerorts herrschenden ärmlichen Verhältnisse, die harte Arbeit und hygienische Mängel sind eine Brutstätte von Krankheiten, Seuchen und Tod. Der menschliche Verfall ist hier stets präsent. Genauso wie Rassismus, Sexismus und Kriminalität. Schön ist das nicht, faszinierend schon.

 

Mut zur Hässlichkeit

 

Soderbergh steckt hinter so schönen und sauberen Filmen wie "Ocean's Eleven" und "Magic Mike". Für den Pay-TV-Sender HBO, der auch bei "The Knick" die Zügel in der Hand hält, inszenierte er den schillernden Spielfilm "Behind the Candelabra" mit Michael Douglas und Matt Damon. Hier entdeckt er nun Hässlichkeit und Elend. Der psychodelische Elektro-Soundtrack hat seinen Anteil an der sogartigen Wirkung.

Wie so oft bei den zuletzt erfolgreichen US-Serien wie "Breaking Bad" oder "Mad Men" wird die Handlung von einem Anti-Helden getragen. Chefarzt Thackery ist ein kokainsüchtiger und narzisstischer Einzelgänger, der seinen Mitmenschen nur wohlgesonnen ist, wenn sie auf seinem OP-Tisch liegen. Er ist ein Wrack, das die Nächte in den Opiumhöhlen der Stadt verbringt, aber immerhin nicht völlig ohne Einsicht: Es dauert eine Weile, bis er dem Afroamerikaner Dr. Algernon Edwards (André Holland) den angemessenen Respekt zollt und mit ihm im Team operiert. Auf eine Wandlung zum Sympathieträger wartet man bei Thackery trotzdem vergebens. Zum Glück.

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