The Ides of March

The Ides of March
© Saeed Adyani

4 von 5 Punkte

Kandidierte George Clooney für die US-Präsidentschaft – ihm wären nicht nur die Stimmen zahlreicher weiblicher Wähler sicher. Der Mann gilt als politisch korrekt, integer und liberal – doch hat er neben seinem Engagement für Umweltschutz und Darfur erklärtermaßen keine Ambitionen, politisch tätig zu werden. Der Hollywoodschauspieler treibt lieber seine zweite Karriere als Regisseur voran und widmet sich dabei – wie zuletzt in 'Good Night, And Good Luck' auch gern mal politischen Themen. Sein neuester Wurf, der Wahlkampfthriller 'The Ides Of March', ist dabei vielleicht nicht sein bester Wurf, aber dafür gibt Clooney einem anderen die Chance, über sich hinaus zu wachsen: Ryan Gosling.

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Der Kanadier, bislang vor allem Kennern kleiner Arthouse-Filme wie 'Lars und die Frauen' oder 'Blue Valentine' ein Begriff, spielt zunächst bewusst etwas gesichtslos den Polit-Berater mit dem gewöhnlichen Namen Stephen Meyers. Der Jungspund hat sich mit harter Arbeit einen Platz im Wahlkampfteam des charismatischen Gouverneurs Mike Morris (Clooney himself) erobert. Der liberale Gouverneur hat gute Chancen der nächste US-Präsident zu werden, muss es aber durch das Minenfeld der Vorwahlen in Ohio schaffen.

Wer bitte außer einem US-Amerikaner soll einen Film durchstehen, der sich zu 90 Prozent um dröge VORwahlen dreht? Keine Sorge, George Clooney stellt das so an, dass es spannend ist, denn hinter den Kulissen bekriegen sich die Kampagnenchefs Paul Zara (Philip Seymour Hoffman ) und sein Gegner bei den Konservativen, Paul Duffy (Paul Giamatti), dass es eine wahre Wonne ist. Duffy versucht sogar, Stephen Meyers fürs Lager der Konservativen abzuwerben und führt den jungen Karrieristen echt in Versuchung.

Doch was in den Büros und Betten der Wahlkampfbrigade bzw. im ‚I like Mike‘-Tourbus abgeht, erfährt der brave Stephen erst, als er sich mit der Praktikantin Molly (Evan Rachel Wood) einlässt. Und auch die geschniegelte Fassade des Saubermanns Mike Morris bekommt Brüche. Stephen muss bitter lernen: Wer in der Politik was werden will, muss über Leichen gehen. Doch ist er dazu bereit? Und hat er wirklich noch die Wahl?

The Ides of March
© Saeed Adyani

Wie ein klassisches Drama fädelt Clooney die Unausweichlichkeit des Handelns für seinen Protagonisten ein. Der Zuschauer ist schnell gebannt und interessiert sich plötzlich brennend für die Wahlprognosen und Senatorenbestechung im fernen Ohio – nicht nur, weil einem manches aus der US-Geschichte der letzten Jahrzehnte verdammt bekannt vorkommt. Leider, wenn es zu dialoglastig wird, merkt man zu sehr, dass ein Theaterstück – ‚Farragut North‘ von Beau Willimon - die Vorlage war und es Clooney an filmischen Mitteln mangelt, das Ganze optisch aufzupeppen.

Aber die durch die Bank brillanten Hauptdarsteller machen das wieder wett. Die beiden Charakterdarsteller Philip Seymour Hoffman und Paul Giamatti, die erstmals zusammen auf der Leinwand zu sehen sind, machen als graue Eminenzen im Anorak einen Super-Job. Marisa Tomei schnüffelt begeistert als Investigativ-Journalistin zwischendrin herum – immer ein bisschen zu sehr auf Tuchfühlung mit der Macht. Evan Rachel Wood ist als Praktikantin Molly eine herrliche Schlampe mit Herz. Und Ryan Gosling macht eine grandiose Wandlung durch – vom naiven Karrieristen zum abgewichsten Machtmenschen und geht damit sicher auf Oscar-Kurs.

Und Clooney selbst? Der hat sich als Regisseur solide geschlagen und macht als Mike Morris ein schönes Pokerface. Der beste Schauspieler war er nie, doch für den aalglatten und undurchsichtigen Präsidentschaftskandidaten ist das perfekt. Ob er sich nicht doch mal aufstellen lassen sollte? Wetten, die Leute würden ihn wählen?

Von Mireilla Zirpins

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