'Suite Française - Melodie der Liebe': Michelle Williams liebt ihren Feind

Michelle Williams und Matthias Schoenaerts in Suite Francaise - Melodie der Liebe.
Lucile (Michelle Williams) und Bruno (Matthias Schoenaerts) können ihre Gefühle für einander nicht verbergen. © Steffan Hill

4 von 5 Sternen

Nachwuchsregisseur Saul Dibb lässt in seinem Melodrama das besetzte Frankreich der 1940er-Jahre wiederauferstehen und erzählt von unerfüllten Sehnsüchten und großen Entbehrungen zu Krisenzeiten. Doch wer nun glaubt, dass 'Suite Française - Melodie der Liebe' nur um die unmögliche Liebe einer Französin zu einem deutschen Offizier in den Wirren des Zweiten Weltkrieges kreist, der irrt. Das Drama, das mit Hollywoodstar Michelle Williams hochkarätig besetzt ist, handelt auch von der Selbstbefreiung einer jungen Frau und nicht zuletzt von einer Dorfgemeinde, die sich erst auf Loyalität einschwört und dann an diesem Versprechen zu scheitern droht.

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Von Rebekka Kaiser

Das französische Burgund der Vierzigerjahre wirkt verdammt trist: Ein tiefgrauer Himmel, der nicht nur Regen, sondern auch Trostlosigkeit verspricht, und ein abgelegenes Dorf, das von Nebelschwaden umhüllt ist – womit sich die Isolation des Einzelnen schon andeutet. Mit solch schwermütigen Bildern beginnt Dibb seine Geschichte von der jungen Lucile (Michelle Williams), die eine leidenschaftliche Pianistin ist. Doch wie zur Bestrafung enthält ihr die herrische Schwiegermutter (Kristin Scott Thomas) den Schlüssel zum Klavier vor. Als müsse die Welt stillstehen, weil ihr Sohn Gacil gegen Nazi-Deutschland in den Krieg zog und seither als Verschollen gilt, duldet Madame Angellier keinerlei Musik und somit Lebensfreude in ihrer Villa. Der gemeinsame Alltag beider Frauen steckt kurzum voller Anspannung.

Die deutschen Feinde rücken immer näher: Erst lassen Flieger Bomben auf die öde Landschaft herabregnen, dann nehmen Soldaten das Dorf ein. Bei Madame Angellier und Lucile zieht Offizier Bruno von Falk (Matthias Schoenaerts) ein, der vor Ausbruch des Krieges Komponist war. Bald erfüllen die triste Villa viele fremde Melodien, die Luciles Neugierde wecken. Nach und nach entdecken sie und Bruno, dass sie mehr als nur die Musik verbindet, und sie verlieben sich ineinander. Damit nehmen auch die monochromen Bilder in bleiernen Blautönen ab, die zuvor noch Luciles Alltag als eintönig und leer charakterisierten. Stattdessen folgen farbprächtige Bilder in blühenden Gärten, die das sinnliche Erwachen von Lucile und Bruno widerspiegeln.

Michelle Williams macht in ihrer Rolle einen Wandel durch

Suite Francaise - Melodie der Liebe mit Michelle Williams und Matthias Schoenaerts.
Bruno von Falk (Matthias Schoenaerts) und Lucile (Michelle Williams) gehen nicht nur mit ihrer Affäre große Risiken ein. © Steffan Hill

Überzeugend wandelt sich Michelle Williams vom stumm leidenden Mädchen, das nicht weiß, was es vom Leben will, zur mündigen Frau. Und ihrem Gegenpart, dem dänischen Schauspieler Matthias Schoenaerts gelingt es, den inneren Zwiespalt Brunos herauszustellen: So spielt er ihn als einen nachdenklichen Offizier, der pflichtgetrieben handelt, aber im Grunde unter der Sinnlosigkeit des Krieges leidet und erst mit Lucile einen seelisch Verbündeten findet. „Ich habe nichts mit ihnen gemeinsam. Die einzige Person, mit der ich etwas gemeinsam habe, bist du“, beschwört er einmal Lucile und distanziert sich damit von den NS-Schergen.

Ihre heimliche Liebe droht ihnen zum Verhängnis zu werden. Eine große Gefahr birgt aber auch das Zerfallen der Dorfgemeinschaft. So kämpft jeder für sich und versucht, seine eigene Haut zu retten. An all diesem Chaos ergötzt sich nur einer: Der sadistische Offizier Kurt Bonnet, der erschreckend glaubhaft von Tom Schilling verkörpert wird. Auf dem Bauernhof von Benoit Labarie (Sam Riley) untergebracht, drängt er sich dort dessen Ehefrau Madeleine (Ruth Wilson) auf. Der intrigante Bonnet treibt ein böses Spiel mit der Bauernfamilie, die um ihre Existenz kämpft und ihm machtlos ausgeliefert ist. Lucile erkennt deren große Not und muss über sich hinauswachsen, um das Schlimmste zu verhindern. Der Konflikt ist zwar spannend, aber schon allzu oft in den Kinos dieser Welt abgespult worden. Viel Spielfreude in der Rolle des Bösewichts strahlt aber Tom Schilling aus, der sonst eher in Filmen mit jungenhaften Charme kokettiert ('Oh Boy').

Im Verlaufe der Geschichte erfährt Lucile die Wahrheit über ihren abwesenden Ehemann Gacil. Daraufhin findet die junge Frau mehr und mehr zu sich selbst, obgleich sie sich durch die Kriegszeit schlagen muss. Doch wahrscheinlich ist es gerade diese Krise, die zeigen soll, wie viel Gutes und Schlechtes im einzelnen Menschen ruht. So mimt auch Kristin Scott eine despotische Hausherrin mit ungeahnten Seiten.

'Suite Française - Melodie der Liebe' strebt keine politische

Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg an. Somit geht der Film auch nicht auf die pervertierte NS-Ideologie ein, die damals alles Andersartige zu vernichten suchte. Gemäß der Gesetze des melodramatischen Genres lotet er vielmehr aus, wie eine kaputte Gesellschaft den Einzelnen an der Auslebung seiner Sehnsüchte und Wünsche hindert. Aufgrund des gesellschaftlichen Drucks wirken Lucile und Bruno stark in sich gefangen. Auf der Kinoleinwand verschmelzen Matthias Schoenaerts und Michelle Williams zu einem Liebespaar, dem man als Zuschauer sehnlichst ein Wiedersehen in einer besseren Zeit wünscht.

Beachtlich ist auch die Geschichte, die hinter 'Suite Française - Melodie der Liebe' steht: Der Film basiert auf einem nicht fertig gestellten Roman der jüdischen Schriftstellerin Irène Némirovsky, die 1942 im KZ Auschwitz starb. Erst 70 Jahre nach ihrem Tod wurde das Manuskript zu 'Suite Française - Melodie der Liebe' von ihrer Tochter entdeckt.

Kinostart: 14. Januar 2016

Genre: Melodrama

Originaltitel: Suite Française

Regisseur: Saul Dibb

Filmlänge: 107 Minuten

Darsteller: Michelle Williams, Matthias Schoenaerts

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