The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten

The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten

4 von 5 Punkten

George Clooney ist ein Mann mit vielen Talenten: Den Oscar hat er schon gewonnen, als Regisseur ist er erfolgreich und irgendwie ist auch immer eine der hübschen Frauen dieser Welt an seiner Seite. Eines gehört aber sicher nicht zu seinen Vorzügen: Vater sein. Clooney und Familie, das sind zwei Gegensätze, wie sie größer nicht sein könnten. Und genau deshalb ist er auch die ideale Hauptbesetzung für die Rolle des Matt King in 'The Descendants'.

- Anzeige -

Dessen Leben ist auf den ersten Blick nicht das Schlechteste: Matt scheffelt als Anwalt ordentlich Kohle und lebt mit seiner Frau Elizabeth (Patricia Hastie, 'Prinzessin Ka'iulani') und den beiden Töchtern, der trotzigen, reizbaren Alex (Shailene Woodley, in ihrer ersten Kinorolle) und der neunmalklugen Scottie (Amara Miller in ihrer ersten Rolle), auf dem malerischen Hawaii. Obendrein ist er Oberhaupt einer Großfamilie, die darauf drängt, den Grundbesitz des Clans möglichst gewinnbringend zu verschachern, doch das bringt ihn nicht um den Schlaf. Dementsprechend hat er auch zu Beginn des Films nichts anderes zu tun, als auf hohem Niveau über die Vorurteile der Nicht-Insulaner zu jammern: “Wir schlürfen hier alle nur Mai Thais, wackeln mit den Hüften und gehen surfen. Spinnen die?"

Doch 'The Descendants' würde nicht als heißer Anwärter für die Oscars 2012 gehandelt werden, wenn Regisseur Alexander Payne ('Sideways') die Handlung 110 Minuten müde dahinplätschern ließe. Und es dauert nicht lange, bis das Lebenskonzept von Matt aus den Fugen gerät. Als seine Frau nach einem Speedboot-Unfall ins Koma fällt, stellt er fest, wie schwierig es ist, sich allein um seine beiden Töchter zu kümmern. Obendrein erfährt er auch noch, dass Elizabeth eine Affäre mit dem jüngeren Immobilienmakler Brain Speer (Matthew Lillard, 'Hackers - Im Netz des FBI') hatte und kurz davor stand, ihn zu verlassen. Überwältigt von Wut, Ohnmacht und Trauer macht er sich zusammen mit seinen Töchtern und Alex' vorlautem Freund Sid (Nick Krause, 'ExTerminators') auf die Suche nach dem Liebhaber seiner Frau.

The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten

Nach 'Up In The Air' zeigt sich Clooney hier von einer komplett anderen Seite: Nicht als kühler Geschäftsmann, sondern als allzu menschlicher, hoffnungslos überforderter Familienvater. Wer ihn in dieser Rolle sieht, der versteht, warum er es im wahren Leben gar nicht erst so weit kommen lassen will. Von seiner Frau betrogen, den Töchtern nicht für voll genommen und der Verwandtschaft unter Druck gesetzt, wird ihm schnell bewusst, wie belanglos seine Sorgen doch bisher gewesen sind. Obwohl ihm das Leben übel mitspielt und er vor allem beim Umgang mit seinen Töchtern in manchen Fettnapf tritt, schafft Clooney es dennoch, Matt stets als Sympathieträger wirken zu lassen. Sein Verdienst ist es, dass der Anwalt auch im größten Chaos nie seine Würde verliert – und das ist in knallbunten Hawaiihemden und Bundfaltenhosen, bei denen die Grenze des guten Geschmacks weit überschritten ist. Das allein ist eine Leistung.

Doch auch Newcomerin Shailene Woodley legt mit ihrem Porträt der 17-jährigen Tochter Alex eine oscarreife Leistung hin. Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sie ihre Rolle souverän vom betrunkenen Klischee-Teenie zu einer überzeugenden Persönlichkeit, die mühelos einen der emotionalen Höhepunkte des Films setzt. Aber auch Robert Forster (bekannt aus 'Jackie Brown') glänzt mit einem schauspielerischen Spagat zwischen garstigem Schwiegervater und fürsorglichem Ehemann.

‘The Descendants‘ lebt neben den schauspielerischen Meisterleistungen seiner Darsteller vor allem von der warmherzigen Erzählweise des Regisseurs. Alexander Payne schafft es, in seiner Tragikomödie stets den richtigen Ton anzuschlagen und den Zuschauer sowohl zu bewegen als auch zu amüsieren – eine exzellent beobachtete, rührende, doch niemals schmalzige Achterbahnfahrt durch die Abgründe des Familienlebens. Mit einem wolkenverhangenen und üppig bewachsenen Hawaii abseits von touristischen Stränden wurde zudem eine für Hollywoodproduktionen angenehm untypische Kulisse gewählt, wie sie passender nicht sein könnte. Dass die Handlung keine großen Überraschungen bereithält, verzeiht man da gern.

Von Timo Steinhaus

— ANZEIGE —